RM: CMiB: WsludM

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
 

 

   S. 26
"WIE SCHÖN LEUCHT UNS DER
MORGENSTERN..."

"Berlin ist die einzige Luft, die ich noch atmen kann, außer
der ewigen großen Natur, in der ich ganz allein sein
muß." - Solche Töne wie in diesem Brief an seinen
Freund Kayssler finden wir in jenen ersten Jahren vielfach
variiert in Morgensterns Äußerungen. Nach ein paar
Semestern Nationalökonomie und Jura, die er in Breslau
verbracht hatte, dazu den letzten Winter (1893/94) völlig
in Zimmerhaft, die der Arzt um seines Lungenleidens
willen über ihn verhängte, lockt nun die Berliner Freiheit
und der Berliner Frühling. Christian Morgenstern, der geborene
Münchner, bekennt seiner Kusine: "Ich muß Berlin
— alles in allem — die Palme zuerkennen. Dann kommt
allerdings sofort München. Was hier so reizend ist, daß
Großstadt im größten Stil und köstlichste Natur so dicht
beieinander sind, und ich schwärme auch so viel wie möglich
in die entzückenden Vororte aus, die man mit der
idealen Stadtbahn für 10 Pfennige meistens erreichen
kann. Solch ein Frühling! Da könnten wir auch idyllisch
wandern" (an Clara Ostler, 20. Mai 1894). Und ein anderes
Mal heißt es an Kayssler: "Der Tiergarten hier ist

   S. 27
unsagbar schön, der liebste Fleck Berlins ist mir aber das
Kastanienwäldchen bei der Universität." - Eine Inbrunst
der Natur-Liebe durchzieht jetzt sein gesamtes Lebensempfinden:
aber im Sinne eines Frommseins, eines unendlich
zärtlichen Umgangs mit ihren Offenbarungen, der
sich im Lauf der Jahre zu einer hymnischen Verehrung
für die Elemente und einer franziskusähnlichen Brüderlichkeit
allen Geschöpfen gegenüber steigerte. Es entstehen
Verse wie diese:

    Wie ein Geliebter seines Mädchens Kopf,
    den süßen Kopf mit seiner Welt voll Glück,
    in seine beiden armen Hände nimmt,
    so faß ich deinen Frühlingskopf, Natur,
   dein überschwenglich holdes Maienhaupt,
    in meine armen, schlichten Menschenhände...

"Der Tiergarten hat ihn mir auf eine Visitenkarte diktiert",
bekennt er von diesem "Frühling". Das Gedicht
wurde sogleich in die Zeitschrift der jungen Generation
aufgenommen: "Die Freie Bühne", die später sich als
"Neue Rundschau" umfassende literarische Geltung verschaffte.
Damit war er bereits mitten in den modernsten
Strömungen der Zeit darinnen.

Als Morgenstern im April 1894 in Berlin eintrifft, findet
er sofort den Kontakt zu dem Friedrichshagener Kreise,
jener Künstlerkolonie im Osten der Großstadt, draußen

   S. 28
am Müggelsee gelegen. Alle Sommer pflegt er sein Berliner
Zimmer aufzugeben und auch dorthinaus zu ziehen.
Da sind zunächst die Brüder Heinrich und Julius Hart,
die den Mittelpunkt für jene Künstler und Sozialreformer
bildeten, die - frei von allem traditionellen Kirchentum
- in der Zusammenschau von Natur und Mensch eine moderne,
durchaus nicht materialistisch gemeinte Weltanschauung
verkündeten und in ihrem Sinne das Leben neu
zu gestalten suchten, vor allem aber eine veredelte Menschengemeinschaft
im Geiste der Freiheit und der sozialen
Verantwortung aufzubauen strebten. So heißt es in
den Erinnerungen von Heinrich Hart: "O ihr Tage von
Friedrichshagen! Ihr Wanderungen am Müggelsee und
durch die Müggelberge. Ihr seligen Stunden verträumten
Hindämmerns in der Kiefernheide, gemeinsamen Schaffens
und Wirkens und Suchens, fröhlicher Symposien und
ernster Arbeit am eigenen Selbst." - Bruno Wille, Leiter
der "Freien Volksbühne", der ergriffen von sozialer Leidenschaft
sich aus einem romantischen Naturträumer zu
einem wirksamen sozialistischen Redner und Lehrer der
"Freireligiösen Gemeinde" umgewandelt hatte, ist wohl
die bedeutendste Gestalt dieses Kreises. Morgenstern notiert
sich nach der ersten Begegnung: »Der deutsche Idealist
in seiner Vollendung. Mächtige Gestalt, voll verhaltener,
unbehilflicher Kraft, blondes Haupthaar, lang herniederfallend.
Völkerträumender Utopist." Wilhelm Bölsche,
der bekannte Popularisator naturwissenschaftlicher

