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(in Leipzig, Sylvesterfeier 1913)

Noch einmal durften wir Christian Morgenstern unter
uns haben, in Leipzig, bei jenem wunderbaren Weihnachts-
Zyklus "Von der Suche nach dem heiligen Gral" (Christus
und die geistige Welt), der ihn zu einem seiner schönsten
Gedichte über Rudolf Steiner inspirierte:

    Er sprach ... Und wie er sprach, erschien in ihm
    der Tierkreis, Cherubim und Seraphim,
    der Sonnenstern, der Wandel der Planeten
    von Ort zu Ort.
    Das alles sprang hervor bei seinem Laut,
    ward blitzschnell, wie ein Weltentraum, erschaut,
    der ganze Himmel schien herabgebeten
    bei seinem Wort.

An jenem Sylvestertage konnte zum ersten Mal
eine Rezitation der Gedichte stattfinden, die später in der
Sammlung "Wir fanden einen Pfad" erschienen sind. Bei
einer in Zürich stattgefundenen Begegnung hatte Christian
Morgenstern sie Rudolf Steiner überreicht, als schönste
Frucht der auf empfänglichsten Seelenboden gefallenen
Geistessaat. Nun durften sie auch in der Kraft des
lebendigen Lauts in das neue Jahr hinein erklingen.
Rudolf Steiner sprach einleitend die folgenden Worte:

"Wir wollen heute, da ein Jahr seinen Kreislauf
beschließt und ein neues beginnt, bevor ich zu meinem
Vortrag übergehe, etwas vor unsere Seele treten lassen,

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von dem ich sagen kann, wenn ich den Empfindungen
des eigenen Herzens folge: daß es geeignet ist, uns in
eine rechte, liebe Festesstimmung zu versetzen.

Eine Anzahl unserer Freunde konnten schon bei
dem letzten Vortrags-Zyklus in Stuttgart bekannt gemacht
werden mit Dichtungen des zu unserer tiefen Befriedigung
heute unter uns weilenden Dichters Christian
Morgenstern . Und heute wird Fräulein v. Sivers Ihnen
zum Vortrag bringen dürfen einige der neuen Dichtungen
unseres verehrten Freundes, einige von den Dichtungen, die
noch nicht gedruckt sind, deren Erscheinen wir aber im Lauf
der nächsten Zeit mit tiefer Befriedigung entgegensehen.

Wenn ich dasjenige, was ich selbst fühle gegenüber
diesen Dichtungen, nur mit ein paar Worten zuerst zum
Ausdruck bringen darf, so möchte ich Ihnen sagen, daß
die Tatsache, daß wir Christian Morgensterns Dichtungen
als die eines unserer lieben Mitglieder kennen lernen dürfen,
zu den ganz besonderen Freuden, zu den ganz besonderen
Befriedigungen gehört, die ich auf dem Felde unseres
Wirkens für eine geistige Weltanschauung der Gegenwart
finde. Ich möchte sagen zu den allerhöchsten Beweisen
des inneren Wahrheitskernes und Wahrheitswertes dessen,
was wir mit unserer Seele suchen, gehört es, daß wir aus
dem geistigen Boden, auf den wir uns zu begeben versuchen,
heraussprossen sehen Dichtungen von einer solchen
Herzenstiefe und Geisteshöhe, wie sie gerade diejenigen
Christian Morgensterns sind.

