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(in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914)

Der Wunsch, den Dichter noch lange schöpferisch
wirksam unter uns zu sehen, hat nicht Erfüllung werden
dürfen. Christian Morgenstern verließ uns am 31. März 1914.
Seine Kremation erlebten wir in Basel am 4. April. Rudolf
Steiner sprach die tief ergreifenden Gedächtnisworte, von
denen eine Nachschrift leider nicht vorhanden ist. Doch
berichtete er im Mitgliederkreise zu Wien, am 10. April
wie folgend:

"Gestatten Sie mir, bevor der Vortrag beginnt, die
ernste Feier etwas nachklingen zu lassen, die einige von
uns vor wenigen Tagen in Basel, nahe der Stätte unseres
Baues, zu begehen hatten. Letzten Samstag um elf Uhr
haben wir in Basel die irdischen Reste unseres lieben
Freundes Christian Morgenstern den Elementen übergeben.
Karma hatte es durch eine, ich möchte sagen, mir fast wunderbar
erscheinende Fügung gegeben, daß es mir auferlegt war,
zum dritten Male im Kreise von anthroposophischen Freunden
über unsern lieben Christian Morgenstern zu sprechen,
aber zu sprechen in den Augenblicken, bevor wir seine
irdischen Überreste den Elementen übergaben.

Ich durfte vorher zweimal — einmal in Stuttgart,
einmal in Leipzig, gelegentlich von Vortrags-Zyklen, —
darauf hinweisen, mit wie innigem Danke, mit wie inniger
Liebe wir Christian Morgenstern in unserer anthroposophischen
Mitte seit Jahren gesehen haben. So seien
denn heute wenige Worte zu Ihnen, seinen Mit-Anthroposophen

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gesprochen, bevor Fräulein von Sivers einige der
wunderbaren letzten Dichtungen, die noch auf die Veröffentlichung
warten und demnächst erscheinen werden, zum
Vortrag bringen wird.

Es war in Koblenz vor einer Reihe von Jahren, als Christian
Morgenstern zuerst in unsere anthroposophische Mitte
trat. Wir kannten ihn dazumal als den Dichter, der nach zwei
Seiten hin ein Bedeutsames zu entfalten und der Welt zu
offenbaren hatte. Wir kannten ihn als den Dichter, der so
wunderbar sich zu erheben vermochte in die geistigen Welten,
dessen Seele es wie eingeboren war, in den geistigen
Welten zu leben. Und wir kannten ihn auf der ändern
Seite als den bedeutenden Satiriker, der vor allen Dingen
eine seelische Note innerhalb der deutschen Literatur anzuschlagen
wußte, die ganz sein Eigen ist. Und zu verstehen
ist für den, der, um ein Verständnis zu erzielen, in
einem solchen Falle geneigt ist in des Dichters Land, in
des Dichters Geistesland zu gehen, daß gerade ein Geist wie
Christian Morgenstern den rhythmischen Übergang brauchte
von der einsamen spirituellen Höhe, in der er so wunderbar
mit seiner Seele zu leben wußte — zu jener Art, sich zu
erheben über die Disharmonie des Daseins, die Schwächen
des Daseins, die ja bei Christian Morgenstern nur bis an
die Ufer seines eigenen Seelenlebens herantraten, satirisch
eben sich zu erheben über diese Disharmonien, wie sie
an ihn herantraten.