   S. 29
Weltanschauung, der auch dem Friedrichshagener Kreise
angehörte, hatte damals Berlin bereits verlassen. Morgenstern
durchschaute übrigens klar, wo die Gefahren dieser
Naturgläubigkeit lagen und wie sie bei Bölsche in einen
trivialen Monismus einmündeten. Auf ihn ist das Epigramm
gemünzt:

    Wie seine Flöte / auch immer verführt -:
    Haeckel und Goethe / mit Bier angerührt.

In seiner Breslauer Zeit hatte sich Morgenstern, vor allem
durch Professor Sombart angeregt, bereits tief mit den sozialen
Nöten der Zeit verbunden und war ihren Fragen
nachgegangen. Nicht etwa eine Weltanschauung, die hoch
über dem Daseinsleiden thront, oder eine Religion, die nur
in der Weltflucht einen Trost für alles irdische Elend zu
geben weiß, konnte er suchen. Und sollte er der Kunst
sein Streben weihen, es durfte nur eine menschen-verbindende,
weit-heilende sein. Aber allerdings: die Kunst, sie
schien ihm die große Herzensbefreierin zu sein, indem sie
aus der lähmenden Enge der stoffgebundenen Wirklichkeit
heraushebt und den Sinn für höhere Daseinsmöglichkeiten
aufzuschließen vermag. Die soziale Neugestaltung
schien ihm nur mit einer Neuschöpfung unserer gesamten
Kultur Hand in Hand gehen zu können. Sie forderte weit
mehr als nur den Kampf für eine Ideologie:

   S. 30
    Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar
    und schwärmte für Marx und Lasalle;
    ein Priester im roten Rebellen-Talar,
    so eiferte ich am Musenaltar
    und schwärmte für Marx und Lasalle.

    Ich ramme dir gern einen Flaggenmast ein,
    du schöne, pathetische Zeit!
    Mein Herz gehört nun der Kunst allein -

So gibt er den einseitig sozialistischen Parolen, sofern sie
nur von dem Politisch-Wirtschaftlichen her das Heil erwarten,
den Abschied. Freilich, für das Studium der
Kunstgeschichte, das er an der Berliner Universität plante
- im Zusammenhang mit einer Beschäftigung bei der
Nationalgalerie, die ihm durch Professor Jordan zugesagt
war - blieb kaum viel Zeit übrig. Mußte er sich doch, obwohl
im ständigen Kampf um die gefährdete Gesundheit,
fast sein ganzes Dasein von Anfang an selbst bestreiten;
das aber hieß, mit der Feder für jene Zeitschriften tätig
zu sein, die damals in Berlin dem neuen Zeitgeist Bahn
zu brechen suchten.

                                   *

Ein Beispiel nur, mit welchem Mute des unbeirrten Vorwärtsdringens
der jugendliche Schriftsteller seine Aufgaben

   S. 31
zu erfüllen sucht. Man sprach in manchen Kreisen
voll großer Sorge von der Decadence der abendländischen
Kultur angesichts der unheimlich schnell sich auflösenden
Traditionen. So hatte der Dichter des "Waldbauernbuben",
P. K. Rosegger, der in dem wachsenden Einfluß
der großen Städte nur den Seuchenherd zu erkennen
meinte und wehmütig über das Absterben der alten Gläubigkeit
und der geheiligten Volksbräuche klagte, damals
seine "Spaziergänge in der Heimat" erscheinen lassen.
Morgenstern, als Kritiker, kann es nicht dulden, daß der
Glaube an die schöpferischen Kräfte einer neuen Zeit irgendwie
gelähmt werde, auch wenn er selber noch so viel
Verständnis für die hinschwindenden Gemütswerte hat. Er
muß opponieren; aber er kleidet sein Urteil in die Form
einer Tröstung ein: "Petri Kettenfeier Rosegger — so redet
er den steiermärkischen Dichter bei seinem vollen
Taufnamen an — die Decadence ist für die junge Generation
schon ins Meer der Vergangenheit versunken; hellleuchtende
Sterne wie je stehen am Himmel der in Morgenträumen
liegenden Menschheit. Sind es auch andere
wie ehedem, so funkeln sie doch in klarer Schöne, und
warte nur, bald werden die ersten Streifen am Horizont
den neuen Tag Dir künden!"

