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(in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914)

Es folgten der Gedenkfeier in Kassel die Worte zum
Gedächtnis Christian Morgensterns in Berlin. Sie sollen in
dem Bande erscheinen, der mit diesem zugleich zur Feier
des nun zum zehnten Mal sich jährenden Todestages Rudolf
Steiners der Pietätsempfindung unserer Mitgliedschaft
übergeben wird: "Rudolf Steiner und unsere Toten".

In dem in Norrköping gehaltenen und gedruckt vorliegenden
Vortragszyklus "Christus und die menschliche
Seele" finden wir die Worte, die Rudolf Steiner einige
Wochen später in Schweden über Christian Morgenstern
gesprochen hat.

Es brach der Weltkrieg aus. Was im August und
September von Rudolf Steiner gesprochen wurde, steht im
Zusammenhang mit jenem welterschütternden Ereignis.

Am 20. September, am Tage der Grundsteinlegung
des Dornacher Baues, war es Rudolf Steiner ein Herzensbedürfnis,
Christian Morgensterns besonders zu gedenken.
Er konnte nicht anders als in Gedanken den Bau verbinden
mit dem, was Christian Morgenstern ihm und der Bewegung
für Geisterkenntnis gewesen und geworden ist. Er sprach
das Folgende:

"Den Betrachtungen, die sich mir ergeben haben im
Anschlusse an die Grundsteinlegung unseres Baues, möchte

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ich heute einiges voranschicken. Wir wollen auch an hiesiger
Stätte noch einmal gedenken des Mannes, der so innig
mit allem, was unsere Geistesbewegung betrifft, zusammenhängt:
"Christian Morgenstern."

Es ist, meine lieben Freunde, nicht ohne einen inneren
geistigen Zusammenhang, daß gerade bei dem Gedenken
an unsere Grundsteinlegung Christian Morgensterns gedacht
wird. Die letzte Sammlung der Gedichte Christian
Morgensterns, welche ja erst erschienen ist, nachdem er
den physischen Plan verlassen hat, sie trägt den ja im Grunde
genommen nur in unseren Kreisen bis ins einzelnste verständlichen
Titel: "Wir fanden einen Pfad". Den Pfad,
den Christian Morgenstern meint, den fand er, indem er sich
näherte, immer mehr und mehr dem näherte, und endlich
völlig darinnen stand in dem, was wir unsere spirituelle
Strömung, was wir unsere geistige Wissenschaft und unser
geistiges Leben nennen. Und ganz erfüllt ist ja das, was
in jenem Bande zum Ausdruck kommt, von den Empfindungen,
von den lebendigen Ideen, die Christian Morgenstern
in Zusammenhang mit unserer Geistesbewegung
durchlebt hatte. Es bedeutete ja bei ihm viel, daß er gerade
diesen Titel wählte: "Wir fanden einen Pfad" . Aber Christian
Morgenstern hatte auch Empfindung dafür, symbolisch
zum Ausdruck zu bringen, wie er mit unserer geistigen
Bewegung zusammenhängt. Und das ist es, was eben
auch in unseren geistigen Zusammenhang hinein sich stellt,
wenn wir unserer Grundsteinlegung gedenken. Es ist dann

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ja nicht dazu gekommen, aber diese letzte, mit dem Hin-
Weggehen von dem physischen Plane Christian Morgensterns
erschienene Gedichtsammlung hätte eigentlich tragen
sollen nach der Meinung Christian Morgensterns — es
hat sich dann nicht ausführen lassen — eine Abbildung
unseres ja noch nicht vollendeten Haupteinganges. Und
"Wir fanden einen Pfad" hätte sollen symbolisch zum
Ausdruck kommen in dem Titelbilde, gleichsam sagend:
Wer da eintritt in die Empfindungen, die hier in diesem
Buche niedergelegt sind, der findet den Weg durch das
Tor, durch das man in den Dornacher Bau eintritt.

