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(in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914)

Am nächsten Tage, dem 10. Mai 1914, fand in
Kassel die Gedächtnisfeier für Christian Morgenstern statt.
Sie sollte Ausführlicheres aus seinem Lebensgange bringen.
Uns ist die folgende Nachschrift erhalten geblieben.

"Heute möchten wir Ihnen einiges über unseren vor
kurzem verstorbenen Freund Christian Morgenstern
mitteilen. Zuerst werde ich mir gestatten, über Christian
Morgensterns Laufbahn zu sprechen, wie sie sich gestaltet
hatte bevor er zu uns, in unsere Gesellschaft als Mitglied
eingetreten ist; dann wird Fräulein von Sivers einige seiner
Gedichte aus dieser seiner vortheosophischen Zeit zum Vortrag
bringen. Nach dem Vortrag dieser Gedichte werde ich
mir dann gestatten, gewissermaßen aus der Zeit der Mitgliedschaft
zur Anthroposophischen Gesellschaft Christian
Morgensterns einiges zu Ihnen zu sprechen, und es wird Fräulein
von Sivers im wesentlichen Gedichte Christian Morgensterns
aus dieser seiner anthroposophischen Zeit zum Vortrag
bringen, die in einer demnächst erscheinenden Gedichtsammlung
unseres Freundes der Öffentlichkeit übergeben werden.

Nicht nur, daß wir über Christian Morgenstern
sprechen dürfen als von einem treuen, lieben und energischen
Mitglied unserer Gesellschaft und unserer Geistesströmung,
wir dürfen ja auch wohl hier in diesem Zweige über
Christian Morgenstern schon aus dem Grunde sprechen,

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weil er gewissermaßen mit diesem Zweige verbunden war
dadurch, daß ihm der Vorsitzende und Leiter dieses
Zweiges, Dr. Ludwig Noll, Jahre hindurch in treufreundschaftlicher
hingebungsvoller Weise Freund und Arzt war.

Es war im Jahre 1909, da bekam ich einen objektiv
liebenswürdigen bescheidenen Brief Christian Morgensterns,
in dem er ansuchte um die Mitgliedschaft zu unserer
Gesellschaft, jene Gesellschaft, von der er damals aussprach,
daß er in ihr zu finden hoffe dasjenige, was empfindungs-
und gefühlsmäßig durch sein ganzes Leben hindurch
in seiner Seele wirkte, und was eben empfmdungs- und
gefühlsmäßig den Grundton, die Grundnuance eines
großen Teiles seines dichterischen Schaffens immer gebildet
hat. Und man darf wohl sagen: wenn man die Seelenstimmung,
die gesamte Seelenstimmung Christian Morgensterns
in Betracht zieht, dann ersieht man, daß wohl kaum ein
mehr vorbereitetes, mehr mit der ganzen Seele in unserer
Welt lebendes Mitglied als eben Christian Morgenstern
sich hätte dazumal, 1909, mit uns verbinden können.

Christian Morgenstern hat sich hineingefunden in diese
seine Erden-Inkarnation so, daß man aus der Art dieses
Hereinfindens förmlich ersieht, wie diese Seele gestrebt hat,
aus geistigen Höhen heraus diejenige Art von Verkörperung
zu finden, die dieser besonderen Individualität angemessen
war. Eine Seele möchte man in Christian Morgenstern
erkennen, welche sich nicht voll entschließen konnte, in
das unmittelbar/materialistische Leben vom Ende des

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19. Jahrhunderts zum Beginn des 20. Jahrhunderts sich
hineinzufinden, — eine Seele, von der man sagen möchte,
daß sie sich bei der Verkörperung eine gewisse Reserve auferlegte,
gleichsam mit gewissen Kräften zurückzubleiben in
der geistigen Welt und die Welt der Erde anzuschauen,
immer voll durchdrungen von jenem Gesichtspunkte, der
sich ergibt, wenn man halb wurzelt in der geistigen Welt.
So konnte Christian Morgenstern hier auf dieser Erde wohl
kaum eine für ihn geeignetere Generationsfolge finden als
die seiner malenden Ahnen. Sein Vater war Maler und
entstammte, er selbst wiederum, aus einer Malerfamilie;
gewöhnt war man in dieser Familie anzuschauen das, was
der Erdumkreis darbietet, vom Standpunkt des vergeistigten
Künstlers, und man liebte vom Standpunkt des vergeistigten
Künstlers alle Schönheiten in der Natur und alles das, was
das Menschenleben doch als seine Blüten aus sich hervorbringt,
wenn auch die Grundlagen materialistisch sind. Und
so wurde Christian Morgenstern gleichsam in eine Vererbungssubstanz
hineinversetzt, durch die bei ihm ein gewisses
Verhältnis zur Natur sich ausbildete, da er aus einer
Landschaften malenden Familie hervorging. So wurde
hineinversetzt in ihn das, was ich nennen möchte das
Verhältnis zur Natur, das noch besonders sich verstärkte
dadurch, daß er schon als kleines Kind mit seinen Eltern
viele Reisen machen durfte. Und so sehen wir Christian
Morgenstern heranwachsen, und früh in ihm den dichterisehen
Trieb erwachen. So sehen wir, wie er diesen dichterischen