Christian Morgenstern trug in sich das, was er sich

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aus seiner Vererbungsströmung herausgeholt hatte (seine
Ahnen waren Maler): die tiefste Verwandtschaft mit der
Natur, aber mit dem Geist der Natur. Er war so vertraut
mit alledem, was in seiner Seele erzitterte, mit den zartesten
geheimsten Naturwirkungen, daß dann, wenn seine Seele
nachklingen ließ das, was die Natur zu ihr sprach, sie
eigentlich kündete von den Stimmen der Elementarwesen,
der Elementargeister, die durch die Natur wallen und
weben. Und von alledem, was eine tiefe Menschenseele
sich erobern kann aus der Natur, durch ein intimes verwandtschaftliches
Miterleben mit dieser Natur, von alledem
ausgehend, wußte sich unser lieber Christian Morgenstern
zu erheben zu denjenigen Stimmungen gegenüber dem All,
wo die Kunst nicht nur zum Hymnus wird, der die Geheimnisse
der Schöpfung aus sich nachklingen läßt, sondern
wo die Kunst zum Gebet wird. Und Wenige eigentlich
haben es verstanden, den dichterischen Ton hinüber zu
verwandeln in den Gebetston so wie Christian Morgenstern.
Er wußte, was das dichterische, das künstlerische,
das anthroposophische Gebet gegenüber der die Natur
durchwaltenden Geistigkeit ist. Wenn man sich zum
Geiste der Natur so zu erheben vermag, daß sein Wort
durch die Naturerscheinungen wie durch eine verhaltene
Sprache hindurchklingt, dann wird das, was die Seele ausatmen
möchte: "Ja, ich will unter Euch sein!" Und wenn
die Seele dieses "Ja" in sich so zu beleben versteht, daß das,
was in der Seele lebt, selbst zur wogenden, wallenden Welt

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wird, hinausfließt ins All, sich mit ihm eins weiß, — und
wenn dann die Seele überquillt in Dankbarkeit, leben zu
dürfen in diesem All, sich begnadigen, sich segnen zu lassen
von diesem All, — wenn das alles dann Dichterlaut,
Dichterwort wird, — dann entsteht solche Kunst, wie sie
uns so vielfach aus Christian Morgensterns Dichtungen
entgegentönt. Derjenige, der sich so erhebt, sich so zu
erheben hat durch sein Karma in die spirituellen Höhen
des Alls, der braucht — wie die tagwachende Zeit des
Menschen abwechseln muß mit der nachtschlafenden — der
braucht die andere Seite, die dann in Christian Morgensterns
Satire zum Vorschein gekommen ist, — in jener Satire,
die man doch nur dann ganz versteht, wenn man in die
zarte, liebe Seele Christian Morgensterns eindringt.

So war er, der dichtende Anthroposoph, der anthroposophische
Dichter, die anthroposophisch tieffühlende Seele,
als er damals in Koblenz in unsere Reihen trat. Nun erlebten
wir seinen Leidensweg in den letzten Jahren, in dem er
immer mehr und mehr all das, was ihm geistig-seelisch wert
war, mit den Zielen unserer Geistesströmung verband; wir
erlebten seinen Leidensweg auf der einen Seite — und seinen
hohen dichterischen Aufschwung, die wunderbaren Offenbarungen
einer herrlichen Menschenseele. Ja, das darf
unter die günstigen Schicksalsschläge unserer anthroposophischen
Bewegung gezählt werden, daß sie in den letzten
Jahren Christian Morgenstern in ihrer Mitte haben durfte.
Dasjenige, was wir zu erforschen trachten, dasjenige, in

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das wir uns zu vertiefen trachten inbezug auf die geistigen
Welten, es klang uns in so herrlichen Tönen entgegen
aus den Dichtungen Christian Morgensterns! Dichterisch
erschuf er unsere Forschungen wieder. Wer so mit unserer
Bewegung verwächst, daß ihm Leid und höchster dichterischer
Aufschwung eins wird mit den intimsten Zielen
unseres anthroposophischen Lebens, der adelt unsere Bewegung.
Und Christian Morgenstern, er gehörte mit all dem,
was er in sich hinauf erheben konnte, aber auch mit alledem,
was er in seinem siechen, ihm so viele Hemmnisse bietenden
Körper in den letzten Jahren erlebte, mit seinem ganzen
Leiden gehörte er zu uns, weil er mit dem ganzen Umfange
seines Gefühls zu uns gehörte. Wie nahm er sein Leiden
hin, dasjenige, was von seinem Physisch-Leiblichen als
Hemmnis ihm entgegentrat, wenn er, in unseren Ideen,
in unseren Anschauungen, in unseren Erlebnissen lebend,
dichterisch in sich widerspiegeln fühlte dasjenige, was uns
offenbart ist! Und so konnte er sprechen, sprechen von
seiner im Leibe dahinsiechenden Kraft, daß er in einer
Skizze, die in der letzten Zeit seines Lebens erschienen ist,
die folgenden Worte fand:

"Vielleicht war es dieselbe Kraft, die (so sagt er)
nachdem sie ihn auf dem physischen Plan verlassen hatte,
geistig fortan sein Leben begleitete und, was sie ihm leiblich
gleichsam nicht hatte geben können, ihm nun aus geistigen
Welten heraus mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte,
bis sie ihn nicht nur hoch ins Leben hinein, sondern zugleich

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auf Höhen des Lebens hinauf den Weg hatte finden sehen,
auf denen der Tod seinen Stachel verloren und die Welt
ihren göttlichen Sinn wieder gewonnen hat."

