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Vorwort

Marie Steiner

Innerhalb des erstickenden Subjektivismus, der die
reichlich wuchernde lyrische Dichtung um die Jahrhundertwende
erfüllte, gab es wohl einige kühlende, isolierte Marmoraltane,
die auf manche Menschen sogar wie Tempel wirkten,
trotz ihrer Öde und der Geziertheit ihrer Ornamentik; es
entstieg auch manchmal dem durch die Begegnung dieser
entgegengesetzten Temperaturen entstandenen Luftstrom ein
Niederschlag der Wehmut, ein Wind des vagen Sehnens,
der fast echt wirken konnte. Aber der große Hintergrund
fehlte, die Wahrheit, die der Kunst ihre Berechtigung und
Bedeutung gibt, das die All-Welt umspannende Gefühl,
der göttliche Hauch, der durch das Wort in die Menschheit
hineindringen will. Sehnsüchten finden wir zwar, aber
meistens Unruhe und Hast, Müdigkeit, Zweifel, Gleichgiltigkeit
den Lebensrätseln gegenüber, und vor allem ein
Absorbiertsein durch die enge Persönlichkeit und deren
Angelegenheiten, durch das Interesse an dumpfen Seelenstimmungen.
Es waren die Wege verrammelt, die zu den
Höhen der Dichtung führen, auch in der Epik, auch im
Drama, das Probleme aufwarf, für die es keine Lösung

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fand, die in Sackgassen mündeten. Wer auf diesen Gebieten
in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Gipfel der
Schönheit, des Gedankenaufschwungs erklommen hatte,
galt den ändern als Epigone, wurde von den Dichtern des
l ’art pour l’art über die Achsel angesehen, wurde aber auch
nicht populär: — so erging es Hebbel, Hamerling, Jordan.
Oder schlimmer noch, außer diesem Makel des Epigonenhaften,
wurde ihnen das Stigma der physischen Erkrankung
angeklebt. Damit glaubte man zum Beispiel, in ästhetisierenden
oder biedermeierischen Kreisen sich hinwegsetzen
zu können über die vollendete Schönheit der Werke des viel
zu wenig erkannten und gewürdigten C . F. Meyer. Von den
in ihrem Urteil als maßgebend geltenden Autoritäten der
Ästhetik nicht genügend gestützt, wurden solche Dichter
ihrem Volke nicht, was sie ihm hätten sein können: Erzieher
zur Wahrnehmung echter Schönheit, Lenker der Seele
zu geistigen Höhen und Tiefen. Selbst in den Fällen, wo die
Natur warm und innig, und die Historie groß und stark
empfunden wurde, zum Romanzen- und Balladenstil sich
emporhob wie bei Fontane, fehlte doch das letzte Geheimnis
der Dichtung: das spürbare Walten göttlicher Vorsehung,
das Weben der Geister der Elemente, der Pulsschlag der
Göttin Natura und das Flügelrauschen der Schicksalsgottheiten.
Voll Wehmut klagt schon Novalis über die für
eine unkindliche Menschheit eingetretene Entseeltheit der
Natur, über den Zerfall der unermeßlichen Blüte des tausendfachen
Lebens, über die Flucht der Phantasie: die Seele

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der Welt muß "bis zum Anbruch des neuen Tages sich
zurückziehen in des Gemütes höheren Raum".

So war es damals, als die alten Götter verschwunden
waren, als die Welt auf den Christus wartete. So ist es
wiederum jetzt, wo die Welt den Christus zu verlieren
im Begriff ist, ihn in gewissem Sinne schon verloren hat.
Entchristet ist die Menschheit. Und hierin liegt der Grund
der für die Seele eingetretenen geistigen Öde.

Einige Gottsucher schritten über unsere arme Erde
hin — als Einsame. Sie suchten mit allen Kräften der
menschlichen Seele den Geist in der Natur und im Ich.
Sie suchten mit ihrem Gewissen das irdische Geschehen zu
umspannen, indem sie es auf sich nahmen im Erleben
von Schuld und Sühne, und sie wurden so zum Gesamtgewissen
der Menschheit. Sie entzündeten in ihren Herzen
die Fackel der Andacht, die zum Leuchter wurde lichter
Gottheitempfindung. Die Einsamkeit ward ihnen oft zum
bittern Leid: sie konnten auf das Verständnis der Mitwelt
nicht rechnen und mußten schweigen, mußten verstummen
oder geächtet werden. Einem dieser Sucher um die Jahrhundertwende,
einem Dichter, war es von Gott gegeben
zu sagen was er litt, und wie das Leiden allmählich für
ihn zur Freude und zum Glücksempfinden wurde. Es
war Christian Morgenstern.

