RS: GW: D4

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
 

 

   S. 98
(Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915 )

Am Karsamstag, anknüpfend an eine Betrachtung
über das Bild Michel-Angelos "Das jüngste Gericht",
weist Rudolf Steiner darauf hin, wie die Menschen heute
nicht mehr in der Lage sind in derselben Weise wie früher
solch ein Bild anzuschauen, wie sie das Verständnis dafür
verloren haben. Ein neues Verständnis muß durch die
Geisteswissenschaft erobert werden. Das ist die Aufgabe
dieser Übergangszeit.

A ls Herman Grimm in seinem Leben Michel/Angelos
seine schöne Abhandlung über "Das jüngste Gericht"
vollendet hatte, fügte er seiner Betrachtung die folgenden
Worte hinzu:

"Noch wagen wir freilich nicht, die körperlichen
Bilder, die uns als heilige Vermächtnisse überliefert sind,
ganz für Schatten zu erklären; aber wie der Gang der
geistigen Entwickelung sich mir darstellt: immer blässer
müssen diese Vorstellungen werden, und Anderes muß an
ihre Stelle treten, das als Symbol der ewigen Dinge gilt."
Er sieht ein, daß Anderes an die Stelle treten muß,
aber er sucht vergeblich in der Zeitenkultur, die ihm erreichbar
ist, nach diesem Anderen. Und ich möchte sagen,
tragisch klingen seine folgenden Worte:

"Denn ohne Symbole, seien es sichtbare Bilder oder
Gedanken, beruhigen wir uns nicht, mag uns auch noch
so deutlich werden, daß alles Symbolische nur ein Gleichnis
sei: leer für den, der den Inhalt nicht selbst aus der eigenen
Seele in sie hineinlegt. So aber wie das jüngste Gericht

   S. 99
an der Wand der Sixtinischen Kapelle steht, ist es für uns
kein Gleichnis mehr, sondern ein Denkmal des phantastischen
Seelenlebens einer vergangenen Zeit und eines
fremden Volkes, deren Gedanken nicht mehr die unsern sind".

Das ist ein Geständnis, in Aufrichtigkeit von der
Menschenseele sich selbst gegeben, wie ein Geist es sich
geben mußte, der nicht einfach dabei stehen bleiben kann:

"Wir können jetzt in alle Zukunft leben, auch wenn wir
verloren haben dasjenige, was früher vor die Menschenseele
sich hinstellen mußte, wenn sie das Karfreitag-Mysterium
empfand." Das sind die Worte eines Geistes, der
empfindet, daß das Alte vergangen ist, und der in die
Gegenwart schaut, der wie vergeblich sich nach etwas
umschaut, was an die Stelle des Alten treten kann.

Solch ein Geist ist in unseren Zeiten durch die Pforte
des Todes gegangen, mit diesem Gedanken:

Wo, wo, du Seele, du Menschenseele, die du einstmals
dich im Anblick des im Grabe liegenden Cruzifixus vertieftest
in deine heiligsten Geheimnisse im Weltengang — wo,
du Menschenseele, findest du dasjenige, was deine neuen
Gedanken und Empfindungen über dieses Geheimnis
werden müssen? Wo, du Menschenseele, findest du etwas,
was wiederum dich ausfüllt, wenn du zu dem im Grabe
liegenden Cruzifixus, wenn du auf das Karfreitag-Mysterium
hinblickst? wo, du Menschenseele, findest du das? — Mit
diesen Gedanken schreitet ein solcher Geist durch die Todespforte.

   S. 100
Jetzt werden Sie es begreifen, was es bedeutet, wenn
ich vor einigen Tagen hier in diesem Raume sagen durfte:
Es hat Seelen gegeben, die durch die Todespforte geschritten
sind, und die ein Gefühl, ein neues Gefühl von dem, was
der Mensch wahrhaftig ist, empfingen, als in ihre Genossenschaft
unser Freund Christian Morgenstern getreten
ist, mit einem durch Geisteswissenschaft erleuchteten,
durchgeistigten Bewußtsein, mit einem deutlichen Bewußtsein
alles dessen, was diesen Seelen verloren gegangen war.
Durchdrungen von dem Bewußtsein von der neuen Christus-
Verkündigung, trug er die neuen Gedanken über die
Christus-Entwickelung und ihren Zusammenhang mit der
Menschheits-Entwickelung hinauf durch die Pforte des
Todes in die geistigen Welten. Die Seelen, die sich sehnten
nach diesen Gedanken, weil sie durch ihre eigene Pforte
des Todes nur dasjenige haben tragen können, was ihnen
als Ungedanken oder blaß gewordene Bildgedanken der
Vorzeit vor die Seele trat, diese Seelen, sie fanden in unserem
Freunde den sie aufklärenden Genossen.

So ist es schon nach dem Tode, wenn auch Oberflächliche
glauben können, daß der Mensch, wenn er durch
die Pforte des Todes tritt, von selbst alle Geheimnisse überschaut.
Das tut er nicht, denn so, wie er durch das Leben
in der Embryonalzeit vorbereitet wird für das Leben außer
dem Mutterleibe, so muß er für das Leben, das er verbringt
zwischen dem Tode und einer neuen Geburt, durch das
Leben hier im Erdenleibe vorbereitet werden. Und für die

   S. 101
Seelen, die, ohne im Erdenleibe empfangen zu haben Gedanken
über das Mysterium von Golgatha, durch die Pforte
des Todes geschritten sind, war ein Offenbarer der Mensch,
der hinaufkam, seine Seele durchleuchtet von dem, was die
neue Christus-Verkündigung der Seele sein kann.

Durchdringen wir uns in aller Ehrfrucht in diesen
Tagen des Jahres gerade mit solchen Gedanken. Nehmen
wir sie auf in ihrer Konkretheit, wie sie im Zusammenhang
mit unserer eigenen Gesellschaft an unsere Seele herantreten,
nehmen wir sie in ihrer Konkretheit in unsere Seele auf,
und versuchen wir es in diesen Tagen, von der vor unsere
Seele rückenden geheimnisvollen Karfreitag-, Karsamstag-
Festlichkeit die Kraft uns geben zu lassen, solche Dinge
noch tiefer und immer tiefer zu verstehen. Benützen wir das,
was uns diese auch für uns heiligen, tragisch-heiligen Tage
sein können, um so recht auf uns wirken zu lassen dasjenige,
was gerade bei solchem Anlaß in unserer Seele aufgehen
kann, beleuchtend tiefste Abgründe unseres ganzen
Menschendaseins, wie es sich entwickelt durch die Erde
hindurch, aber auch durch diejenigen Himmelskörper
hindurch, die Wiederverkörperungen unserer Erde sein
werden. Versuchen wir das Ostergleichnis sein zu lassen
im tiefen, im ganz tiefen Sinne ein Gleichnis, ein Bild desjenigen,
was vom Ewigsten mit dem Wesen der Menschenseele
— und dadurch mit unserer Selbsterkenntnis zusammenhängt."

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915