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(in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 )

Es war Rudolf Steiner ein Herzensbedürfnis, das rege
Gefühl der Zusammengehörigkeit mit der Seele des Dahingegangenen
in den Kreisen, die denselben Zielen lebten,
lebendig zu erhalten. Seinem Andenken waren immer
wieder bei den darauf folgenden Vortrags-Zyklen Worte
gewidmet. Da an verschiedenen Orten gesprochen wurde,
ist es selbstverständlich, daß das Wesentliche, das den
Freunden nicht vorenthalten, sondern in die Seelen gesenkt
werden sollte, wiederholt werden mußte. Doch steht dieses
Wesentliche immer wieder in neuen Gedankenzusammenhängen
drinnen und darf deshalb wohl hier wiederholt
werden. Es liegt ja auch gerade in der Wiederholung
geistiger Wahrheiten eine Kraft, die der Kundige nie unter/
schätzen wird.

Die auf Wien folgende nächste größere anthroposophische
Veranstaltung fand im Mai in Kassel statt. Der nun
auch von uns geschiedene Freund, der Vorsitzende des
Kasseler Zweiges, Dr. Ludwig Noll, hatte in besonders
stimmungsvoller Weise den Saal der Murrhard-Bibliothek
schmücken lassen. Professor Bernewitz, auch einer der hingegangenen
Freunde, hatte schon für eine frühere Kursus-
Veranstaltung auf Grund der erhaltenen geistigen Impulse das
erste aus unseren Künstlerkreisen stammende Michael-Bildwerk
geschaffen, das an manchen Orten in plastischer
Reproduktion noch erhalten ist. Rudolf Steiner sprach dort
über "Das Hereinragen der geistigen Welt in die physische".

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An einigen Beispielen diese Tatsache erläuternd, charakterisierte
er mit folgenden Worten Christian Morgensterns
Seelenwesen:

"Aber nachdem ich dieses eingeflochten habe, darf
ich noch einen anderen konkreten Fall vor Ihnen erzählen,
der ein erst in der letzten Zeit von uns gegangenes Mitglied
betrifft, ein Mitglied, das eine lange Krankheit durchgemacht hat,
eine lang andauernde Krankheit, und diese
Krankheit in einer merkwürdigen Weise durchgemacht hat
in Bezug auf die Seele. Eine geistig wirksame Persönlichkeit,
eine bedeutende dichterische Persönlichkeit war sie
während des Erdenlebens, und wie sich sogar jetzt ganz
klar zeigt, eine viel bedeutendere Individualität, als man
annehmen durfte, wenn man nur das Erdenleben betrachtete.
Aber nun das sehr Eigenartige! Nach einem Leben, das
in Krankheit des Leibes, in langem Leiden zugebracht
worden ist: nach verhältnismäßig kurzer Zeit die Früchte
des leidvollen Erdenlebens in der geistigen Welt — erst in
ihren Anfängen, aber doch sich schon zeigend ! Damit ich
begreiflich machen kann, wie das, was ich da zu sagen
habe, eigentlich gemeint ist, möchte ich durch Vergleich
noch einiges tun, um das rechte Verständnis herbeizuführen.

Wir können mit unserer Seele die Natur bewundern,
eine Szenerie in der Natur, eine Menschheitsszenerie; aber
wir werden niemals bemängeln — wenn ein bedeutender
Künstler kommt und uns die Naturszenerie hinstellt — ,
auch aus seiner Seele heraus noch etwas zu finden in den

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Bildern, in der künstlerischen Schöpfung, die er uns neben
die Natur hinstellt. Wir sind uns klar, daß wir gewinnen, indem
wir die Natur noch durch eine andere Seele betrachten,
auch wenn wir noch die Natur selbst daneben beobachten
können. Warum ich das sage ; Nun, um einen
Vergleich zu gebrauchen. Man kann in die geistige Welt
hineingehen, man kann die Dinge darin beobachten, und
doch ist es von großer Bedeutung, auch etwas anderes zu
beobachten. A n der Persönlichkeit, die ich jetzt meine,
die nach Jahren eines in Leiden zugebrachten Erdenlebens
dahinging vor wenigen Wochen, bildete sich aus während
der Erdenkrankheit — gleichsam wie sich abhebend von dem
erkrankten, nach und nach dem Tode entgegengehenden
Leibe — eine Welt von kosmischen Imaginationen. In
dem Maße als der Leib kränker wurde, gleichsam verdorrte,
hob sich heraus aus dem dorrenden Leibe eine
Welt von Imaginationen, kosmischen Imaginationen. Nun
ist die Persönlichkeit durch die Pforte des Todes gegangen,
und die Imaginationen beginnen aufzuleuchten in wunderbarer
Schönheit, so daß sie in der geistigen Welt wahrzunehmen
sind wie ein wunderbares Kunstwerk der geistigen
Welt, wie ein aus dem Kosmos heraus geschaffenes Kunstwerk,
das seinen Ursprung in dem erkrankten Leibe hat
und aus dem erkrankten Leibe in die geistige Welt getragen
wurde, und für den, der die übrige geistige Welt sieht,
sich so hinstellt, daß man dadurch noch ein wunderbar
reicheres Gewinnen an Erkenntnissen der geistigen Welt