Wie trat er doch anders unter die Menschen als jene,
die absorbiert sind vom eigenen Geschick. Er trug das seine
in Stellvertretung für die Ändern, er war sich selbst nebensächlich

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geworden. Und als er gefunden hatte, was er so
lange gesucht — die ihn überzeugende Kunde vom Geist, den
Pfad und den Lehrer, dem er unbedingt vertraute — erfüllte
ihn nur noch unendliche Dankbarkeit. Dies gab seinem
Auge das eigentümliche Leuchten, ein ausstrahlendes,
von Milde und Güte beseeltes Leuchten, während sein
Lächeln immer wieder im Schweigen Neues, Sinnvolles
erzählte, Vieles erzählte, was wir in seinen Dichtungen ausgebreitet
finden als unermeßliche Blüte des tausendfachen
Lebens. Dieses Novalis-Wort läßt sich im ausgiebigsten
Sinne auf ihn anwenden. Wie spricht die Natur zu ihm
doch ihre eigene beseelte Sprache! Er taucht unter in all
ihre Regungen. Das große kosmische Herz schlägt ihm
entgegen unter der Farbenfülle der Wiesen und Matten,
spürbar, hörbar. Der Wind atmet Leben, Mutwillen,
braust auf, klagt, zürnt; die Bäume erzittern in Lust und
Sehnsucht, wenn die Sonne sie wohlig durchwärmt; die
Gräser klingen, das Getier ergeht sich in schalkhaften Spässen,
oder gibt sich archaisch ernst, unterhält sich mit uns, entdeckt
uns seine Seele. Greifbar, schaubar wächst das Walten der
Natur heran zum Mythos, — nimmt prähistorische Formen
an, lagert sich vor unsern Augen im Felsgestein der Firne
als Kentaur, um dann wieder in Sturm und Brausen davonzujagen
und neue Wandlungen zu begehen: Pulsschlag
des Lebens allüberall, nirgends schattenhafte Spiegelung
auf dem Bodensatz unserer vorstellenden Gedanken. Und
dieses Leben wandelt sich ihm wiederum in Musik. Zur

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Melodie wird diese Sprache. Zur zarten, leisen, apollinisch-
orphischen Melodie, die aber allmählich mitreißt, uns
hinreißt, so daß die leblose Welt zum regen Sein erweckt
wird, und die stumme Kreatur durch sie Persönlichkeit
wird: höchste Wirkung objektiv sich gebender, zur Musik
gewordenen Seele, die den Wesen das entlockt, was ihnen
eigentümlich ist, und sie dadurch in Bewegung bringt,
zum Tönen bringt, nicht übertönt, sondern die ihnen innewohnende
Eigenbewegung wahrt.

Immer innerlicher wird diese Sprache und immer geflügelter.
Sie durchmißt die Räume der Seele, bis sich
ihr des Himmels unendliche Weiten als Aufenthalt der
Götter offenbaren. Dort aber wird diese Sprache zur
durchsichtigen Opferung, zur Hymne, zum Gebet.

So gibt sie sich, so klingt sie aus in den Gedichten
"Wir fanden einen Pfad": als die Erfüllung dessen, was die
Sehnsucht eines großen Lebens war, die Sehnsucht vieler
Gottsucher, für die dieser Dichter der sprechende Mund hat
werden können in einer Zeit, wo der Dichter allein noch
das Recht hatte, göttliche Offenbarung laut und lebendig
werden zu lassen. Immer sonnendurchtränkter, sonnendurchwärmter
wurde seine Sprache. Und für diese Durchleuchtung
mit Sonnenkraft und Christuslicht, die eines
sind, dankt der Gottsucher und Dichter dem Gottesfreund
und Denker Rudolf Steiner; beide Künstler und Künder
dieses Lichts und seines tausendfachen Lebens in Wesen,
Wort und Tat.

