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(Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915)

Ein Jahr später. Palmsonntag 1915. Das Osterfest
steht bevor.

Wie ein Mensch gewordenes Sinnbild des tiefen
Karfreitags- und Ostergedankens steht Christian Morgenstern
vor Rudolf Steiners Seele. Er durchlebt das Fest der
Grablegung und der Auferstehung in Geistesgemeinschaft
mit dem durch den Tod so stark im wahren Leben stehenden
Freund. Er sagt uns:

"In dieser kommenden Osterwoche jährt sich die Zeit,
seit welcher unser lieber Freund Christian Morgenstern von
uns hier von dem physischen Plan gegangen ist in die
geistigen Welten, in jene Welten, um deren Erkenntnis
wir uns durch unsere Geisteswissenschaft bemühen. Bei
anderen Gelegenheiten habe ich versucht, darzustellen, was
uns Christian Morgenstern war in der Zeit, in der wir ihn
inmitten unserer geisteswissenschaftlichen Strömung mit
seiner bedeutsamen dichterischen Begabung hatten, in der
er, aus der reichen Fülle seines Geistes und seiner Seele
heraus wirkend, unsere geistige Bewegung befruchtet hat.
Und auch gesprochen habe ich schon von dem, was dem
seherischen Vermögen Christian Morgenstern geworden ist
seit der Zeit, seit seine Seele angetreten hat ein anderes
Dasein : wie er gerade zu denjenigen Individualitäten gehört,
zu denen wir hinblicken als zu unseren im Geisterlande
weilenden Helfern, bei denen wir ganz besonders ins Bewußtsein
uns bringen können, was wir toten Freunden zu

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danken haben. Über alles das hätte ich auch am heutigen
Tage vieles zu sagen, doch dafür wird sich in der nächsten
Zeit noch ein anderer Zusammenhang finden. Worauf ich
aber heute insbesondere hindeuten will, wenn auch nur
mit ein paar Worten, das wird eingegeben von dem Sinn
und der Bedeutung des kommenden Festes. Ist es doch
das Fest, welches uns versinnbildlicht im höchstdenkbaren
Sinne den Sieg des ewigen Geisteslebens über die sinnlichen
Gleichnisse, über die materiellen Hüllen, die der Geist
annimmt, um sich vorübergehend in diesen Gleichnissen,
in diesen Hüllen darzustellen und in ihnen seine besondere
Aufgabe zu vollenden. Ist doch das, was da kommt, das
Fest, das uns immer erinnern soll daran, daß das Leben
siegt, unaufhörlich und ewig siegt über den Tod.

Christian Morgenstern ist für uns der Sieg des Lebens
über den Tod, Christian Morgenstern ist für uns der Repräsentant
desjenigen Wesenhaften, das vor uns stehen
soll besonders in dieser Festeszeit: daß da alles Tote aufersteht
und lebendig lebt. Und von diesem lebendigen Leben der
Seele, die in Christian Morgenstern verkörpert war, seien
einleitungsweise heute einige Worte gesprochen.

Man kann sagen, meine lieben Freunde, daß das
Eintreten der Seele, die in Christian Morgenstern verkörpert
war, in die geistigen Welten, ein Ereignis für diese
geistigen Welten war, daß es in gewissem Sinne (wenn
ich den prosaischen Ausdruck gebrauchen darf) Epoche
machte in diesen geistigen Welten. Charakteristische

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Persönlichkeiten haben mit ihren Seelen im Laufe der
letzten Jahrhunderte den Erdenplan verlassen. Die charakteristischsten
Persönlichkeiten unter denen, die diesen Erdenplan
verlassen haben, sie haben ihn verlassen mit einer Seele,
die wohl bewandert war in all dem, was im Umkreis des
Erdenhorizontes beobachtet werden kann, was im Umkreis
der Erde Hervorragendes gedacht werden kann. Große
Geister sind über die Erde geschritten, und intensiv hat
sich das menschliche Erdendenken gestaltet. Mit diesem
menschlichen Erdendenken hat man hineingeleuchtet in
intime materielle Vorgänge des Lebens. Das ist gerade das
Charakteristische der letzten Jahrhunderte, daß der Menschen
Erdenverstand bloß intensiv hineinleuchten konnte in
die materiellen Geheimnisse des Lebens. Und durch die
Pforte des Todes gegangen sind Seelen mit ausgeprägtem
intensiven Erdenwissen; sie haben hinaufgetragen in die
geistigen Welten unendlich Vieles von dem, was man auf
der Erde wissend erringen kann. Aber wohl niemals ist
hinaufgetragen worden, gerade von hervorragenden Seelen,
durch die Pforte des Todes in die geistigen Welten so viel
von dem, was der Erdenverstand sich erobern kann und
was keine Bedeutung hat für die geistigen Welten, was da
ist zur Erklärung der Sinnen-Welten, was tiefe geistige
Geheimnisse enthüllt der sinnlichen Welten, insofern ja
auch diese sinnlichen Welten ihren Ursprung im Geistigen
haben. Gerade den hervorragendsten Geistern war die
Umgebung, in die sie eintraten durch die Pforte des Todes,