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Ich habe es manchmal hören müssen von dem oder
jenem, auch von manchen Nahestehenden, daß das Leben
in der Art von Vorstellungen, durch die wir den Zugang
suchen zu den geistigen Welten, erkaltend und lähmend
wirken könne auf die Entfaltung der dichterischen Kraft
und der dichterischen Phantasie. Und etwas wie eine Art
von Furcht konnte ich zuweilen bemerken bei denen, die
sich nicht schädigen lassen wollen ihre dichterische Kraft
von einem Zusammenhange mit dem geistigen Leben, das
wir mit unseren Seelen suchen. Daß schönste, zarteste,
edelste, wahrste Dichtung von gleicher Gesinnung und von
gleicher Triebkraft mit dem sein kann, was wir selbst suchen,
dafür zeugen die Dichtungen Christian Morgensterns.
Allerdings, daß in den Sphären geistigen Lebens, in die
wir einzudringen versuchen, Dichtung, wahre Dichtung,
echter künstlerischer Geist walte, dafür wird notwendig sein,
daß Wärme des Herzens, die sich durchdringt von der
Innigkeit des Geisteslebens, wie es unsere Zeit durchpulsen
könnte, sich erhebt zu jener schöpferischen Phantasie, die
sich von der Kraft des Geisteslebens durchleuchten lassen
will. Und dieses ist für mein Empfinden, für mein Fühlen,
gerade bei den Dichtungen Christian Morgensterns der Fall.
Und insbesondere wenn ich solche Dichtungen, wie Sie sie
nachher hören werden, auf meine Seele wirken lasse, dann
kann ich nicht anders, als das, was ich dadurch erlebe,
in Worte zu fassen, die ich in anthroposophischer Form
aussprechen möchte.

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Wenn ich solch ein Gedicht in Ruhe auf meine
Seele wirken lasse, so habe ich noch etwas anderes als
dieses Gedicht, etwas von dem, was allerdings jede wahre,
wirkliche Kunst ebenso hat, ich möchte das Wort aussprechen:
"Diese Dichtungen haben Aura!" Sie werden
durchflossen von einem sie durchdringenden und durchwebenden
Geiste, der aus ihnen strahlt, der ihnen innerste
Kraft gibt, und der von ihnen in unsere eigene Seele hinein/
strahlen kann. Und meine eigene Seelen-Situation diesen
Dichtungen gegenüber auszusprechen mir erlaubend, möchte
ich sagen: "Oftmals hört man das Wort, das gewiß richtig
ist: wer den Dichter will verstehn, muß in des Dichters
Lande gehn!" Heute möchte ich das Wort gegenüber den
Dichtungen unseres Freundes einmal in einer gewissen
Weise umkehren: "Wer ein Land will recht verstehn,
muß ein Ohr für seine Dichter haben!" Bei keinem Lande
scheint mir dies so sehr notwendig, als bei dem Geisteslande.
Wenn im Geistesland die Dichter sprechen, dann
wollen wir auf sie hinhören. Dann erst, wenn wir nicht
bloß dasjenige, was uns an mehr oder weniger wissenschaftlichen
Inhalt das Geistesland zu sagen hat, in unser
Herz eindringen lassen, sondern wenn wir im Geistesland
den Dichter verstehen, dann haben wir unsere
Seele bereitet für das Geistesland. Das ist die Stimmung,
die ich Ihren Seelen wünschen möchte, meine lieben
Freunde, zum Entgegennehmen dieser Dichtungen, wie
diese Stimmung, die ich haben durfte an Christian

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Morgensterns Dichtungen, die für mich etwas Beseligendes
war gegenüber der inneren Kraft der Seele, die in
die Geistgebiete führt.

Und anschließend daran darf ich vielleicht am heutigen
Tage die zwei Wünsche aussprechen: den ersten, daß recht
viele von Ihnen angeregt werden mögen, die echte Dichterseele
in ihren verschiedenen Werken kennen zu lernen,
von der wir nachher ein paar Proben hören werden. Es
wird mir immer ein befriedigendes Bewußtsein sein, zu
wissen, daß viele unserer Freunde zu Christian Morgensterns
Dichtungen gehen.

Der andere Wunsch ist der, daß es unserem Freunde
gegeben sein mag, immer weiter und weiter zu unserer
innigen Befriedigung, zu unserer künstlerischen Erhebung
so schöpferisch tätig zu sein, wie er es in den Dichtungen
war, deren Erscheinen wir zu erwarten haben, und aus
denen wir einige Proben jetzt hören werden."

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915