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Trieb so entfaltete, daß er, ich möchte sagen, sich
mit seinem Seelenleben auf eine einsame Insel zurückzieht,
und von der Perspektive dieser einsamen Insel aus alles
anschaut, was um ihn war. Da entströmen denn dieser
dichtenden Seele Verse, zarte Verse, die wie aus der noch
halb im Geistigen ruhenden Seele selbst herausgeboren
sind, und andere Verse, von denen man leicht begreifen
kann, wenn man in eine solche Seele hineinsieht, daß sie
auch derselben Seele entströmen müssen; andere Verse, in
die eingeflossen ist alle Disharmonie, die einem entgegenschaut,
wenn man das äußere Leben unserer Gegenwart
betrachtet. So sind denn neben den Gedichten, die sich
erheben bis zur Stimmung des Gebetes, auch die Gedichte
entstanden, die die äußere Welt fast einzig von Christian
Morgenstern kennt: jene sarkastischen, ironischen, humoristisehen
Dichtungen, die eine solche Seele aushauchen muß,
wie die physische Lunge neben dem Einatmen der reinen
Luft auch die kohlensäure-durchdrungene Luft ausatmen
muß. So mußte eine solche Seele gleichsam in diesem zweigliederigen
Atmungsprozeß des geistigen Lebens auf der
einen Seite sich gebetartig erheben zu den erhabensten Weisheiten
und Schönheiten des Daseins der Welt, auf der
anderen Seite hinblicken auf das, was an Unnatur, an
Diskrepanz, Disharmonie in der Umwelt gerade einer so
geistigen Seele so auffällt, daß sie nichts anderes vermag,
als über diese Diskrepanz sich durch einen leichten flüchtigen
Humor hinweg zu setzen.

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Christian Morgenstern wird einer derjenigen Künstler
sein, an denen man erkennen wird, wie innig zusammenhängt
gerade in der geistig gestimmten Seele das gebetvolle
Moment auf der einen Seite, und das leicht humoristische
auf der anderen Seite. Wahrhaftig, durch dieses Gebethafte,
bis zum Gebethaften in der Stimmung sich Erhebende
seiner Dichtungen war Christian Morgenstern prädestiniert,
seinen Lebensweg zuletzt mit dem Lebensweg
unserer Geistesströmung zu verbinden. Tritt uns doch
schon in den Gedichten, die seiner frühesten Jugend angehören,
diese gebetartige Stimmung in ihrem ganzen Umfang,
in ihrer ganzen Bedeutung entgegen. Dreifach gliedert
sich die gebetartige Stimmung für Christian Morgenstern
gegenüber der Welt. Welche Seele kann beten! So,
möchte man sagen, stellt sich eine tiefe Gemütsfrage vor
Christian Morgensterns Seele oftmals hin. Und so fühlt
er die Antwort auf diese Gemütsfrage:

Jene Seele kann beten, welche imstande ist, die Größe,
die Erhabenheit, die göttliche Geistigkeit des Universums
so auf sich wirken zu lassen, daß sich ihr die Stimmung
des Ja-Sagens zu dieser Größe, dieser Erhabenheit, dieser
Weisheitsfülle entringt. Und daß dann aus diesem Ja-Sagen
zu den hehren Erscheinungen der Welt als zweites Glied
hinzukommet in der Seele das, was man nennen kann "Mit
der eigenen Seele aufgehen im Weltall," "Unterzutauchen
in die Größe und Schönheit und Weisheit des Daseins."
Als drittes Glied kommt dasjenige hinzu, was Christian

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Morgenstern empfand, indem er die Vorstellung vor seine
Seele rückte "Gesegnet sein von der Größe, Erhabenheit
und Weisheitsfülle und dem Liebe-Inhalt des Weltalls!"
Ja sagen können, aufgehen können im Weltenall, sich
gesegnet fühlen als einzelne Seele von der Weisheit, Schönheit
und dem Liebe/Inhalt des Universums, — das ist die
Stimmung, die Christian Morgenstern als Dichter in viele
seiner früheren Gedichte schon hineinzuhauchen verstand.

Sechzehnjährig war er, als seinem sinnenden Geist
entgegentrat das, was uns so gründlich zu beschäftigen
hat in unserer Geistesströmung: die große Frage der wiederholten
Erdenleben der menschlichen Seele. Unablässig
rang er nach Klarheit auf diesem Gebiet.