So also ist Christian Morgensterns Seele innig, ja innig
mit demjenigen verbunden, mit dem wir uns auch so innig
verbunden fühlen. Ich weiß nicht, ob alle unsere lieben
Freunde gehört haben, was ich in manchen unserer Zweige
zu sagen hatte, einige Zeit nachdem Christian Morgenstern
den physischen Plan verlassen hat. Es mag so sonderbar
erklingen, weil es vielleicht ein zu einfaches Wort ist
für die Sache, die ich meine: Bei Christian Morgenstern
trat es mir so lebendig vor die Seele, wie man Menschen
noch ganz anders kennen lernen kann als im physischen
Leben, wenn man in die Lage kommt, sie zu schauen,
nachdem sie den physischen Plan verlassen haben. Es gibt
mancherlei, was meine Seele der Seele Christian Morgensterns
jetzt nahe fühlt. Ich möchte nicht das Gedichtchen
zur Vorlesung bringen, das hier in das für mich bestimmte
Exemplar der Gedichte, mit den schönen Zügen Christian

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Morgensterns, in Bleistift von ihm geschrieben am 13. Mai
1912, durch Margareta Morgenstern hineingefügt ist. Aber
ohne die Bescheidenheit zu verletzen, darf ich vielleicht
die zwei letzten Zeilen dieses ungedruckten Gedichtes in
einem gewissen Zusammenhang hier mitteilen, im Zusammenhang
mit mir. Wie gesagt, es ist nicht aus Unbescheidenheit,
sondern weil ich auf ein okkultes Faktum zu
sprechen kommen will, sei es gesagt. Im Zusammenhang mit
mir, insofern ich Christian Morgenstern gegenüber durch
meine Persönlichkeit diese Geistesbewegung zu vertreten
habe. In bezug darauf schließt das Gedichtchen mit den
Worten:

    "Und schrieb in meine Viergestalt
    ihr Kreuz wie einen stillen Halt."

Ja, meine lieben Freunde, es war eine der schönsten,
eine der erhebendsten und erhabensten Aufgaben unserer
geistigen Bewegung, in diese Viergestalt das heilige Kreuz,
das Symbolum unserer Bewegung, als stillen Halt einzuschreiben.
Und jetzt muß ich Christian Morgenstern
oftmals meditierend finden. Und diese Zeilen mit denen,
die diesem Gedichtchen vorangehen, sie bilden sozusagen
immer dasjenige, was eine Vermittlung des Weges
ist zu dieser Seele. Und bei mancherlei ist diese Seele
meditierend zu finden. Das war ja die Eigentümlichkeit
dieser Seele, daß sie wirklich durch das Tor, dessen Symbol
auf der letzten Gedichtsammlung sein sollte, in der würdigsten

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und ernstesten Weise den geistigen Weg zu unserer
geistigen Strömung suchte. Und das klingt nach auch
jetzt. Und anzuschlagen brauchte ich nur ein Gedicht,
das schon in der Sammlung erschienen ist, die Christian
Morgenstern 1911 veröffentlicht hat, um diese Seele dann
in der Regel in ihrem jetzigen Zustand zu finden. Allerdings
ein Gedicht, das in seiner Anspruchslosigkeit —
ich möchte sagen, um das Goethe’sche Wort zu gebrauchen
— "offenbar geheimnisvoll" das eigentümliche Darinnenstehen
Christian Morgensterns in unserer Bewegung
zeigt. War ja Christian Morgenstern doch im Grunde so
vorbereitet wie nur möglich für unsere Bewegung, bevor
er in ihre Wirklichkeit eintrat, voller Sehnsucht nach dem
spirituellen Leben, und zu gleicher Zeit bereit, es in vollen
Zügen aufzunehmen. Ich möchte sagen: dieses Gedicht
ist dasjenige, was Licht wirft auf das vorhergehende und
nachfolgende Leben Christian Morgensterns. Es ist so
herausgenommen aus seinem ganzen Wesen, wie dieses
Wesen vor seinem Eintritt durch unser Tor war, und doch
in der letzten Zeile so, daß es in einer gewissen Weise
das herrliche irdische Ende vor das Seelenauge stellt. So
heißt dieses Gedicht:

    Das Tier, die Pflanze, diese Wesen hatten
    noch die un-menschliche Geduld der Erde;
    da war ein Jahr, was heut nur noch Sekunde.