Das Wegweisende, das Zukunftsgewisse seines gesamten
Suchens und Strebens wirkt immer wieder ermutigend auf
die jungen Kameraden, auf die Mitstrebenden in jener
Zeit. Hier sei eine kleine Begebenheit mitgeteilt, die mir

   S. 32
auf einer Reise durch eine eigentümliche Fügung aus Christian
Morgensterns Jugendzeit zugespielt wurde. Zwei
Menschen, die ihn noch aus seiner Schülerzeit gekannt
hatten, saßen in der Eisenbahn und erzählten einem dritten
folgendes: Es war in Sorau, jenem stillen Städtchen
in der Mark Brandenburg, wo Morgenstern sein letztes
Gymnasiastenjahr für die Reifeprüfung verlebte; damals,
so sagten sie, war in diesem Städtchen durch seine Gegenwart
ein geistiges Leben entfacht, wie es in dieser Art Sorau
kaum wiedergesehen habe. Wenn man sich zum Beispiel
in einem Kreise junger Menschen durch Gesellschaftsspiele
unterhielt, so wußte er diese stets auf geistreiche
Art zu beleben. Man stellte etwa lebende Bilder, einer
mußte hinausgehen, die andern suchten inzwischen
irgendeinen Vers oder Spruch auf witzige Art und Weise
bildhaft darzustellen, den dann der Wiederhereingerufene
erraten mußte. So wurde einmal das Zimmer dunkel gemacht.
Alle Anwesenden bückten sich oder knieten zur Erde
nieder, wie nach etwas suchend unter Tischen, Stühlen
und in allen Winkeln. Christian Morgenstern als der einzige
unter ihnen hielt ein brennendes Licht in der Hand
und leuchtete damit den im Dunkeln Tappenden. Das Bild
bedeutete natürlich: "Wie schön leucht' uns der Morgenstern..."
Trotz des Scherzes lag doch eine tiefahnungsvolle
Symbolik seiner Zeitsendung darin. Wie der Morgenstern
in der kältesten Stunde, kurz vor Sonnenaufgang
oftmals tröstend am Himmel emporsteigt - so war

   S. 33
es die Mission dieses Dichters und Menschenbruders, das
Licht einer flammenden Wahrheit, es im Abglanz des
Schönen vorherverkündend, vielen im Dunkeln Suchenden
nahezubringen.

Gewiß, es war zunächst ein kleines Licht, das er zu entzünden
wußte, und oftmals hatte er selbst unter dem Zeitendunkel
auf das tiefste zu leiden. Aber er hütete dieses
Licht, er ließ es sich an seiner Herzglut immer wieder
nähren. So ging er den Suchenden als ein Feuerzeichen
des kommenden Weltentages voran. "Nur wer sich selbst
verbrennt, wird den Menschen ewig wandernde Flamme":
diese Worte durfte er als seine innerste Erfahrung aussprechen.
Er hatte das Recht, seinem eigenen Namen diese
Deutung zu geben, die viele seiner Freunde im Umgang
mit ihm an jener Zeitenwende erleben konnten:

    Ja, von jenem Frühgestirne,
    das die Morgenwandrer kennen,
    fühl ich mir in Herz und Hirne
    einen Funken brennen.

    In der Zeitnachtnebel Brauen
    laßt mich euch vom Tage künden -
    Seht, das ungeheure Grauen
    will sich schon entzünden!