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ein Land, in dem für sie fremde Erscheinungen ihren geistigen
Sinnen, ihrer geistigen Fassungskraft entgegenleuchteten.
Und hinunterwenden mußten sie den inneren Blick zur
Erde, um gewahr zu werden, daß sie überhaupt etwas sind.
Man könnte aphoristisch sagen: Eine Versammlung von
durch die Pforte des Todes gegangenen Seelen erblicken
wir im Geisterlande, welche in hervorragendstem Maße
das Erdendasein, die hervorragendsten Zyklen des Erdendaseins
hinaufgetragen haben in die geistigen Welten. In
ihren Kreis trat Christian Morgensterns Seele, jene Seele, die
mit dem innersten Drange nach der geisteswissenschaftlichen
— oder sagen wir direkt Geister-Sprache ausgerüstet,
in dem Irdischen schon dasjenige zu erleben trachtete, was
überirdisch den Sinnen, was übersinnlich ist, — dasjenige zu
erleben trachtete, was in der Kraft der Seele den Erdenmenschen
zugleich belebt und befeuert, — dasjenige, was
diese Seele empfänglich macht im eminentesten Sinne für
das, was der Seele entgegenleuchtet im Geisterlande, wenn
sie durch die Pforte des Todes getreten ist. Und wie ein
heller Stern, der aufgeht, ausgerüstet mit dem Leben, das
auf der Erde angeeignet werden soll für die Geisterlande,
trat Christian Morgensterns Seele in die Mitte derjenigen,
deren Schauen für solche Sterne schon stumpf geworden
war. Und so mancher könnte genannt werden von den
hervorragendsten Geistern der vergangenen Jahrhunderte —
Fichte, Schelling, Hegel — die hinaufgestiegen sind durch
die Pforte des Todes und sagten: Wir haben mit unserem

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Erdenverstehen der Erde Geheimnisse durchmessen, erkundet,
aber leer blieb unser Verständnis für dasjenige,
was uns jetzt umgibt; öde und leer blieb dasjenige, was
Antwort gibt auf die große bedeutungsvolle Frage: "Was
ist der Mensch, der lebendige Mensch im Geisterlande?"
Und Kunde brachte in ihren Kreis herauf von dem, was
der Mensch eigentlich ist, durch seine intime Verbindung
mit der Geistersprache, der Geist, der in Christian Morgenstern
hier auf Erden verkörpert war. Und Hegel und
Fichte, sie konnten sagen: "Wir haben auf Erden zu
ergründen versucht das, was der Erde Geheimnisse erklärt.
Aber in all dem Umfange desjenigen, was wir an Begriffen
aus dem Erdenverstand heraus, aus den tiefen Schächten
der Erdenerkenntnis Gewisses herausholten, war nicht die
Frage beantwortet, die hier vor uns sich hinstellt: Was ist
der Mensch ? Was ist der Mensch in Wahrheit im ganzen
kosmischen Zusammenhang ? Da tritt herauf und erklärt es
uns durch das, was er ist, durch das, was er uns bringt,
durch das, was er auf Erden schon für den Himmel vorbereitet
hat, ein Mensch, ein Menschenstern!"

Das was er ist, wie er lebt für die Geisterlande, das sollte
sich hier vor die Seele stellen im Beginn der Woche, die die
Auferstehung des Lebens uns versinnbildlichen soll festesartig.
Was für Geisterlande die Seele unseres lieben Freundes
Christian Morgenstern ist, es trete in dieser Woche in
unsere Herzen herein, daß unsere Herzen ein dankbares
Fest begehen im Hinsinnen zu dem, der Jahre hindurch

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inmitten unserer geisteswissenschaftlichen Strömung zu
deren Befruchtung, zu deren Belebung war, und von dem
wir wissen dürfen, daß sein Eintreten in Geisterlande gerade
durch dasjenige, was er in den letzten Jahren in seiner
Seele ausgebildet hatte, bedeutungsvoll, tief wirkungsvoll
geworden ist. Nur das Bild möchte ich hingestellt wissen,
das Bild von dem, was für Geisterlande, und deshalb auch
für uns die Seele ist, die in Christian Morgenstern verkörpert
war. Möge dann dieses Bild in Ihrem Herzen
leben durch die kommende Osterwoche, und möge das,
was Christian Morgenstern war, in Ihrem Herzen die Auferstehung
feiern.