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Hier ist nicht der Ort, um von jener ändern Seite der
reichen Begabung Christian Morgensterns zu sprechen durch
welche er die Mitwelt erobert hat, die aber weit hinausgeht
über das, was davon von ihr erfaßt wird. Es ist das
eine Welt für sich — jene unendlich geistreiche Verstandes-
Spiegelung der Äußerlichkeiten, Schwächen und Fehler
unserer Zeit, gekleidet in entzückend "gottvollen", nie
lieblosen Humor, aber mit subtilster Schärfe der Beobachtung.
Die jungen Künstler können noch lange sich daran
entwickeln und Weisheit aus ihr trinken. Auf diesem
Gebiete des feinsten Sarkasmus wird es heißen: viel künstlerisch
tun und wenig reden.

Das aus den Gebieten des Geistes Geholte, das Rudolf
Steiner über Christian Morgenstern gesprochen hat, wird
von der Mitwelt noch nicht verstanden werden können.
Hier liegen die Ansätze zu jenen Geistesbiographien, auf
die er uns hingewiesen hat, die hoffentlich einmal von
Berufenen geschrieben sein werden. Wir können zunächst
nur einige Bausteine dazu herantragen, die uns — in diesem
Falle leider noch dazu in unvollständigen Nachschriften
gegeben sind; können zunächst nur Zusammentragen was
Rudolf Steiner aus der Fülle seiner Erkenntnis über Christian
Morgenstern gesprochen hat. In unserm Herzen soll es
weiter leben und etwas von jener Dankbarkeit ihm gegenüber
wecken, die Christian Morgenstern selbst in so reichem
Maße darlebt, dort wo er von Dank sich durchdrungen
fühlt.

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Trotz dieser Unvollständigkeit soll hier in schlichter
Reihenfolge dasjenige mitgeteilt werden, was als Betrachtungen
Rudolf Steiners über das Werk und Wesen Christian
Morgensterns erhalten werden konnte. Die erste in anthroposophischen
Kreisen ihm gewidmete Veranstaltung fand in
Stuttgart statt, am 24. November 1913. Margareta Morgenstern
berichtet darüber in der von Michael Bauer und ihr
herausgegebenen Biographie, deren Studium allen Geist-
Suchern warm empfohlen werden kann*). Man hatte damals
an einen Stenographen nicht gedacht, war doch der Tag
wie eine Feier empfunden worden; wie ein Geschenk war
es, daß trotz der schweren Erkrankung der Dichter wieder
unter uns weilte. Erst nachträglich, erst in diesen Tagen
ist es uns gelungen, im Nachlaß eines Verstorbenen stenographische
Notizen zu entdecken, die nun entziffert worden
sind und nur eine Zusammenfassung des von Rudolf Steiner
Gesprochenen sein wollen, aber doch den wesentlichen Gedanken
und den Charakter der Ansprache wiedergeben.
Christian Morgenstern schien an jenem Tage wie losgelöst
von seinem Leiden und glücklich. Wer sein Lächeln damals
erlebt hat, wird es nicht vergessen. Das völlige Sich-
Verstehen und Ineinander/Übergehen zweier großer Geister
schuf, allen fühlbar, eine Atmosphäre, die tragende Kraft
hatte und Zukunftshoffnung ausstrahlte. Rudolf Steiner war
dankbar das aussprechen zu können, was sein Herz bewegte;

________________
*) Christian Morgensterns Leben und Werk, Verlag R. Piper & Co.,
München.

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für ihn gab es kein schöneres Glück als das Große
im Andern anerkennen. Er tat es in beredten Worten in
der einleitenden Ansprache zur Rezitation jener Lenzesluft
und Sonnenweben atmenden Gedichte, die in der Sammlung
"Auf vielen Wegen" wie Fluren- und Waldeszauber
blühen, wie das Leben der verklärten Geistnatur. Der
Sprecherin spendete Christian Morgenstern das schönste
Lob, indem er seine Lieder so empfunden fand, wie er
sie selbst empfunden hatte, als er sie schuf, und so wie er
sie wiedergegeben hätte mit seiner eigenen Stimme. Damals
begann er seine Stimme zu verlieren, und tiefer Schmerz
erfüllte alle, die da wissen, was dieses Zeichen bedeutet.

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915