                            *

   S. 34
Sein erstes, zu einem Buche sich zusammenschließendes
Werkchen, die Frucht des ersten Berliner Jahres, zeigt bereits
das Zukunftweisende seines Suchens. Es ist jener
"Zyklus humoristisch-phantastischer Dichtungen", den er
genannt hat: "In Phantas Schloß". Wohl hatte er in Berlin
soeben den Geist einer realistisch gerichteten Kunst
aufgenommen, vor allem auch durch die dramatischen
Eindrücke, die ihm damals die "Freie Bühne" unter Otto
Brahm vermittelte, und sich entschieden zu einem Standort
bekannt, der die Befreiung von weltflüchtiger Romantik
und abgelebten, nur immer wieder aufgewärmten Gemütsstimmungen
bedeutete. Nun aber machte er sofort
schon wieder den Schritt darüber hinaus. Naturalismus als
künstlerisches Bekenntnis wurde von Morgenstern als ein
Akt innerer Redlichkeit gewertet, jedoch im Sinne eines
zeitnotwendigen Durchganges. Er ist ihm "ein Stadium,
kein Ziel". Es muß, wie er damals fordert, "eine Durchgeistigung
der Realität auf allen Punkten" einsetzen. Dies
nennt er das "Programm der Zukunft": "Der Sieg des
menschlichen Geistes über die Außenwelt muß vollkommen
werden" (siehe "Stufen" 1895). Dazu bedarf es allerdings
einer Phantasie, die zu höchsten Empfindungen
hinzuleiten vermag. Sie muß über das, was der intellektuelle
Mensch wahrzunehmen pflegt, vor dessen Blicken
die Welt in Erstarrung gebannt bleibt, kräftig hinausweisen.
Blickdurchgeistigung ist notwendig. Die Phantasie
muß wieder mythenbildend werden, um das geheime Leben

   S. 35
des Kosmos zur Offenbarung zu bringen. Morgenstern
notiert: "Ich betrachte es als eine Aufgabe kommender
Dichtergeschlechter, neue Mythen zu schaffen, und wir
wollen ihnen schon vorarbeiten."

    Längst Gesagtes wiedersagen,
    Ach! ich hab es gründlich satt.
    Phantas Rosse vor den Wagen!
    Fackeln in die alte Stadt!
    Wie die Häuser lichterlohen,
    wie es kracht und raucht und stürzt!
    Auf, mein Herz! Empor zum frohen
    Äther, tänzergleich geschürzt!

Allerdings, Phanta, des Dichters Braut, die ihn in ihr Königreich
hinaufträgt und ihm dort die Vollmacht über
die Dinge der Welt verleiht, sie neu "deuten und taufen"
zu dürfen, sie läßt ihn zunächst noch aus dem Erbe alter
mythischer Bilder die Natur beseelen und die Weltgeheimnisse
aussprechen. Aber es fällt unmittelbar danach
den Dichter bereits ein Zweifel an, ob solche Mythen und
Symbole wirklich aus seinem ureigensten Ich heraus gezeugt
seien: "Sind sie unsere, ganz allein unsere Söhne,
Phanta?"

Und schon nimmt er Abschied von ihr. Die innere Redlichkeit
des Erkennenden sagt ihm, daß er dieses ganze
Erbgut alter Kulturen — sei es religiöse Überlieferung, sei

   S. 36
es Mythos oder Dichtung — erst in der Seele durch das Ersterben
führen muß; daß nur aus dem Verzicht heraus
die neuen Offenbarungen wieder zu keimen beginnen
können. Viel Herzblut muß fließen. Es soll die leere Schale
zu Füßen des an das Riesenkreuz der Vergangenheit gefesselten
Menschen füllen: :Erst wenn rot / bis zum
Rand / den goldenen Gral / die Flut erfüllt, / kehr' mir zurück! /
Dann will ich dich taufen / mit meinem Blut, /
meine schwirrende Schwalbe, / mein heimatlos, heidnisch
Kind.
Und dann, denk' ich, / Freundin Phanta, / soll unser Bund /
erst beginnen."

Hier ist der Weg aufgezeigt, der von dem Geistessucher
an der Schwelle der neuen Zeit gegangen werden muß. Er
führt durch den Verlust alter Geistbegabungen hindurch.
Vom Dichter fordert er besonders den Verzicht auf ererbte
Phantasiefähigkeit. Phanta, die schwirrende Schwalbe,
muß mit dem geopferten Herzblut neu getauft werden,
das im goldenen Gral gesammelt worden ist.