So hat er gesprochen. So hat er sein Verhältnis zur
geistigen Welt aufgefaßt. An uns ist es, zu denen er gehört
hat, treulich dieses Andenken zu pflegen. Wir stehen ja
auf diesem Standpunkte: der Tod hat, durch unsere Geistesforschung
für uns alle, wenn wir ihn richtig verstehen,
seinen Stachel verloren... dabei standen wir aber doch in
Schmerz vor den irdischen Resten Christian Morgensterns
in der letzten Woche. Wir wissen, unser Freund ist zu
einer Reise in Lande, die uns unsere Forschung immer
mehr und mehr offenbart, gegangen: nicht von uns ist
er gegangen, er ist in die geistigen Welten eingezogen, in
denen er immer inniger und inniger mit uns verbunden
sein wird.

Aber es war noch etwas ganz Besonderes bei Christian
Morgenstern in den letzten Jahren: es war denjenigen, die
ihm persönlich näher standen, etwas so Wunderbares, zu
wissen wie er, wenn er in den schweizerischen Höhen ruhte
oder seine Gesundheit zu verbessern suchte, — wie er räumlich
weit von uns, doch geistig mit uns vereint war. Es war
mir oftmals ein so liebes, ein so inniges Gefühl da und dort,
in dieser oder jener Stadt, ihn über geistige Dinge sprechen
zu wissen. Zu wissen: in schweizerischen Höhen, da weilt
er, dichterisch in denselben Geisteshöhen lebend und mit
mir die Seelenlande durchziehend.

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Da war dann seine liebe Gattin, die heute unter uns ist,
oftmals die Botin, die zu den Zyklen, den Vorträgen kam,
die uns physische Botschaft von ihm brachte, die das, was
unter uns vorging, ihm wieder mitteilte. Innige Gemeinschaft,
innige Geistesgemeinschaft war zwischen uns. Und
er weilte da oben. O er hatte gelernt, in den Einsamkeiten
des physischen Lebens zu leben, weil er durch sein ganzes
Leben den Geist suchte und ihn auch gefunden hat. Er
brauchte nur zusammenzuhängen mit dieser Außenwelt der
Menschen durch seine ihm so unbegrenzt verständnisvolle
Gattin; nur durch sie brauchte er zusammenzuhängen mit
dieser äußeren Menschenwelt, — durch die Gattin, die ihm
allerdings durch das seltene Verständnis, das sie ihm entgegenbrachte,
die ganze Menschheit repräsentieren konnte.
Es ist etwas Wunderbares im Leben, mitanschauen zu
dürfen einmal solch inniges Seelenverständnis zweier
Individualitäten.

Aber wir standen doch in Schmerz bei seinem physischen
Ende. Als ich ihn einmal während seines schweizerischen
Aufenthaltes in Zürich traf, — die Stimme war schon umflort,
der Leib hatte nicht mehr die Kraft, die Stimme zu
durchtönen, Heiserkeit hatte sich ausgegossen über sein
Sprechen... aber es gab bei Christian Morgenstern noch
eine andere Sprache: eine seltene Sprache dieser wunderbaren
Augen, in denen die Seele erglänzte, wie nur bei wenig
Menschen sie durch Augen erglänzen kann; man fühlte,
wie viel er einem mit seinen Augen sagen konnte. Und man

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fühlte in so manchen Momenten, wie viel er zu sagen vermochte
durch das nur ihm eigene Erzählen. Wir werden
diese Sprache nicht mehr mit ihm sprechen können...
das war gerade unser Schmerz, — denn wir hatten ihn so
lieb. Aber das wird auch die Veranlassung sein, daß wir
ihn immer lieber und lieber haben werden, daß wir treulich
mit ihm vereint sein werden, je nach der Art, wie wir
das geistig vermögen. Er wird unter uns leben als Vorbild,
— er wird unter uns leben so, daß wenn wir uns fragen:
"Wie sollen sein die besten Anthroposophen?" wir als mit
einem der ersten Namen antworten werden mit dem Namen
„Christian Morgenstern!"