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    Jetzt geht ihr nichts mehr rasch genug von statten.
    Der Mensch begann sein ungeduldig Werde.
    Sie spürt: "Jetzt endlich kam die große Stunde:

    auf die ich mich gezüchtet Jahrmillionen.
    Jetzt brauch ich meinen Leib nicht mehr zu schonen,
    jetzt häng ich bald als Geist an Gottes Munde."

Ich habe es betonen müssen, meine lieben Freunde,
wie die Formen unseres Baues erstreben, daß unsere Seele
an der Götter Munde hänge. Die Seele Christian Morgensterns,
ihr eigenes Schicksal charakterisierend, sie spricht
die Worte am Schluß des Gedichtes:

    "Jetzt häng ich bald als Geist an Gottes Munde."

Wahrhaftig, gut vorbereitet war diese Seele, um hineinzutragen
in die geistigen Welten, was sie in so vollen Zügen
hier in der irdischen Welt aufnehmen konnte. Und so
erschien denn auch Christian Morgensterns Geistleib mir
so, daß eingewoben ist seinem geistigen Kleide jetzt nach
dem Tode dasjenige, was an kosmischen Wahrheiten und
Geheimnissen aus unserer geistigen Bewegung von ihm
hier auf Erden aufgenommen worden ist. Das ist jetzt wie
sein Leib, und es gehört zu dem Tiefsten, was ich erleben
durfte in den geistigen Welten: dasjenige, was ich mich
bemüht habe in dieser Erdeninkarnation zu finden in den
geistigen Welten, ausgebreitet zu sehen über dem Felde
der höheren Welten wie in einem künstlerischen Gemälde,

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verwoben es zu sehen in Christian Morgensterns geistigem
Kleide. Wie das Bild eines genialen Malers uns etwas
gibt neben der Natur, so gibt der geistige Leib eines Menschen
etwas neben dem, was auf dem Felde des geistigen
Lebens ausgebreitet ist. Wahrhaftig, diese Seele bleibt mit
uns, das darf gesagt werden, und begleitet auch dasjenige,
was das Sinnbild unseres geistigen Lebens sein soll, wozu
wir vor einem Jahre den Grundstein gelegt haben.

Diese Worte wollte ich vorausschicken, und jetzt
sollen einige der gerade aus dem unmittelbaren geistigen
Leben heraus inspirierten Gedichte Christian Morgensterns
vorgetragen werden, und am Schluß werde ich mir
erlauben, dann noch eine Betrachtung anzustellen, die
geeignet sein kann, unsere Gedanken mit dem heutigen
Gedenktage der Grundsteinlegung etwas zu beleben.

 

 

Rudolf Steiner: Christian Morgenstern, der Sieg des Lebens über den Tod. 1935
Vorwort von Marie Steiner

Rudolf Steiner: Gedenkworte über Christian Morgenstern:
in Stuttgart, 24.11.1913 | in Leipzig, Sylvesterfeier 1913 | in Wien, nach der Kremation, 10.04.1914 | in Kassel, aus dem Vortrage, 09.05.1914 | in Kassel, Gedächtnisrede, 10.05.1914 | in Dornach am Tage der Grundsteinlegung, 20.09.1914 | Gedenkfeier in Dornach, 07.10.1914 | Palmsonntag in Dornach, 28.03.1915 | Karsamstag in Dornach: der Sieg des Lebens über den Tod, 03.04.1915