Morgenstern ging diesen Weg mutvoll zu Ende. Seine
Dichtung war neugeboren, der Bund mit Phanta wirklich
neu geschlossen, als er in der Reife seines Lebens - wenn
auch kurz vor dem Zerbrechen seines physischen Leibeswerkzeugs
— singen durfte:

    Ich hebe Dir mein Herz empor
    als rechte Gralesschale...

   S. 37
Als "Phantas Schloß" erschien, war einer der ersten, die
in ihm den echten Dichter, den "wunderbaren Märchenprinzen"
begrüßten, der junge Rilke. Ein Brief von ihm
in bezaubernden Versen ist erhalten:

    Du Glückskind, wetten will ich fast,
    daß Du die Taschen voller Sterne,
    die Seele voller Jubel hast...

Aber Morgenstern ging es, wie es dem Hans im Glück in
dem Märchen ergangen ist. Erst als der kostbare Klumpen
Gold gegen immer alltäglichere Dinge eingetauscht
und schließlich die ganze Mitgift ihm hingeschwunden
war, steht er in wunderbarer Selbstbefreiung da: als ob er
nun erst beginnen könne!

Welch ein unaufhaltsames Vorwärtsdringen, wenn der
junge Dichter, noch ehe "Phantas Schloß" im Druck erschienen
ist, an eine Freundin schreiben kann: "Ich denke
an dieses kleine Werk schon fast wie an eine überwundene
Sache." Es gehört schon eine innere Freiheit sich selbst
gegenüber dazu; ein Hinunterschauenkönncn auf seine eigenen
Vorläufigkeiten.

                             *

In einer autobiographischen Notiz heißt es später: "Mein
Weg führte mich zunächst nach Berlin, von dem ich damals

   S. 38
in den neunziger Jahren große kräftige Anregungen
empfing. Ich plante ein lyrisches Epos des Titels: 'Mein
Gastgeschenk an Berlin', dem aber eine unabweisbare
Strindbergübersetzung (Inferno) den Lebensfaden schon
nach dem zweiten Gesänge abschnitt. Ich habe nie mehr
die Stimmung wiedergefunden, die mich damals für und
wider diese Stadt erfüllte, und es schmerzt mich heute
noch, daß so Dinge ungesagt geblieben sind, die nun kein
Griffel mehr heraufbeschwören wird. Oder wer gäbe davon
noch einmal eine Ahnung, wie ein junger Mensch
nach der stürmischen Premiere des Florian Geyer erst
draußen im Tiergarten sein Gleichgewicht wiederfand,
oder wem wären die Generalproben der Philharmoniker,
die während eines Winters allmählich den ganzen symphonischen
Beethoven aufrollten, solche überwältigenden
Erlebnisse gewesen, wie dem, der jahrelang nach der
Neunten nicht mehr durchs Brandenburger Tor die Stadt
betrat, weil er sie so nicht eher wieder betreten wollte, als
bis er etwas ihrer Würdiges geschaffen! Und lange nachher
noch träumte ich von einem Werke 'Symphonie', in
dem alles, was von Hölle, Welt und Himmel in mir beschlossen
sein mochte, zum sieghaften Ausklang gebracht
werden sollte."

Diese "Symphonie" war das nächste Werk, das philosophisch
und lyrisch zugleich gedacht war, aber gleichsam
musikalisch in vier mächtigen Sätzen komponiert werden
sollte. Der erste Satz: das Ringen mit den Lebensillusionen

   S. 39
droht die Seele zu überwältigen. Nur ein Motiv daraus, das
Anstürmen gegen die Erkenntnisgrenzen: "Gefangene sind
wir im Käfig unseres Kopfes, das Neue ist nur ein neu-
Kombiniertes, ein neues Bild, kein neues Ziel. Und wenn's
irgendwo im Weltall Erkenntnis gäbe - warum sind diese
Wesen noch nicht zu uns gedrungen... Mars..."

