RS: GW: S

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
 

 

   S. 15
Rudolf Steiners Ansprache

in Stuttgart, am 24. November 1913

Liebe Freunde, Sie gestatten mir wohl, daß ich der
Rezitation von Dichtungen unseres verehrtesten lieben Mitgliedes
Christian Morgenstern einige Worte vorangehen
lasse. Darf ich doch bei einer solchen Gelegenheit anders
sprechen, als ich sonst immer vor Ihnen zu sprechen habe.
Sonst fühle ich mich verpflichtet, wenn ich spreche, Persönliches
nicht zu berühren und unsere geisteswissenschaftliche
Weltanschauung sprechen zu lassen. Dieses Mal aber
darf ich so zu Ihnen sprechen, wie ich sprechen muß,
wenn ich zu einer solchen Verpflichtung nicht verhalten
bin. Ganz persönlich darf ich zu Ihnen sprechen gerade
bei einer solchen Gelegenheit.

Gern möchte ich bei einer solchen Gelegenheit die
Seelen unserer lieben Freunde sehen in einer Art von Festes/
Schmuck: weil mir vorkommt, daß dies eine Gelegenheit
ist, wo wir in einer gewissen Beziehung fühlen können
und fühlen dürfen etwas unmittelbar Menschliches von dem
Werte und der Wahrheit dieser unserer geisteswissenschaftlichen
Bewegung. Etwas von dem Werte und der
Wahrheit dieser unserer geistigen Bewegung können wir

   S. 16
aber auch sicher wissen dadurch, daß wir anführen die
Gründe und die guten Belege zu dieser geisteswissenschaftlichen
Weltanschauung: das aber sind Dinge, die ein jeder
selbst besorgen muß — wenn wir uns richtig verstehen —
ganz unbekümmert um dasjenige, ob er diesem oder jenem
Standpunkte unserer Weltanschauung zustimme oder nicht...
aber es gibt andere Beweise. Es gibt solche Beweise, die uns
recht sehr zu Herzen sprechen können. Lassen Sie es mich
schlicht und einfach aussprechen, daß es diese Beweise
unserer Weltanschauung recht gut geben kann... dieses
schlichte Aussprechen ist aber recht sehr herzlich gemeint:
Es ist das Wort, das unserer Weltanschauung etwas von
seiner inneren Wahrheit gibt dadurch, daß sie sagen darf:
"Auch Dichter kommen zu uns". Und derjenige wird
mich am besten in diesem Augenblick verstehen, der so tief
— wie es gerade Christian Morgenstern gegenüber sein
kann, das Wort "auch Dichter kommen zu uns" empfindet,
gerade im Hinblick auf den inneren Wahrheitswert und
die Verdeutlichung desjenigen, was der Kern unserer
geisteswissenschaftlichen Weltanschauung sein mag.

Es gibt Erlebnisse des menschlichen Herzens, die —
soweit man Umschau hält in allen Welten des Natürlichen,
Menschlichen und Göttlichen — nur auf demjenigen Wege
die rechten sind, den man gehen darf an der Seite der Seele
des Dichters. Und das empfinden, heißt eigentlich erst so
recht erleben, was der Dichter dem Erdenleben ist. Und
es gibt Momente, wo — gerade von Seiten des Dichters —

   S. 17
der menschlichen Seele gegeben werden kann, was unvergänglich
ist.

Meine lieben Freunde, ich möchte, wie gesagt, nur
einiges Symptomatische, ganz Persönliche sprechen — nur,
weil wir uns vielleicht auf diesem Wege zu jenem Festes-
Schmuck der Seele recht rüsten, den ich so gern sehen würde,
wenn so etwas wie Christian Morgensterns Dichtungen —
in den Muße-Augenblicken, die man hat — auf die Seele
sich senken. Dann fühlt man etwas von dem, was ich
eben angedeutet habe.

Für mich selbst gab es in den letzten Tagen noch etwas
ganz Besonderes in Verbindung mit diesen Dichtungen.
Ich las einige Seiten, die unser liebes Mitglied Christian
Morgenstern niedergeschrieben hat, und ich darf gestehen
(— vielleicht wird mir das von Christian Morgenstern selbst
nicht übel genommen, wenn ich ein paar Minuten vor der
Rezitation dazu in Anspruch nehme): daß zu den Mo/
menten seltener Freude, ganz innerer Freude das Lesen so
mancher der anspruchslos/schlichten Worte gehört, die als
"Autobiographische Notizen" in dem Verlags-Almanach
Piper, München, erschienen sind. Ich darf ja persönlich
sprechen. Man fühlt sich gerade durch die Berührungen von
Christian Morgensterns liebeerweckender Gemeinschaftsseele
mit einer ändern zusammen in Regionen getaucht,
wo man sich mit dieser Seele zusammen zwar vereinsamt,
aber von den Weltenmächten umspült findet ... wenn man
so etwas liest, wie die Anfangsworte zur Autobiographischen

   S. 18
Notiz. Man erfühlt sich so wie von etwas eigenartigem
Geheimnisvollen angeweht, wenn jemand so etwas sagt!
Vielleicht wird manchem sonderbar erscheinen, daß ich dieses
hier ausspreche, aber es ist so:

"Das Jahr 1901 sah mich über den 'Deutschen Schrif­ten'
Paul de Lagardes. Er erschien mir — Wagner war
mir damals durch Nietzsche entfremdet — als der zweite
maßgebende Deutsche der letzten Jahrzehnte, wozu denn
auch stimmen mochte, daß sein gesamtes Volk seinen
Weg ohne ihn gegangen war."