Zur Anfachung unserer Empfindungen und Gefühle,
die wir in dankbar heiligem Hinsinnen für Christian
Morgenstern gerade in dieser seiner Sterbewoche entfalten
wollen, in dieser unserer Osterwoche, möge er selbst zu
uns sprechen mit Einigem, was er geschaffen hat hier im
Erdendasein.

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    Ich danke dir, du stummer Stein,
    und neige mich zu dir hernieder:
    Ich schulde dir mein Pflanzensein.

    Ich danke euch, ihr Grund und Flor,
    und bücke mich zu euch hernieder:
    Ihr halft zum Tiere mir empor.

    Ich danke euch, Stein, Kraut und Tier,
    und beuge mich zu euch hernieder:
    Ihr halft mir alle drei zu Mir.

    Wir danken dir, du Menschenkind,
    und lassen fromm uns vor dir nieder:
    weil dadurch, daß du bist, wir sind.

    Es dankt aus aller Gottheit Ein-
    und aller Gottheit Vielfalt wieder.
    In Dank verschlingt sich alles Sein.

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    Das bloße Wollen einer großen Güte
    ist ganz gewiß ein hohes Menschentrachten.
    Doch es erhebt sich erst zur vollen Blüte,

    wenn Gnaden eines seherisch Erwachten
    den Kosmos nachtentleitetem Gemüte
    als Geisterkunstwerk zum Bewußtsein brachten.

    Dann wächst aus Riesenschöpfungsüberblicken,
    aus Aufschau zu verborgnen Bildnersphären,
    aus Selbstmiteinbezug in deren Stufen —

    ein Mitgefühl mit dieser Welt Geschicken,
    das mehr als dunkle Herzenstriebe nähren,
    das höchste Götter mit ans Werk berufen.

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    Ich habe den MENSCHEN gesehn in seiner tiefsten Gestalt,
    ich kenne die Welt bis auf den Grundgehalt.

    Ich weiß, daß Liebe, Liebe ihr tiefster Sinn,
    und daß ich da, um immer mehr zu lieben, bin.

    Ich breite die Arme aus, wie ER getan,
    ich möchte die ganze Welt, wie ER , umfahn.

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    Faß es, was sich dir enthüllt!
    Ahne dich hinan zur Sonne!
    Ahne, welche Schöpfer-Wonne
    jedes Wesen dort erfüllt!

    Klimm empor dann dieser Geister
    Stufen bis zur höchsten Schar!
    Und dann endlich nimm Ihn wahr:
    Aller dieser Geister Meister!

    Und dann komm mit ihm herab!
    Unter Menschen und Dämonen
    komm mit ihm, den Leib bewohnen,
    den ein Mensch Ihm fromm ergab.

    Faßt ein Herz des Opfers Größe;
    Mißt ein Geist dies Opfer ganz; —
    Wie ein Gott des Himmels Glanz
    tauscht um Menschennot und -blöße!

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Ich bin aus Gott wie alles Sein geboren,
ich geh im Gott mit allem Mein zu sterben,
ich kehre heim, o Gott, als Dein zu leben.

Erst wurde ich aus Deinem Ich gegeben,
dann galt es dies Gegebne zu erwerben,
Dir als ein Du es Brust an Brust zu heben.

Da wollte Stolz es mittendrin verderben,
und es ward Dir, und Du warst ihm verloren .
Bis daß Du übermächtig mich beschworen!

Da ward ich Dir zum andernmal geboren:
denn ich verstand zum erstenmal zu sterben,
denn ich empfand zum erstenmal zu leben.

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    Nun wohne DU darin,
    in diesem leeren Hause,
    aus dem der Welt Gebrause
    herausfloh und dahin.

    Was ist nun noch mein Sinn, —
    als daß auf eine Pause
    ich einzig DEINE Klause,
    mein Grund und Ursprung bin!

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    Ich hebe Dir mein Herz empor
    als rechte Gralesschale,
    das all sein Blut im Durst verlor
    nach Deinem reinen Mahle,
        o Christ !

    O füll es neu bis an den Rand
    mit Deines Blutes Rosenbrand,
    daß den fortan ich trage
    durch Erdennächt’ und /tage,
        Du bist !

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915