Ich durfte in Leipzig, als ich noch sprechen konnte in
seiner Gegenwart, ein Wort gebrauchen von denjenigen
Dichtungen, in denen widerklingt, was unsere Weltanschauung
ist, — ein Wort, das ich aus tiefster Seele spreche, weil
ich so sehr die Wahrheit dieses Wortes empfinden muß:
Christian Morgensterns Dichtungen, von denen Sie nachher
einige Proben hören werden, sprechen zu uns wahrhaftig
nicht bloß durch dasjenige, was in Gedanken, in Gefühlen
sich ausspricht... Seele lebt in ihnen, das lebt in ihnen, was
wir oft Aura nennen. Seine Gedichte haben Aura! Und
fühlen konnte ich das oft, wie diese Gedichte Lebewesen
sind, wenn ich Christian Morgenstern gegenüber es selbst
versuchte, so recht in seine Seele einzudringen — in seine
Seele, die mir so lieb geworden war, daß ich durch diese
Liebe auch inniges Verständnis gewonnen habe —, wenn

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ich versuchte, dahin mit der Seele zu gehen, wohin so viele
seiner wunderbaren Gedichte führen: auf dieses einsame
Eiland ! — Denn manche seiner Gedichte sind, wie wenn
sie uns auf eine einsame Insel führten, aber auf eine Insel,
wo man sich mit dem, was durch das All wallt, eins fühlen
kann. Und wenn dann Christian Morgenstern, selbst in
sich erklingen fühlend die Töne des Weltengeistes, auf dem
Seeleneiland seine wunderbaren Töne erklingen ließ, dann
verstand man ihn nur, wenn man ihm zu folgen verstand.
Oft ist es gesagt worden: Wer den Dichter will verstehn,
muß in Dichters Lande gehn. Christian Morgenstern ist
ein Dichter des Geistes. Wer diesen Dichter des Geistes
will verstehen, der muß in die Lande des Geistes, in die
Geisterlande gehen. Manche Töne in den Dichtungen, die
Sie nachher hören werden, strömen Aura aus; sie sind so,
wie wenn sie wahrhaftig schon gesprochen wären aus dem
Geisterland heraus, von einer Seele, die sich des Seins im
Geisterlande voll bewußt ist, von einer Seele, die sagen durfte:

"Vielleicht war es dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn
auf dem physischen Plan verlassen hatte, geistig fortan sein
Leben begleitete und, was sie ihm leiblich gleichsam nicht
hatte geben können, ihm nun aus geistigen Welten heraus
mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte, bis sie ihn nicht
nur hoch ins Leben hinein, sondern zugleich auf Höhen
des Lebens hinauf den Weg hatte finden sehen, auf denen
der Tod seinen Stachel verloren und die Welt ihren göttliehen
Sinn wiedergewonnen hat."

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Wir mußten Christian Morgenstern in seinen irdischen
Resten den Elementen übergeben in jener Zeit, da wir in
der Erwartung sind, daß gerade diejenigen Dichtungen,
welche seinen höchsten geistigen Aufschwung offenbaren,
in die Welt hinausgehen werden. Diese Dichtungen, wir
erwarten von ihnen, daß sie viele Seelen in ihren tiefsten
Tiefen ergreifen werden; daß viele, viele Seelen in ihren
tiefsten Tiefen Erlebnisse aus diesen künstlerischen Schöpfungen
haben werden, die die Seelen hinführen zu dem
Geisterland.

Damit habe ich Ihnen einiges von dem gesagt, was ich
aus ganz persönlichem Empfinden heraus Ihnen sagen
möchte. Er lebte so, daß er eine Sehnsucht in einem kleinen
Gedichte aussprach, eine Sehnsucht, von der ich aus tiefstem
Herzen sagen möchte: "Sie ist in Erfüllung gegangen!"