Einundzwanzigjährig war er, da trat in seine Lebensbahn
herein all’ das, was von Nietzsche, dem großen
Fragesteller, von der Persönlichkeit ausging, die in einer so
tragischen Weise, und zuletzt doch fruchtlos mit all den
Rätselfragen rang, die sich dem Menschen im letzten
Drittel des 19. Jahrhunderts entgegenstellten, wenn er
Leben und Zeit wirklich ernst nimmt. Eine leidenschaftliche
Liebe, sagt Christian Morgenstern selbst, hat er viele
Jahre hindurch für das Ringen Nietzsches gehabt; dann
kam er auf einen anderen Geist, auf einen Geist, von dem er
die schönen Worte spricht: "Das Jahr 1901 sah mich über
den deutschen Schriften Paul de Lagarde’s, er erschien mir
als der zweite maßgebende Deutsche der letzten Jahrzehnte,
wozu denn auch stimmen mochte, daß sein gesamtes Volk

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seinen Weg ohne ihn gegangen war." Nun vertiefte sich
Christian Morgenstern in die deutschen Schriften Lagarde’s,
in jene Schriften, die nicht in Nietzsche’scher Art geschrieben
sind. Man möchte sagen: in jener Art nicht geschrieben
sind, die sich abkehrt vom Leben, um irgendwie außer
dem Leben einen Standpunkt zu gewinnen und von ihm
aus das Leben zu betrachten, — sondern auch die andere Seite
fand Christian Morgenstern, die in Paul de Lagarde verkörpert
ist: jene Seite, die unmittelbar ins Leben sich hineinstellt.
Lagarde ist ein Geist, der mit einem scharf durchdringenden
Seelenvermögen alles auffaßte, was in der Gegenwart
nach Reform, nach Umwandlung ringt, um dieses
Leben wieder gesund zu machen. Und unendlich weit
verzweigt sind die Gedanken, die Lagarde aus seiner Gelehrsamkeit
und tiefen Lebenserfahrung heraus zu gestalten
versuchte, um dem Leben des deutschen Geistes aufzuhelfen.
Das wirkt dann in solchen Geistern wie Christian
Morgenstern nach, die in ihrer Einsamkeit sich miteinsam
fühlen mit Geistern wie Nietzsche und Lagarde. Nietzsche
ist dann ja populär geworden, Lagarde ist bis jetzt nicht
populär geworden, — aber Christian Morgenstern empfand
eine Miteinsamkeit mit diesem Geiste. So können wir es
begreifen, daß, als noch eine andere Stimmung zu seiner
Miteinsamkeit kam, Christian Morgenstern merkwürdige
Töne fand für das was er von seiner Zukunft ersehnte und
der Zukunft derjenigen, mit denen sich seine Seele in
dieser Inkarnation verwandt fühlte.

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Die Eigenart seiner Seele hat dann Christian Morgenstern
dazu gebracht, sich zu vertiefen in die großen Rätselsucher
des Nordens, Ibsen lernte er kennen, den Rätselsucher;
er übersetzte "Peer Gynt" und "Brand" , und
fühlte sich so in seiner Seele dem großen Rätselsucher des
Nordens innig verbunden.

Aber auch fühlte er sich herausgehoben über das,
was in der deutschen Kultur ihn unmittelbar umgab.
Man darf wahrhaftig auf anthroposophischem Boden so
etwas besprechen und dabei voraussetzen, daß sich die
lieben Zuhörer hinwegsetzen über alles einseitige politische
oder patriotische Fühlen, und sich in eine höhere Sphäre
versetzt fühlen, wenn man auf Worte aufmerksam macht,
in denen Christian Morgenstern das, was er für seine Zukunft
und die Zukunft derjenigen, die er doch liebte, wenn er auch
sich in ihnen vereinsamt fühlte, voraussehnte. Deshalb
wirken tief die Worte, die Christian Morgenstern sechs
Jahre später, im Jahre 1907, nachdem er Paul de Lagarde
kennen gelernt hatte, und wenige Jahre nachdem er sich in
Ibsen vertieft und Werke von ihm übersetzt hat, im
Jahre 1907 schrieb:

  "Zu Niblum will ich begraben sein,
  am Saum zwischen Marsch und Geest.
  Zu Niblum will ich mich rasten aus
  von aller Gegenwart.
  Und schreibt mir dort auf mein steinern Haus

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  nur den Namen und: "Lest Lagarde!"
  Ja, nur die zwei Dinge klein und groß:
  Diese Bitte und dann meinen Namen bloß.
  Nur den Namen und: "Lest Lagarde!"
  Das Inselchen Mutterland dorten, nein,
  das will ich nicht verschmähn.
  Holt mich doch dort bald die Nordsee heim
  mit steilen, stürzenden Seen —
  das Muttermeer, die Mutterflut. . .
  O wie sich gut dann da drunten ruht,
  tief fern von deutschem Geschehn!"

Das war die Seele, die dann allmählich heranwuchs,
heranwuchs zu jener Stimmung, die sie damals, fünfunddreißigjährig,
überkam, wo sie fühlte in sich: Mensch und
Natur sind gleichen Geistes.