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erlangt, als durch unmittelbares Anschauen selbst: wie
durch ein Kunstwerk, in dem man die Welt durch das
Werk einer anderen Seele sieht, neben dem, was man selbst
beschauen kann. Die betreffende Persönlichkeit hat aufgenommen
in einer hingebungsvollen Art spirituelle VorStellungen,
sie konnte schon in ihren Gedichten vieles geben
von dem, was in die Menschenseele hineinfließt, wenn wir
das Mysterium von Golgatha in unserem geisteswissenschaftlichen
Sinne verstehen, wenn wir uns voll durchdringen
mit der Bedeutung dessen, was es heißt: den Christus, den
wir kennen lernen durch die Geisteswissenschaft, so für uns
selbst anzuerkennen in unserer Gesinnung, daß wir wirklich
nachleben dem Paulus-Ausspruch: "Nicht ich, sondern der
Christus in mir schaut die Welt an." Es gossen sich diese
wahrhaft rosenkreuzerisch-christlichen Stimmungen aus über
die letzten Gedichte dieser Persönlichkeit. Und während
das bewußte Erdenleben noch in solche Dichtungen vertieft
war, solche Dichtungen schuf, bildete sich aus im
Unterbewußtsein eine Welt kosmischer Imaginationen,
die allerdings durch die innere Stärke wie versengend, wie
verbrennend auf den Leib wirkten, aber die bewirken
werden, daß jene Individualität auch schon in der geistigen
Welt die Aufgabe bekommt, die ihr wahrscheinlich zugeteilt
wird, über die ich jetzt nicht weiter sprechen werde.
Jedenfalls das aber ist zu sagen, daß sich unter diesem bewußten
Leben ein anderes hineinschiebt, das durch die
Pforte des Todes geht und sich so zeigen kann, daß wir

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klar wissen: es hat sich schon während des Erdenlebens
vorbereitet durch die aus der Geisteswissenschaft fließende
Gesinnung und ist geworden zu schönen Tableaux kosmischer
Imaginationen, die nun entgegenstrahlen dem forschenden
Geistesforscher und ihm vieles aufklären können,
was er sonst vielleicht nicht so leicht finden würde —
die aber auch fortwirken werden in den Aufgaben, die
solche Individualität haben wird.

Im höchsten Maße mit scheuer Ehrfurcht, meine lieben
Freunde, müssen wir auf solche Ergebnisse der Geistes-
Wissenschaft schauen. Denn wenn in alten Zeiten mehr
durch das Gefühl der religiöse Sinn der Menschenseele
erregt werden sollte, so leben wir immer mehr und mehr in
Zeiten hinein, wo — durch die Verbindung der Erde mit
der geistigen Welt — des Menschen Geistigkeit selbst sich
beleben und entzünden muß; wo wir immer konkreter
werden müssen in bezug auf das geistige Leben. Die Menschheit
wird sich in der Zukunft nicht verschließen können,
das Geistige auch in dem Konkreten zu suchen und denken
zu können, wie fortwirkt eine menschliche Individualität, —
wie sie durch die Pforte des Todes gegangen ist mit den
Kräften, die sich hier vorbereitet haben, bevor die betreffende
Individualität durch die Pforte des Todes gegangen ist.

Und wie wird das menschliche Leben vertieft werden,
wie werden sich die Gesinnungen, die ein Mensch dem andern
Menschen entgegenbringt, veredeln, im wahrsten
Sinne des Wortes vermoralisieren und mit göttlicher Substanz

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durchdringen, die dann durch das Menschenleben
wallt und webt, wenn Gedanken unter den Menschen
Heimatrecht haben, die in derselben konkreten Weise von
unseren Toten sprechen, wie wir sonst von den Lebenden
sprechen.

Das alles, meine lieben Freunde, muß man sich vorhalten,
um den rechten Sinn für die Mission und Aufgabe
der Geisteswissenschaft in der Zukunft in das Herz, in die
Seele aufzunehmen.

Ich möchte, daß Sie diejenigen Dinge, die ich in dem
letzten Teil des Vortrages gesprochen habe, wirklich so
betrachten, daß sie gesprochen sind heraus aus jener Gesinnung
gegenüber der Geisteswissenschaft, die nur in
heiliger Scheu, nur in ungeheurer Ehrfurcht vor diesen
Tatsachen, sprechen möchte von diesen Tatsachen. Mit
dieser Gesinnung möchte ich das, was ich da gesagt habe,
in Ihre Seelen legen."

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915