Er, der Rätselsinner, liebte die rätselsinnenden Dichter
des Nordens; und er hat ja in so vertiefender Art die Dichtung
Ibsens und andere Dichter übersetzt. Und während er
im Norden weilte, gewann er den Norden lieb. Das war
eine Empfindung, die sich bei ihm verband, harmonisch
verband, mit dem, was von deutschem Geistesleben in seine
Seele hinein klang. Der große Erleber Nietzsche, einer der
deutschesten Dichter, Lagarde — ihre Anschauungen waren
es, ihre Impulse waren es, in die sich seine Seele so gerne
vertiefte. Das alles drängte sich zusammen in Christian
Morgensterns Seele. Und in einem Augenblick, der wohl
so recht geboren war aus einer Stimmung, die in den Zeilen

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sich offenbart, die ich Ihnen zweimal vorzulesen mir erlaubte,
in einem solchen Augenblicke entstanden jene Zeilen:

    "Zu Niblum will ich begraben sein,
    am Saum zwischen Marsch und Geest...

    Zu Niblum will ich mich rasten aus
    von aller Gegenwart.
    Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus
    nur den Namen und: "Lest Lagarde!"
    Ja, nur die zwei Dinge klein und groß:
    Diese Bitte und dann meinen Namen bloß.
    Nur den Namen und: "Lest Lagarde!"

    Das Inselchen Mutterland dorten, nein,
    das will ich nicht verschmähn.
    Holt mich doch dort bald die Nordsee heim
    mit steilen, stürzenden Seen —
    das Muttermeer, die Mutterflut...
    O wie sich gut dann da drunten ruht,
    tief fern von deutschem Geschehn!"

Vieles hat sich noch verwandelt in Empfindungen in
den letzten Jahren. Aber wir, im Geiste, wir schauen ihn,
den Elementen übergeben, am Rande des physischen Seins,
am Strande des physischen Seins. Und wir sehen — in einer
höheren Weise noch, als er es damals in diesen Zeilen zu
sagen vermochte — aufgenommen von der Mutterflut, der

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höchsten menschlichen Heimat, diese Seele, die so sehr
beheimatet war in dem Mutterlande des Geistes, der Menschenseele.
Ja, wir dürfen es sagen: er ist dort begraben, wo
er begraben zu werden verlangte. Aber er soll begraben
werden, begraben werden so, daß dieses Begraben-werden
eine stetige Auferstehung ist in unseren Herzen, in unsern
Seelen: in ihnen will er leben! Und eingeschrieben wird
sein Name sein in unseren Seelen. Und diejenigen unter
uns, die nicht bloß äußerlich, sondern ganz innerlich mit
dem Geistesleben, dem wir uns gewidmet haben, verbunden
sein wollen, die werden verstehen, wenn ich jedem einzelnen
als ganz persönliche Bitte nun vortrage: es mögen die
Seelen unserer Freunde sich anthroposophisch vertiefen
lassen in dem, was sie an Anthroposophie erleben und in
sich vertiefen können — durch die künstlerische Wiedergeburt
der Anthroposophie aus den Dichtungen Christian Morgensterns.
So wollen wir freudig — vereint mit seiner ihm so
verständnisvoll und liebevoll zur Seite gestandenen und ferner
zur Seite stehenden Gattin — ihr treulich beistehen in der
Pflege des Angedenkens. So wollen wir lebendig mit
unserem Freunde vereint sein, wollen seinen Namen oftmals
lesen auf dem Gedenkstein, der ihm in unseren Herzen er/
richtet werden soll, und dann wissen, daß wir es niemals
ohne den tiefsten geistigen Gewinn tun werden, wenn wir
befolgen das Wort, das ich jetzt, umändernd seine eigenen
Worte, als meinen tiefsten Wunsch ausspreche: Wenn wir
ihn sehen auf dem Gedenkstein unseres Herzens geschrieben,

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den Namen Christian Morgenstern, dann lassen wir uns
das, seine Worte umändernd, zu einer Aufforderung sein!
Lesen wir, lesen wir oft:

Christian Morgenstern !

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915