Dann kam ein Abend: wie durch Karma veranlaßt,
möchte man sagen, legte sich hin vor diese Seele — das Johannes-
Evangelium. Eine ihm neue Stimmung überkam
Christian Morgenstern, denn jetzt erst glaubte er nach
dieser Vorbereitung, das Johannes-Evangelium wirklich zu
verstehen. Jetzt war diese Seele in einer Stimmung, daß
sie von sich sagen konnte: "Ich fühle mich eingegliedert
dem breiten, weiten Strom des Geistesalls; ich fühle das,
was als ein Wahrzeichen dieser Empfindung durch alle
Zeiten gegangen ist und uns in der neueren Zeit, da wir
etwas fühlen von dem tiefsten Welten- und Menschengrund,

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ganz besonders berühren muß. Anschauend die Welt ringsum,
kann die Seele ausbrechen, wenn sie vorbereitet ist,
in die tiefbedeutsamen Worte: Das bist Du! Aus dem
Johannes-Evangelium heraus entströmte die Weisheit des
"Das bist Du" für die Seele Christian Morgensterns. —
So konnte er von sich sagen, in einem Kaffeehause sitzend:
"So von seinem Marmortischchen aus, seine Tasse vor sich,
zu betrachten, die da kommen und gehen, sich setzen und
sich unterhalten, und durch das mächtige Fenster die draußen
hin und her treiben zu sehen, wie Fischgewimmel hinter der
Glaswand eines großen Behälters, — und dann und wann
der Vorstellung sich hinzugeben Das bist Du ! Und sie
alle zu sehen, wie sie nicht wissen wer sie sind, wer da als
sie mit SICH selber redet und wer sie aus meinen Augen
als SICH erkennt und aus ihren Augen nur als sie" .

Dann kam noch eine andere Stimmung, eine Stimmung,
von der manche wünschen möchten, daß sie sich
so recht in der Welt verbreitete. Da war Christian Morgenstern
am Ende seiner dreißiger Jahre, bekannt bereits als
Dichter... als ein Mensch lebte er, der sich so einfühlen
gelernt hatte in das "Das bist Du" und der dann eine Stimmung
über seine Seele kommen fühlte, die er in den Worten
aussprach: "Und doch war solches Erkennen nur erst ein
Oberflächen-Erkennen und darum letzten Endes noch zur
Unfruchtbarkeit verurteilt."

Fühlen Sie, meine lieben Freunde, die Bescheidenheit,
die innere, wahre Bescheidenheit der Seele, die erst diese

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Seele wirklich vorbereitete, in die Geheimnisse des Lebens
einzudringen!

Doppelt geworden fühlte sich Christian Morgenstern.
Vor den Toren der Geisteswissenschaft stand er so. So stand
er vor den Toren der Geisteswissenschaft, daß er doch alles
dasjenige, was vorher war, ein "Oberflächen-Erkennen"
nannte, das darum "letzten Endes zur Unfruchtbarkeit
verurteilt" sei.

Hören Sie nun erst, meine lieben Freunde, die Töne,
die Christian Morgensterns Seele sich entrungen haben in
seiner voranthroposophischen Zeit, dann will ich einige
Worte weiter sprechen über seine anthroposophische Zeit,
über dasjenige, wovon er sprach in den allerletzten Tagen
seines Erdenlebens, daß er in ihm das einzige habe, woran
er im Leben nie irre geworden ist, und wovon er wisse,
daß er nicht irre werden könne.

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"Am 4. April dieses Jahres war es, als wir, in der Nähe
unseres Dornacher Baues, in Basel, Christian Morgensterns
irdische Überreste der Einäscherung zu übergeben hatten.
Bei den Worten, die ich bei dieser Gelegenheit vor der
Einäscherung Christian Morgensterns zu sprechen hatte,
stand mir lebendig vor der Seele manches Gespräch, das
stattgefunden hatte, nachdem sich Christian Morgenstern
1909 in unsere Gesellschaft aus jenen Vorbedingungen
heraus gefunden hatte, von denen ich vorhin gesprochen
habe. Da waren es oft Worte, die in jenen Gesprächen
von ihm zu mir, und umgekehrt gingen, welche tiefe
Fragen des Daseins berührten, soweit sie Menschen berühren
können, Fragen, die zugleich — es hing ja das zusammen
mit dem eben erfolgten Eintritt Christian Morgensterns
in unsere Bewegung, — hinwiesen auf die großen
Probleme des Daseins, die aber auf der anderen Seite durch
die Kämpfe, durch das Ringen, das die Seele Christian
Morgensterns durchgemacht hatte, einen unmittelbar individuellen
Charakter trugen. Da tauchten wieder herauf
alle die Empfindungen, die Christian Morgenstern zum
Beispiel durchgemacht hatte in seiner jetzigen irdischen
Lebenslaufbahn, als er durch Jahre hindurch sich an
Nietzsche — ich darf sagen — orientieren wollte für die
großen Fragen des Lebens. Da konnte man an manchem
Wort, das er sprach im intimen Gespräch, so recht sehen,
wie anders das Verständnis eines solchen Geistes, eines
solchen Menschengeistes sich ausnimmt, der selbst so