Man sieht: hier will der Menschengeist sich nicht mehr auf
dieser Erde isolieren lassen, er ruft nach dem Austausch
mit dem ganzen Kosmos. Freilich auf andere Art, als diejenigen,
die heute Rakete um Rakete in den Weltraum
hinausschießen, um den interplanetarischen Verkehr einzuleiten.
Zehn Jahre später, als er auf seinem mystischen
Wege kühn zu einem umfassenden Weltbewußtsein vorzustoßen
suchte, konnte Morgenstern schon viel deutlicher
sagen: "Wir müssen uns davor hüten, ausschließlich mit
der Menschheit unseres Planeten zu rechnen. Wir müssen
annehmen, daß jeder mögliche Gedanke über Gott auch
wirklich (von Gott) gedacht wird, gleichviel, ob in unsern
oder in Mars- oder Saturnköpfen, ja, daß es sehr wohl
Planeten geben kann, auf denen Gott sozusagen leibhaftig
im vollkommenen Bewußtsein seiner selbst lebt" ("Tagebuch
eines Mystikers" in "Stufen").

Vorläufig aber lastet auf ihm noch der Albdruck des Nicht-
Erkennen-Könnens; er nennt ihn "Das Furchtbare", die
eigentliche Tragik des Zeitalters. Auch das Christentum,
das ihm in jener Epoche als eine Religion erscheint, die den
Menschen der Erde entfremdet und ihn an der Entfaltung

   S. 40
seiner höchsten schöpferischen Möglichkeiten hindert, ist
ihm hier noch eine der großen Illusionen des Menschheitsstrebens.
Denn noch immer ertönt "Der Schrei aus den Finsternissen",
der Notruf der Unerlösten. Hier sollte "eine
Höllenfahrt zu der Hefe der Menschheit" geschildert werden.

Aber der Dichter hat auch das Amt, ein Tröster zu sein und
Frieden in die Seelen zu gießen. Diese Stimmung sollte in
dem Adagio, dem zweiten Satz des geplanten großen Werkes,
sich entfalten: "Ein jeder trägt ein Kind in seiner Seele,
das soll einst werden, was er selbst nicht werden konnte."
- Was damit gemeint ist, deutet ein Motiv des vierten
Satzes an: "Gebet um Wiedergeburt: als Heiliger, als Genius."
Denn Morgenstern war von früher Jugend auf tiefdurchdrungen
von dem Bewußtsein der wiederholten Erdenleben,
durch die das Menschen-Ich sich von Stufe zu Stufe
emporzuringen vermag.

Der dritte Satz sollte das Scherzo des sich befreienden Geistes
sein und in einem Kinderreigen ausschwingen: "Gib
die Hand und tanze den Tanz der flügelgefiederten Füße."
Dann erst kann sich die Symphonie des Lebens zu jener
Verkündigung erheben, die in "gewaltigen Auferweckungshymnen"
bestehen sollte. Die Skizze sagt: "Im IV. müssen
große Lebensoffenbarungen und Gewißheiten stehen,
das müssen Gesänge sein, die man als Texte zu hohen Festen
unterlegen könnte."

Man kann empfinden, wie in jenen Jahren kurz vor der

   S. 41
Jahrhundertschwelle aus Geisteswelten gleichsam mit Fanfarenstößen
ganz neue "Lebensoffenbarungen und Gewißheiten"
in die Seelen hereinzudringen suchten. Wie sie in
einem musikalischen Urerlebnis aus den Seelenuntergründen
heraufklangen; aber doch zunächst noch nicht Ideengestalt
anzunehmen vermochten.

Man sollte jedoch nicht meinen, daß solche keimkräftigen
Erlebnisse für die Menschheit verloren sind, auch wenn sie
zunächst noch nicht zur Ausgestaltung gelangen konnten.
Vieles Keimkräftige und im Keimzustand wieder in den
Schoß des Werdens Zurücksinkende kündigte sich in jenen
Tagen an. Und eben Berlin war der keimgeschwängerte
Boden für solche Morgenträume, die dem Erwachen vorangehen.
- "Jünglingsträume!" sagt Morgenstern in seiner
autobiographischen Notiz über diese Epoche - "Träume
eines jungen Mannes, der mit blutendem Herzen einsam
durch seine Zeit ging, nicht imstande, sie in ihrer derben
Veräußerlichung zu beirren, aber noch weniger, sein inneres
Ziel, seine heilige Liebe zu den großen Seelen zu vergessen,
deren stiller Freund und Jünger er sein durfte, sobald
er nur zu ihren unsterblichen Chiffren das Auge aufschlug."

