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(Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914)

Am 7. Oktober wurde in Dornach wieder durch
Rudolf Steiner eine den Werken Christian Morgensterns
besonders gewidmete Feier eingeleitet. Denn es war ihm
ein Seelenbedürfnis geworden, immer wieder uns mit der
Dichtergestalt und dem Geistwesen Christian Morgensterns
zu verbinden. Dem Vortrag der Gedichte gingen die
folgenden Worte voran:

"Meine lieben Freunde! Immer wieder und wiederum
die Gelegenheit zu ergreifen, Christian Morgensterns Dichtungen
vor unsere Seele zu führen, insbesondere diejenigen,
die ihm selber ja so am Herzen lagen in der letzten Zeit
seines physischen Lebens, in der er so innig mit uns verbunden
war, erscheint uns erstens als eine heilige Pflicht,
andererseits zugleich als dasjenige, was wirklich innig verbunden
ist, innig verbunden ist mit dem ganzen Wesen
und der ganzen Art unserer geisteswissenschaftlichen Strömung
in der Gegenwart. Darf man doch ohne weiteres
sagen, dass Christian Morgensterns Weise, sich einzuleben
in dasjenige, was Geisteswissenschaft der Welt verkündigen
will, wirklich auch in spirituellem Sinne segensreich geworden
ist für unsere Bewegung, die ja doch am Anfänge
ihres Werdens erst steht. Die meisten der hier versammelten
Freunde wissen ja aus verschiedenen Zyklen und einzelnen
Vorträgen namentlich, die da und dort von mir gehalten
worden sind in den allerletzten Monaten, dass zu meinen
eigenen bedeutsamsten okkulten Erlebnissen der letzten

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Zeit das Zusammensein mit Christian Morgenstern nach
seinem Tode gehört. Und ich habe ja nicht zurückgehalten
gerade mit demjenigen Erlebnis, welches in Zusammenhang
mit Christian Morgenstern so bedeutungsvoll ist für den
Segen, der erfließt unserer Bewegung aus den geistigen
Welten: daß unsere Bewegung finden konnte einen Dichter,
der seine Seele so innig verband mit dieser unserer Bewegung,
daß gewissermaßen zu den Elementen seines jetzigen Wesens
in den geistigen Welten jenes kosmische Tableau gehört,
welches mit den Mitteln der geistigen Welt eben —
zugleich wie einen Bestandteil des Wesens Christian
Morgensterns — offenbart die Wahrheit desjenigen, was wir
zu lehren haben. Ja, meine lieben Freunde, das ist etwas
ausserordentlich Bedeutsames, das ist etwas, was in ungeheuerer
Weise Vertrauen einflößen kann zur inneren
Wahrheit, aber auch zur inneren Triebkraft unserer Bewegung.
Wir wissen jetzt, daß mit Christian Morgensterns
eigener Wesenheit jetzt verbunden ist etwas wie das Zusammenströmen
des spirituellen kosmischen Alls. So wie
man in einem großen Tableau eines Malers, eines wirklichen
Malers auf dem physischen Plane, vieles von den Geheimnissen
der physischen Welt zusammengeströmt erschaut,
so ist auch — weil man in der geistigen Welt nicht nur
seine Fähigkeiten hinzugeben hat an das, was sie darbietet,
sondern sein ganzes Wesen — so ist das ganze Wesen Christian
Morgensterns eben verbunden mit diesem großen
kosmischen Gemälde-Wesen, in dem er zugleich nunmehr

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lebt. Und das gehört ja zu den erschütterndsten Erlebnissen
in der geistigen Welt, die man haben kann, in der er
nunmehr erst mit seinem echten wahren Wesen lebt —, es
gehört zu dem Erschütterndsten, wenn man so sieht, wie
verschlossen in die mannigfaltigen Geheimnisse der physischen
Welt des Menschen Wesen in der physischen
Welt hier lebt, allerdings erahnbar, erkennbar für die,
die solche Wesen hier lieben, — wie aber frei sich entfaltet
in der geistigen Welt das, was hier noch eingeschlossen ist.
Und wie wir solche Wesen erst voll kennen lernen, wenn
wir sie erkennen nach dem Tode.

So erscheint mir heute nach seinem Tode Christian
Morgenstern als geistiger Führer von vielen Menschen, die
in kurz verflossenen Zeiten der geistigen Entwickelung der
Menschheit hinaufgegangen sind in die geistigen Welten,
die dadurch eine ungeheuere Förderung erfahren, daß sie
in gewissem Sinne ausgestattet waren mit diesen Sehnsuchten
nach den geistigen Welten und doch nicht sie
finden konnten in der physischen Welt. Sie brachten diese
Sehnsucht hinauf.

Wir haben ja am Tage der Grundsteinlegung von
diesen Sehnsüchten gesprochen in Anlehnung an eine
bestimmte Persönlichkeit: an Herman Grimm*). Ich habe
gezeigt, wie nahe er war der Erfassung der geistigen Welt,
und wie er diese Erfassung doch nicht finden konnte.
Manche Andere sind da... und es bedeutet eine ungeheuere

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*) Vortrag des 20. Sept. 19 14 (wird demnächst erscheinen).

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Förderung für sie, daß — in Menschenworten ausgedrückt —
sie jetzt überzeugt sein können von dem, was sie suchten
und nicht finden konnten: dadurch überzeugt sein können,
daß sie es vor sich haben im eigenen Seelenwesen des Christian
Morgenstern. Nicht als ob sie es sonst nicht finden
könnten in der geistigen Welt — aber es ist etwas anderes,
es so vor sich zu haben. Das ist der ungeheuere Segen davon,
daß Christian Morgenstern sich so mit unserer Bewegung
verbunden hat, und daß diejenigen wesenhaft es in der
geistigen Welt in ihm sehen können, die Sehnsucht hatten,
solches kennen zu lernen.