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titanisch zu ringen hatte wie Christian Morgenstern, als
eine Seele, die oberflächlicher über das Ringen anderer
Erdenseelen hinweggeht. Und ich darf wohl sagen, ohne
irgend eine Unbescheidenheit zu begehen: ich durfte mit
Christian Morgenstern, trotzdem aus Seelentiefen sich seine
Gedanken, die er über Nietzsche äußerte, herausgerungen
hatten, ich durfte glauben, auch gerade über Nietzsche
mit ihm reden zu können in der Art, wie Christian Morgensterns
Seele das vielleicht verlangte. Hatte ich doch selbst 14
Jahre gebraucht, vom Jahre 1888 bis 1902, um über Nietzsehe
zu einiger Klarheit in der eigenen Seele zu kommen,
wußte ich doch selbst, welche Kämpfe und Überwindungen
es kostet, um Orientierung zu gewinnen über all das,
was ein Geist wie Nietzsche in unsere Zeit hineingeworfen
hat. Ich kannte sie, diese Töne, die die Seele anschlug,
von Spott und Hohn selbst, über manches, was Nietzsche
geäußert hat, bis wieder zur liebenden Verehrung, — ich
kannte all das Ringen und Überwinden, das man durchzumachen
hat. Und wiederum, wenn Christian Morgenstern
über seinen geliebten Paul de Lagarde sprach, — ich
durfte auch da mitreden. Ich hatte eine Seele vor mir, die
an Lagarde sich in vielem aufgerichtet hatte. Ich darf
sagen, fast 20 Jahre vorher, ja sogar reichlich 20 Jahre vorher,
hatte ich sehen können, wie wenigstens auf ein kleines
Häuflein Menschen die deutschen Schriften Lagarde’s wirkten,
so daß diese Menschen innerliche Seelensubstanz
durch Lagarde bekamen. Ich hatte allerdings gesehen,

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wie in diesem Kreise Paul de Lagarde in eine Art National-
Politik herabgezogen worden ist, aber ich hatte auch merken
können die Stärke der Gedanken Lagarde’s, wie sich die
Kraft seiner Gedanken hineinfinden konnte in mensch-
liehe Seelen, wenn diese Seelen Richtung und Ziel im
Leben brauchten. Das war für mich lange vergangen, —
da trat mir die einsame Seele, die mit Paul de Lagarde miteinsame
Seele, in Christian Morgenstern entgegen. Und
so konnte ich denn Christian Morgensterns Seele wirklich
recht, recht gut kennen lernen, in jenem Moment, da sie
stand vor den Toren der Anthroposophie. Es war ja die
Zeit, in der dann Christian Morgenstern, nachdem er mit
vollem Enthusiasmus, mit voller Begeisterung verschiedene
unserer anthroposophischen Veranstaltungen mitgemacht
hatte, auch mitgezogen war einmal mit uns in sein
geliebtes Nordland hinauf. Ich konnte dann sehen, wie
der schwere Zusammenbruch seiner Gesundheit und seines
Leibes herankam. Oftmals mußte er immer wieder und
wiederum — was er so ungern tat — daran denken, wie er
diesem seinem Leibe noch für einige Jahre des Erdendaseins
aufhelfen konnte. Dann kam die Zeit, in der er uns entzogen
sein mußte, in der er einige Zeit in den schweizerischen
Hochbergen lebte, um dort Linderung seines Leidens zu
finden in der frischen, freien Bergesluft. Er hatte vorher
gefunden die ja auch tief in unserer Bewegung stehende
Gattin, die ihn nunmehr begleitete in seine unfreiwillige
Einsamkeit... denn nun wäre er gern gesellig gewesen,

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wäre gern mit unserer Bewegung zusammen gewesen. Da
kam die Zeit, wo man denken durfte — während wir versuchten,
das was uns zugeteilt war, den Menschenseelen
mitzuteilen —, daß da oben in dem schweizerischen Hochgebirge
einer lebe, der unablässig trachtete, seine dichterische
Kraft zu vermählen mit demjenigen, was in unserer Geistes-
Strömung zutage treten sollte, — daß da oben einer lebe,
in dem in individuell eigenartiger Weise aufging, aus der
Dichterkraft heraus neu geboren, das, was wir versuchen
in unserer geisteswissenschaftlichen Strömung zu durch-
leben. Ein Verbindungsglied war die Gattin, die ihm zuletzt
das einzige Verbindungsglied war auf dem physischen
Plan zwischen seinem einsamen Seelenleben in den schweizerischen
Hochbergen und unserer Gesellschaft. Sehen konnte
er, wie die Gattin herunterbrachte die Nachrichten von ihm
und wieder hinauftrug das, was sie aufgenommen hatte, wenn
er sie immer wiederum gebeten hat bei uns einzukehren
bei dieser oder jener Veranstaltung, damit auch er teilnehmen
könne an dem, was durch Geisteswissenschaft in
die Kultur unserer Zeit und in das menschliche Geistesleben
überhaupt geleitet werden soll. Er hatte wohl gefunden
als unmittelbares Labsal seiner Seele die ihn so treu pflegende,
ihm so treue Freundesseele, die ihn so tief verstehende Gattin.
Durch sie hindurch sah er ja die Welt des physischen
Planes. Und es war stärkend für diejenigen, die an seinem
Seelenleben teilnehmen durften, daß gerade in dieser Seele
einen solch' künstlerisch-dichterischen Widerhall fand das,

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was durch unsere Seelen zieht, von dem wir glauben,
daß es der Menschheit so wichtig ist.