Gerade in jenen Berliner Jahren vor der Jahrhundertwende,
in denen sein Geist so unablässig um Bewußtseinshelligkeit
kämpfte, wuchs andrerseits seine Seele in Traumwelten
hinein. "Ein Tempel der Träume ist die Erde", so
scheint es ihm, wenn er um Mitternacht durch die Straßen

   S. 42
der großen Stadt wandelt. Dann ist ihm, als tauche er selber
mit in die träumenden Seelen der Schläfer unter. Dieses
Traumleben fand im Winter 1896 auf 1897 eine solche
Steigerung, daß es sich in einer Reihe symbolkräftiger
Träume offenbarte. Es entstand daraus der Gedichtzyklus
"Zwölf Träume". Ein neues Bewußtsein, das sich über die
Grenzen des Sinnendaseins hinauszuweiten beginnt, kündigt
sich damit an. Ob ihm nun in den "Irrlichtern" die
Erlebnisse der nach Verkörperung drängenden Seelen, die
die Erde umkreisen, wie Erinnerungen heraufsteigen oder
die Entrückung zu dem wunderbaren Stern der Ungeborenen
ihn mit heimatlichen Klängen von der Erde wegzulocken
sucht -: immer ist es eine erste Erlösung aus dem
"Käfig unseres Kopfes", der uns gefangen hält.

Vieles, was in der "Symphonie" nach Gestalt drängte,
suchte zunächst in Dithyramben und in einer Fülle bildkräftiger
Lieder seinen Ausdruck. Wir finden sie in den
beiden lyrischen Bänden, die in jenen Berliner Tagen erscheinen
konnten: "Auf vielen Wegen" (1897) und "Ich
und die Welt" (1898).

Eine der ersten positiven Würdigungen fanden diese Gedichte
durch Rudolf Steiner, der damals in Berlin gerade
eingetroffen war und Vorträge über die Lyrik der Gegenwart
hielt. Er bekennt sich zu der Überzeugung: "Was der
Geist einer Epoche dem Herzen des einzelnen Menschen zu
sagen hat, das strömt dieser in seinen Liedern aus." Und
er weist dabei auf die Bedeutsamkeit der Phantasiekraft

   S. 43
hin, die sich in dem Lyriker Morgenstern offenbarte. Es
heißt: "Wo die Welt von ihrer Würde spricht, wo der
Mensch sein Selbst durch erhebende Empfindungen erhöht
fühlt: da weilt diese Phantasie gern."

                                  *

Allerdings, wer um die letzten Klarheiten ringt, muß auch
die Macht der Illusionen immer wieder schmerzhaft erleben,
die uns den Ausblick ins Freie vernebeln wollen. Dann
überfallen wohl Zweifel die Seele und suchen ihr einzureden,
daß es vielleicht doch nur ein »Weltkobold« sein könne,
der die ganze Welt am Gängelband führt und die nach
einem Sinn des Daseins dürstenden Menschengeister nur
zu narren sucht. Und wenn dieser Weltkobold sogar der
Weltschöpfer selber wäre? — Die Harmonie / im Tanz der
Gestirne, / die Menschengehirne / mühsam erklügelten, /
wäre nur Spiel / einer allmacht-geflügelten / Schelmphantasie?

Visionen steigen vor dem Traumblick des Dichters auf:
Weltkobold, lachend auf reichem Narrenthrone sitzend,
erscheint ihm ... Uns sind noch Entwürfe zu dieser philosophisch-
epischen Dichtung erhalten, die von Exkursionen
in den Kosmos berichten, gegen die all die Planungen
unserer modernen Raketenhelden ein Kinderspiel sind. Da
reist etwa Weltkobold auf einer Kugel ins Sternbild des
Bären. Dort leben die Bärenhäuter. Als er eine ihrer Städte

   S. 44
besucht, besichtigt er alle die stolzen technischen Errungenschaften
der Philistäer. Man kann sich nach der Schilderung
dieser Bärenhäuter nicht der Vermutung erwehren,
daß es sich hier um Berliner handele. Oder daß mindestens
das Urbild der Stadt Berlin da droben im Sternbild des
Bären zu finden sein müsse.