Ich mußte oft gedenken zweier Tatsachen — gerade,
ich möchte sagen, im Verkehr mit Christian Morgenstern
nach seinem Tode... mußte oft gedenken zweier Tatsachen:
die erste Tatsache schließt sich an einen der größten
Repräsentanten des modernen Geisteslebens, an Goethe.
Nun, wir kennen ja alle Goethe als Faustdichter, als einen
der wahrsten Dichter aller Zeiten, weil er, was er im Faust
dargestellt hat, in der eigenen Seele auf dem physischen
Plan durchkämpft und durchlitten hat. Wir wissen ja alle,
daß der zweite Teil des Faust mit dem Hinaufgehen des
Faust in die geistigen Welten schließt. Das hatte Goethe
darzustellen. Aber zu Goethes Zeiten war nicht die Möglichkeit
vorhanden, durch Geisteswissenschaft die Bilder zu
finden, die der Wahrheit, die heute gesehen werden muß,
entsprechen. Und es macht in gewisser Beziehung einen
tragischen Eindruck, wenn wir einen Brief Goethes lesen,

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den er schrieb, als er vollenden wollte den zweiten Teil des
Faust, und in dem er spricht von den Schwierigkeiten, die
er hatte in dem Darstellen des Hinaufgehens des Faust in
die höheren Welten. Da schreibt er:

"Übrigens werden Sie zugeben, daß der Schluß, wo es
mit der geretteten Seele nach oben geht, sehr schwer zu
machen war, und daß ich bei so übersinnlichen, kaum zu
ahnenden Dingen, mich sehr leicht im Vagen hätte verlieren
können, wenn ich nicht meinen poetischen Intentionen
durch die scharf umrissenen christlich-kirchlichen
Figuren und Vorstellungen eine wohltätig beschränkende
Form und Festigkeit gegeben hätte."

Goethe mußte zu überlieferten, christlichen Formen
greifen. Wir wissen, daß er zu diesen Formen gegriffen
hat, um zu schildern den Übergang der Seele in die übersinnliche
Welt. So haben wir auch bei Goethe etwas, was
er nur darstellen kann in überlieferten Formen, die Sehnsucht
nach etwas, was wir versuchen in neue Formen zu
bringen, in diejenigen Formen, die unserer Zeit angemessen
sind. Da ist es von unendlicher Bedeutung, daß unsere
Bewegung gleich im Anfänge einen Dichter gefunden hat
wie Christian Morgenstern, der alles, was ihm die Bewegung
geben konnte, unmittelbar übertragen konnte in persönliche
Empfindungen in sein dichterisches Schaffen, daß es
ihm möglich war, gleich im Anfänge in das Persönliche
so unmittelbar aufzunehmen, so elementar aufzunehmen dasjenige,
was unsere Bewegung geben konnte. Das ist von

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ungeheuerer Bedeutung, die über alles Persönliche hinausgeht,
und die in eine überpersönliche Sphäre erhebt, die
zusammenhängt mit allen Ausgangspunkten unserer Bewegung.
Wahrhaftig, es ist dieses wirklich etwas, was
zusammenhängt mit dem Vertrauen, das man haben kann
in unsere Bewegung, daß so etwas möglich ist.

Die andere Tatsache, deren ich immer gedenken
mußte in diesen Tagen, ist die folgende: Ich habe einmal
in Berlin darauf aufmerksam gemacht, daß Herman Grimm,
der so nahe war all den Sehnsüchten, die nach übersinnlichen
Erlebnissen unserer Art führen, als ich in einem
Gespräche diese Dinge zu berühren suchte, dafür nur eine
abwehrende Bewegung hatte: er wollte das nicht an sich
herankommen lassen. Es hatte etwas tief Erschütterndes,
dieses eigentümliche Verhalten gerade Herman Grimms zu
der für unsere Zeit ureigenen Form des geistigen Lebens
zu sehen, Herman Grimms, den ich für die zweite Hälfte
des 19. Jahrhunderts den akkreditierten Statthalter Goethes
nennen möchte. Alle Bestrebungen unserer Bewegung
gehen dahin, gerade solche Geister jetzt hinzuweisen auf
das, was Christian Morgenstern ihnen sagen kann.

Sie sehen, daß das, was wir als unsere Verbindung,
als unser Verhältnis, unsere Liebe zu Christian Morgenstern
empfinden, sich in die übersinnlichen Sphären erhebt.
Ich habe versucht, Ihnen das in einigen Worten anzudeuten.
Sie werden in dem, was Ihnen jetzt vorgetragen werden
soll, eben durch die Töne Christian Morgensterns auf andere

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Art noch empfinden, was er unserer ganzen Bewegung ist
und noch werden wird. An einer Stelle besonders wird
man sich mit Rücksicht auf die Ereignisse dieser Tage
tief im Herzen berührt fühlen. Wenn auch Christian
Morgenstern selbstverständlich, als er das Gedichtchen
schrieb, einen ganz anderen Frieden meinte, als derjenige ist,
den wir heute herbeisehnen müssen, so geht es doch angesichts
der Ereignisse der heutigen Tage tief zu Herzen,
was gerade dies eine kleine Gedichtchen gibt.

So werden wir jetzt daran gehen, Ihnen etwas aus den
nachgelassenen Gedichten unseres lieben Freundes Christian
Morgenstern vorzulesen.

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915