Dann traf ich ihn, nachdem wir dies verabredet hatten,
in Zürich, als ich zurückkehrte von einer Vortragsreise in
Italien. Die Zerstörung des Leibes war so weit fortgeschritten,
daß er nur noch leise sprechen konnte. Aber in
Christian Morgensterns Seele lebte etwas, was, ich möchte
sagen, fast entbehrlich machte auch für den physischen
Plan das äußere Sprechen. Das war es, was einem so recht
vor der Seele stand, auch in dem Augenblick, als man
entfliehen sah dem irdischen Dasein die verklärte Seele
Christian Morgensterns im April dieses Jahres. Sie, diese
Seele, die frei geworden ist, frei geworden in der Entfaltung
ihrer Geisteskräfte gerade durch den Tod, — diese Seele
hat sich selbst und wir haben sie wahrlich nicht verloren:
sie ist seither erst recht unser. Aber eines konnte doch
schmerzvoll vor uns stehen, denn das hatten wir allerdings
verloren: jene eigentümliche Sprache, welche aus diesen von
solcher Innigkeit zeugenden Augen sprach, die so wunderbar
in stummer Sprache ausdrückten die Innigkeit, von der
man die geisteswissenschaftliche Weltanschauung so gern
durchdrungen sehen möchte. Und das andere war das liebe,
intime Lächeln Christian Morgensterns, welches einem entgegenstrahlte
wie aus einer geistigen Welt, und welches in
jedem Zug Zeugnis ablegte von der tiefen Innigkeit, mit
der er verbunden war mit allem Geistigen, insbesondere da,
wo das Geistige sich intim und innig zum Ausdruck bringt.

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Als ich ihn in Zürich traf, da konnte er mir überreichen
jene seiner Dichtungen, welche gewissermaßen
dadurch entstanden sind, daß sich in ihm vermählt hat seine
dichterische Kraft mit der anthroposophischen GeistesStrömung.
Und wiederum sah man, wiederum vernahm
man aus Christian Morgensterns Dichtungen die großen
Erkenntnisse über die Weltenentwicklung, über vergangene
Verkörperungen der Erde, über das Wiederaufleben der
Kräfte und Wesenheiten der vergangenen Weltenkörper auf
unserem Erdenkörper, — in dichterische Gestalt gebracht
dasjenige, was erstrebt wird innerhalb unserer Geistes-
Strömung. Aufgegangen war ihm selbst dasjenige, was als
der Gipfelpunkt unseres anthroposophischen Forschens
uns erscheint, aus seiner zarten, innigen und doch so starken
Seele sprechend: das Durchdrungensein mit dem Christus,
von dem eine Vorstellung errungen wird durch die geisteswissenschaftliche
Überlieferung. Wahrhaftig, da lebte verkörpert
in diesem morschen Erdenleibe, stark und kräftig
durchseelt und durchgeistigt, unsere Weltanschauung. Und
wahr, tief wahr erscheinen dann die Worte, die Christian
Morgenstern über sein Verhältnis zu dieser Weltanschauung
gesprochen hat, nachdem er zuerst sich erinnert an das
Leidenserbe, das von der Mutter übernommen war, das
ihn körperlich schwach gemacht hat im Leben, das ihn
zuletzt immer schwächer und schwächer gemacht hat.
Nachdem er sich an das alles erinnert, spricht er die Worte:
"Vielleicht war es dieselbe Kraft, die, nachdem sie ihn auf

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dem physischen Plan verlassen hatte, geistig fortan sein
Leben begleitete und, was sie ihm leiblich gleichsam nicht
hatte geben können, ihm nun aus geistigen Welten heraus
mit einer Treue schenkte, die nicht ruhte, bis sie ihn nicht
nur hoch ins Leben hinein, sondern zugleich auf Höhen
des Lebens hinauf den Weg hatte finden sehen, auf denen
der Tod seinen Stachel verloren und die Welt ihren göttlichen
Sinn wiedergewonnen hat."

So war er bei uns, und so war er unser. Und so dichtete
er jene Gedichte, die wir nachher hören werden, die eingeleitet
werden sollen durch ein Gedicht aus seiner früheren
Zeit, in dem stimmungsvoll gerade seine Prädestination für
die Weltanschauung liegt, die ihm dann aufgegangen war,
als er sich so innig gesinnungs- und geistmäßig mit uns
verbunden hatte.

Und dann erschien er wieder etwas gekräftigt bei
unseren anthroposophischen Veranstaltungen. Wir konnten
die Freude erleben, daß gerade seine ihm am meisten am
Herzen liegenden Gedichte am Ende des letzten Jahres
in Stuttgart von Fräulein von Sivers gesprochen werden
konnten in seiner Gegenwart, und wir konnten miterleben
dasjenige, was in seiner Seele vorging, was, ich darf sagen,
einen so erschütternden Eindruck auf mich gemacht hat,
als wir damals noch in seiner Gegenwart über ihn sprechen
und seine Dichtungen zum Vortrag bringen konnten, —
da war es, daß er in einem Brief, den er an Fräulein von
Sivers richtete, die erschütternden Worte fand:

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Es war vor etwa vier Wochen, als ich beim Herausziehen
geeigneter Stücke aus meinen verschiedenen früheren
Sammlungen von einem Gefühl überwältigt wurde, das
mir im Augenblick sehr nahe ging. Ich sagte mir — im
Hinblick auf den Verlust meiner Stimme und im Hinblick
darauf, daß gerade jetzt Aufforderung nach Aufforderung
an mich herantritt, öffentlich zu lesen — daß diese kleinen
Lieder und Rhythmen nun wohl niemals so vor Menschenohren
gelangen würden, wie sie von mir empfunden worden
waren. Denn ich erlebte noch einmal die wunderliche
Seligkeit in der jede wirklich lebensvolle dieser Strophen
ins Dasein hatte treten dürfen, und sagte mir: dieser Zustand
der Seele wird, da nicht mehr von mir, von niemandem
mehr wieder heraufzubeschwören sein. Ich vergaß damals,
wie so oft, das liebevolle Verständnis verwandter Seelen,
die einen ähnlichen Zustand in sich zu schaffen vermögen,
einfach aus Wärme für das Kunstwerk um das es sich
handelt, und der durch sie bewirkten Hellfühligkeit für die
Regungen, aus und unter denen es sich gebildet haben mag.
Für jene arge Vergeßlichkeit haben Sie mich an diesem
unvergeßlichen 24. November 1913 in der allerschönsten
und -zartesten Weise bestraft. Denn da war jemand in
jenen isolierten Kreis getreten, von dem unser lieber Herr Dr.
sprach, war dem "Einsamen" auf sein "Eiland" willig
gefolgt und konnte nun gleichsam mit dessen eigner Stimme
die kunstlosen Weisen wiedergeben, die sich dort vorfanden
und darboten.

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Ich darf fortan getrost sein, daß dies oder das meiner
bescheidenen Hervorbringungen auch als lebendiger Klang
den Menschen wird nahekommen dürfen — seit ich sie
von Ihnen zum zweiten Male empfing und damit einen
Gruß meiner Jugend und andrerseits eine Mahnung, Ihnen
reinen und hohen Menschen allen und den Idealen, die
unter der beständigen aufopfernden Hilfe unseres geliebten
Lehrers durch Sie Wahrheit werden wollen, immer besser
und stärker zu dienen.

    In inniger Verehrung und Dankbarkeit!

                                    Christian Morgenstern.

Nach all dem, was wir nachher erlebt haben, werden
Sie verstehen, meine lieben Freunde, daß wir gerade in
Bezug auf den Punkt, den Christian Morgenstern in diesem
Briefe berührt, gern treue Testamentsvollstrecker seiner Intentionen
werden möchten.

Dann war es wiederum in Leipzig, als wir einen
Neujahrsgruß ihm bereiten konnten, drei Monate vor seinem
Tode. Ich sprach dazumal, nachdem ich wieder die Dichtungen
seiner letzten Zeit auf meine Seele hatte wirken
lassen, von denen Sie nachher einige hören werden — ich
sprach einmal ein Wort, das sich mir unmittelbar als eine
tatsächliche Empfindung aus den Gedichten heraus ergab.
Ich sprach ein Wort, das ich etwa wie folgt wiederholen
möchte: Sehen hatte ich können, wie Christian Morgenstern
nicht nur mit seinem ganzen Geiste, man möchte

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sagen, inhaltsvoll in unserer Weltanschauung lebte, die in
ihm eine ganz individuelle Gestalt angenommen hatte,
so daß das, was er gab, eine Gabe für uns war, und wir
niemals daran hätten denken brauchen, daß er von uns
sie empfangen hätte: wir fühlten uns gerade in der Stimmung
so beglückt, daß er uns aus sich heraus wieder gab,
wozu ihn unsere Weltanschauung angeregt hatte... aber
nicht nur das, sondern etwas anderes noch strömten seine
Gedichte aus. Und ich könnte es nicht anders ausdrücken,
als indem ich sage, "seine Dichtungen haben Aura !"
Man fühlt das anthroposophische Leben und anthroposophisch
Gesinntsein unmittelbar wie aurisch aus ihm
herausströmend: noch etwas durchlebt man mit, was nicht
in den Worten, sondern was zwischen den Worten, zwischen
den Zeilen liegt, und unmittelbar aurisches Leben ist. Ich
konnte es dazumal aussprechen wie eine Empfindung,
die sich mir tatsächlich ergeben hat: "Diese Gedichte haben
Aura!"

Ich weiß jetzt warum, erst jetzt warum ich dieses
Wort dazumal gesagt habe. Und einige von Ihnen, oder
vielleicht alle, meine lieben Freunde, die den Worten
meines gestrigen Vortrages zugehört haben, werden wissen,
warum ich das "Warum" erst jetzt weiß. Diese Dichtungen,
ja, sie haben Aura... So mußte ich sprechen,
als ich das zweite Mal gelegentlich des Vortrages seiner
Dichtungen in unserem Kreise in Leipzig in seiner Gegenwart
über ihn sprechen durfte. Es war dazumal, gerade

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im Beginn dieses Jahres, für Christian Morgenstern eine
schöne Zeit, — ich darf so sagen. Als ich ihn dann sah
auf seinem Zimmer in Leipzig, da war es eigentümlich zu
sehen wie — ja wie gesund, wie innerlich kraftvoll diese
Seele in dem morschen Leibe war, und wie sich diese Seele
gerade dazumal so gesund, so gesund im geistigen Leben
fühlte, wie nie zuvor. Da war es mir, daß sich mir das
Wort prägte, das ich dann sprechen mußte vor seiner Einäscherung:

"Diese Seele, sie bezeugt so recht den Sieg des Geistes
über alle Leiblichkeit!"