Wie dem auch sei, das Leben unter den recht handfesten
Bärenhäutern - jenem "uralten Stamme, schwerfällig wie
der Honig, der ihr Trank" - wurde diesem ätherleichten
Dichtergeiste schließlich doch immer mühseliger. Dem
"stürmischen Berlin", wie er es einmal nennt, fehlt doch
letztlich jene "Grazie und Biegsamkeit der Seele", die er
immer wieder an den Menschen vermißt. "Berlin wird eine
große Probe für mich, aber es wird mir schon nach diesen
zwei Jahren meines Aufenthalts durchsichtig. Es ist keine
Kulturstadt alles in allem", so schreibt er an die gleiche
junge Künstlerin, die er im ersten Jahre enthusiastisch
einlud, nach Berlin überzusiedeln.

Dennoch: eine Elite von Seelen ist in jenen Jahren dort
versammelt, die scheints nur in diesem Klima meinen gedeihen
zu können. Menschen, die den Herzschlag der Zeitenwende
verspüren. So war damals gerade auch Rudolf
Steiner von Weimar nach Berlin übergesiedelt und stand,
obwohl diese beiden Persönlichkeiten sich nicht begegneten,
in verwandten Strömungen aktiv darinnen. Charakteristisch
ist es, wie dieser, rückblickend auf die Umwälzungen
des letzten Jahrhunderts, in jenen Tagen spricht:

   S. 45
"Wichtiger als die politische Revolution ist uns die rein
geistige Weltanschauung. Wir gehen in das neue Jahrhundert
hinüber mit wesentlich andern Gefühlen." Und dann,
sich an die freien Geister wendend, an jene, die von allen
Traditionen gelöst, nur noch aus der Kraft persönlicher
Verantwortung das Leben zu gestalten gewillt sind: "Wir
sind wirklich neue Menschen geworden, aber wir, die wir
uns zur neuen Weltanschauung auch mit dem Herzen bekennen,
wir sind eine kleine Gemeinde ..." (im "Magazin
für Literatur" 1898).

Christian Morgenstern war in jenen Tagen gerade nach
Norwegen übergesiedelt; er hatte sich in die skandinavische
Sprache einzuleben, um im Auftrage des S. Fischer-
Verlages die Versdramen Ibsens zu übertragen. Als er Ende
des Jahres 1899 nach Berlin zurückkehrt, empfindet er
die ganze Dumpfheit und Ziellosigkeit dieser blind dahintreibenden
Zivilisation um so drückender. Man feiert gerade
den Anbruch des neuen Jahrhunderts. Wer sich noch
an diese Zentenarfeiern erinnern kann, wird das Rauschhafte,
das in jenen Tagen sich der Seelen bemächtigte, immer
wieder besonders rätselhaft empfinden. Morgenstern
hält dieses Sylvestererlebnis fest:

    So fremd sich ganz, so ganz sich Hieroglyphen.
    Und feiern ein Fest übern ganzen Ball,
    und jubeln auf zum stummen Sternenall,
    so Rätsel sich in allen tiefsten Tiefen...

   S. 46
Aber mutvoll sucht sein Blick in der Dämmerung des neuen
Tages nach jener Elite der Morgenwanderer, mit denen gemeinsam
er aufgebrochen ist:

    Allen gleicher Seele wend ich
    durch den blauen Tag mich zu,
    allen Brüdern, Schwestern send ich
    mein geschwisterliches Du.

    Danken wollen wir der Sonne
    und dem frischen Morgenwind,
    daß sie uns so vieler Wonne
    Bringer und Gefährten sind -

Dank ziemt all diesen Suchern nach einem neuen Sinn der
Erde, daß sie trotz aller Fährnisse und Anfechtungen der
Zeit "so geworden sind":

    Eines Bunds geheime Glieder
    finden wir uns allerwärts;
    und ich schenk Euch meine Lieder
    und Ihr schenkt mir Euer Herz.

 

 

Rudolf Meyer: Christian Morgenstern in Berlin. Verlag Urachhaus. 1959
Vorwort | Die Galgenbrüder | "Wie schön leucht' uns der Morgenstern..." | "Ich liebe dich bei Nebel und bei Nacht..." | "Unsere Zukunft liegt nach wie vor im Geiste"