Wenn man vorbereitet ist zum Aufnehmen einer
selbständigen Charakteristik des Dichters, so wird einem
viel durch die Seele ziehen können bei so schönen, scheinbar
anspruchslosen Worten.

Das möchte ich andeuten, um sagen zu können, daß
bei Christian Morgensterns Dichtungen etwas empfunden
werden kann von dem, wovon ich meine, daß es eben in
Regionen führt, in die man als Menschenseele nur auf zwei
Wegen kommen kann: entweder als Schaffender, oder aber
an der Seite der Seele eines Schaffenden. Sonst werden einem
verschlossen diese Regionen menschlichen Empfindens und
Erlebens, die gefunden werden können, wo entstanden sind
Dichtungen wie "Der Stern", oder wie manches wunderbar
schöne Landschaftsbild in Christian Morgensterns Werk. —
Sonst ist einem der Weg zu dieser Region verschlossen.
Und das zweite Wort, das ich aussprechen möchte,
wo wir einen tiefen Eindruck vom Leben erhalten, ist jenes

   S. 19
Wort, das uns so recht offenbart, was jeder Mensch als
einzelne Individualität ist für sich: Es gibt etwas in der
Welt für jeden, der als Dichter-Individualität vor uns steht,
was ein Heiligtum ist, zu dem kein anderer Mensch als
nur er selber kommen kann. Denn die Götter haben für
jede solche Seele einen einsamen, isolierten Ort im weiten
Weltenall geschaffen, wovon die Ändern ausgeschlossen
sind, wenn der Betreffende sich ihnen nicht nähert so, daß
er sie zu seinem Heiligtume hinführt, wenn er sie nicht
geistig an der Hand nimmt und hinführt... Daß man etwas
empfinden kann von der Schöpfung, von der inneren
Seelenschöpfung, die der Dichter in die Welt hineinstellen
will, das möchte ich Ihnen mit diesen Worten zum Ausdruck
gebracht haben.

Über die Dichtungen selbst, die zum Teil aus früheren
Zeiten stammen, zum Teil in den letzten Zeiten geschaffen
sind, obliegt mir nicht zu sprechen, denn es gibt ein Fühlen,
das uns sagt: Dichtungen gegenüber ist es in gewisser
Beziehung nicht gestattet mit Worten sich ihnen zu nähern,
sondern nur mit jenen Tiefen der Seele muß sich ihnen ein
jeder selbst nähern, in denen Worte nicht mehr sprechen.
Das sind solche Tiefen der Seele. Das ist etwas von dem,
was ich wünschen möchte, daß es gefühlt werde.

Und da ich schon einmal ganz persönlich zu Ihnen
sprechen kann in diesen Minuten, so gestatten Sie mir auch
noch diese Bemerkung. Ich habe oftmals die Empfindung
haben dürfen, daß innerhalb unserer Bewegung der eine

   S. 20
oder andere ist, der aus diesem oder jenem Grunde den
Impuls hat, einem eine Freude zu machen: Persönliche
Freude wird es mir immer sein, wenn viele Seelen, die
innerhalb unserer Bewegung sich gerade vertieft haben
durch das, was unsere Bewegung auf diesem Gebiete leisten
kann, wenn viele Seelen sich hinzuwenden vermögen zu
rechter, zu wahrer, schöner Aufnahme Morgenstern’scher
Dichtungen! Und wenn ich eben von einer Freude, die
der eine oder andere mir persönlich machen will, sprechen
soll, so kann er sie mir eigentlich am besten dadurch machen,
daß er sich bereitfindet zu einem verständnisvollen Eindringen
in so etwas, wovon wir Ihnen jetzt einige gute
Proben geben möchten. Dies sind ja die Dinge, durch die
man sich auch persönlich mit unserer Bewegung verbunden
fühlen darf, und einmal auch gleichsam aus der Rolle fallen
darf, und intim persönlich von seiner Freude sprechen
darf. Auch davon sprechen darf, daß zu dieser Freuden
größten die gehört, daß wir Dichter wie Christian Morgenstern
unter uns haben, in unserer Mitte. Das Beste, was ich
Ihnen geben will, ist nicht eine Einführung in das, was
doch wohl durch sich selbst sprechen kann. Aber was ich
gerne hätte, ist, daß Freude, viel Freude von meiner Seele
in die Ihrige, meine lieben Freunde, hinüber sich ergieße,
daß mancher mitfühlt mit mir, was ich selber so gerne
fühle und immer fühlen werde: Möge unser lieber Freund
Christian Morgenstern viele, viele von seinen dichterischen
Schöpfungen, die sich in seiner Seele häufen, uns schenken.

   S. 21
Wünschen wollen wir recht innig aus der Seele, daß wir
vieles von dem erleben, daß er vieles uns noch schenkt,
und daß wir immer die Stimmung finden mögen, recht
vieles von ihm entgegennehmen zu dürfen.

Damit wollte ich dasjenige, was Ihnen in der Rezitation
gegeben werden soll, mit ein paar Worten begrüßen.

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915