An der Herbeiführung dieses Sieges hat er durch die
Jahre hindurch gearbeitet, in denen er durch unsere Geistes-
Strömung so innig verbunden war mit uns. Diesen Sieg,
er hat ihn erreicht nicht in Anmaßung, sondern in aller
Bescheidenheit. Hinaufsehend zu ihm, da sich seine Seele
entrungen dem irdischen Leben, durfte ich in Basel die
Worte sprechen: "Er war unser, er ist unser, und er wird
unser sein!" Damals war es — zum dritten Male über ihn
sprechend — als das Karma, ich darf sagen, auf merkwürdige
Weise herbeigeführt hat, daß ich gerade am Ort
war, als er in der Nähe unseres Dornacher Baues in seinen
irdischen Überresten den Elementen übergeben wurde.

Und so war er denn, nachdem er jene Worte niedergeschrieben
hatte von der Sehnsucht nach seinem einsamen
Grab, noch in seinem Erdenleben durchgegangen durch
unsere Geistesströmung. Und wahrhaftig, man kann es

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vielleicht empfinden, wenn mit einer kleinen Veränderung
wiederum hingewiesen werden mag auf die Worte, die
vorhin mitgeteilt worden sind, die von ihm vor Jahren
gesprochen worden sind, bevor er sich mit unserer Geistes-
Strömung vereinigte. Sagen dürfen wir jetzt mit Recht:
Wir suchen ihn im Geisterland, zu dem wir den Pfad
suchen... "Wir fanden einen Pfad" so wird auch seine
letzte Gedichtsammlung, die demnächst erscheinen wird,
betitelt sein. Im Geisterland sehen wir ihn geborgen. Wir
schauen hinauf zu ihm. Lernen wollen wir allmählich,
erkennen lernen wollen wir, welch’ bedeutende Individualität
in ihm verkörpert war. Doch davon sei heute nicht
gesprochen. Aber dasjenige, was wir tief empfinden wie
eingeschrieben auf seinem geistigen Grabstein, den wir ihm
setzen wollen in unserem Herzen, das wird der uns lieb
gewordene Name sein, mit dem wir viel, viel verbinden
wollen. Er darf als einziges Wahrzeichen auf seinem geistigen
Leichenstein stehen. Wir werden, nachdem er unser
geworden ist, nachdem wir ihn erkannt haben, — wir
werden viel mit diesem Namen verbinden. Daher werden
Sie als Aufrichtigkeit empfinden, meine lieben Freunde,
wenn ich, anknüpfend an die vorhergehenden Worte, sage:

    Im Geisterland finden wir ihn eingebettet,
    am Saum, zwischen Irdischem und Geistigem.
    Da wirkt er, da rastet er sich nicht aus,
    da wirkt er weiter als Geist unter Geistern,
    für alle Gegenwart.

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Wir aber schreiben auf sein geistig Haus seinen uns
liebgewordenen Namen und die Worte die wir empfinden
wollen tief:

    Lest "Christian Morgenstern!"

Ich selbst möchte sie aussprechen, diese Bitte, in
Verbindung mit dem Namen Christian Morgenstern:

    Lest Christian Morgenstern.
Gefunden hat er sein Mutterland dort in geistigen
Höhen, heimgeholt hat ihn die Geisteswelt, die Mutterflut,
er ist zurückgekehrt in die Heimat, aber in die Heimat,
worinnen unsere Seele mit ihren stärksten Kräften wurzelt,
wurzelt selbst in den Augenblicken, in den Feieraugenblicken
des Lebens, wo sie sich ferne fühlen muß von allem
bloß sinnlichen Geschehn.

Das ist es, was ich auch hier in Worten, die sich mir
aus der geistigen Betrachtung Christian Morgensterns selbst
ergeben, vorausschicken möchte dem Vortrag der Dichtungen,
die er uns hinterlassen hat als ein schönes Wahr-
Zeichen für die Wirksamkeit unserer Weltanschauung in
einer Menschenseele, die viel gerungen, viel gekämpft hat,
die sich erkämpft hat als Geist den Sieg über den Leib, die
mancherlei an Menschen, mancherlei an Weltanschauungen
erlebt hat, und die noch in den letzten Tagen des Lebens
hier auf der Erde sprechen konnte die Worte:

"Eigentlich gibt es nur Eines, in dem ich gar nicht, auch
nicht im geringsten irre geworden bin..."

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Christian Morgenstern meinte die Weltanschauung, zu
der wir uns auch bekennen.

Wir aber wollen überzeugt sein, meine lieben Freunde,
daß ihm diese Anschauung auch bleibt für das Leben im
Geiste, das er führt und zu dem wir hinaufschauen wollen.

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915