Neueste deutsche Lyrik II

Aus DCMA
Wechseln zu: Navigation, Suche
       

 

   S. 159

Sa-band6 0159.jpg

67. Neueste deutsche Lyrik ii
     Von Christian Morgenstern

Es gibt in der Kunst Persönlichkeiten, die mehr den Künstler
über dem Menschen, und solche, die mehr den Menschen über

5

dem Künstler vergessen machen. Solche Persönlichkeiten sind
Ludwig Scharf und Otto Erich Hartleben. Den einen würdigt
man mehr als Menschen, wie er denn auch seine Gedichte aus-
drücklich "Lieder eines Menschen" (München, Albert) nennt,
den anderen mehr als den Künstler, der sein Menschliches

10

gleichsam nur als den Stoff betrachtet, den er mit überlegener
Ruhe gestaltet. Dort eruptive Poesie, ein Kleistnaturell, hier konzeptives
Schaffen Goethischen Charakters. Ludwig Scharf
schreibt seinem Buche die Worte Friedrich Nietzsches an die
Stirn: Von allem Geschriebenen liebe ich das, was einer mit seinem

15

eigenen Blute schreibt. Er erinnert in seiner dichterischen
Physiognomie ein wenig an Dehmel, aber der Leser ist ihm noch
weit mehr "unaussprechlich schnuppe" als diesem. Und das wäre
eine Tugend? So unhöflich es klingen mag und im Fall Scharf -
ja. Es klingt nur brutal; unter Umständen kann ein Mensch dem

20

andern nichts Lieberes als Wahrheit geben, auch wenn sie traurig
und bitter ist. Fernwirkender mag sein, wer immer in edlen Formen
zur Menschheit spricht, aber oft unmittelbar erregender,
wem die Qual der Seele nicht Zeit läßt, die Bewegungen seiner
Leidenschaft sorgfältig zu meistern und abzumessen, den Naturlaut

25

seiner Gefühle kunstvoll zu formulieren. Denn während jene
unsern Sinnen hohe Genüsse bereiten, beschämen diese unser
Herz durch die Schönheit ihres Ernstes und ihrer Wahrhaftigkeit
und ergreifen uns durch die Tragik eines verzehrenden Temperaments.
Scharfs Gedichte sind empörte Anklagen einer Kultur, deren

30

tiefe Verlogenheit die Zerrissenheit ihrer besten Söhne auf
dem Gewissen hat. Spott und Hohn, Trotz und Sehnsucht brechen
sich in prometheischen Gesängen, in erschütternden Visionen
Bahn, und selbst seine Liebe gibt sich herb und nur mit
scheuer Grazie. Ich habe selten ein Lied gelesen, in dem die Hoffnungslosigkeit

   S. 160

Sa-band6 0160.jpg

einer Leidenschaft einen so ehernen Ausdruck
gefunden hätte wie das "Zerreiße deine Brust in deinen Wehn,
Des Schicksals ehernes Machtwort bleibt bestehn: Sie wird nicht
dein!" Vor dem in Verzweiflung angerufenen Altar, im Menschengewühl,

5

am Schreibtisch - der ewige Kehrreim: Sie wird
nicht dein. Und dann die bittere Schlußstrophe: Und hegst du
Zweifel an des Lebens Glück, so ruf dir rasch das gelle Wort zurück:
Sie wird nicht dein. Dazu gehörte Beethovensche Musik.
Richard Dehmel redet in seinem "Hamburger Lästerbrief", in

10

dem er seine Kollegen scherzhaft durchhechelt, von Ludwig
Scharf unter einem drolligen Bilde: "Ganz für sich, links von einem
engen Schleifweg, in einer Urmenschenhöhle hockte Ludwig
Scharf vor einem Klumpen Lehm, einen Kyklopen knetend,
der in seinen Ketten tobt." Das Bild ist voll Humor, aber es legt

15

diesem Dichter eine Absichtlichkeit unter, an die ich ebenso sehr
nicht glaube, wie ich bei Dehmel daran glaube. Er knetet nicht
nur Kyklopen, er ist eine kyklopische Natur.
Wenn man nach diesen Ausbrüchen eines grollenden und geängstigten
Menschenherzens die "Verse" Otto Erich Hartlebens

20

(Berlin, S.Fischer) auf sich wirken läßt, ist es, als ob man
aus den dunklen Talen schwer ringender Staubgeborener die
Gänge des Olympos emporstiege. Tief unten verbraust das Stimmengewirr
des Eintags, die Brust atmet weit und langsam, und
das Auge blickt groß und sinnend hinab. Wir vergessen, daß wir

25

vom Staube Staub, und gedenken, daß wir vom Lichte Licht sind.
Ein Künstler hat uns in sein Reich geführt; die langen, stolzen
Wellen seiner Sprache besiegen das kurze Gewoge unruhiger Gefühle
in uns, die heitere Kraft und Klarheit seiner Gedanken lächelt
uns Stolz und Adel in die Seele. Wir empfinden: hier ist ein

30

Sieg errungen worden, hier hat ein unbeugsamer Wille das Leben
gezwungen und überwunden. Hier ist Griechenland, hier ist
im tiefsten Sinne tragische Kunst. Wie? dieses höchst irdische,
engbegrenzte Stoffgebiet, diese temperamentverhaltene, unphantastische
Poesie, diese nach keiner Neuheit strebenden

35

Maße wären große Kunst? Ich habe im ersten Augenblick so gefühlt

   S. 161

Sa-band6 0161.jpg

und bin nach langem Zweifel wieder dazu zurückgekommen,
um fortan nicht mehr irre zu werden. Aber ich vermute, daß
erst die Zukunft den hier und dort erhobenen Vorwurf, Hartleben
sei kein Lyriker, völlig zurücknehmen wird. Als ob Lyriker ein

5

fester Begriff wäre! Als ob Lyrik durchaus nur Gefühlsverschwommenheit
und Gemütsüberschwang sein könnte und nicht
vielmehr auch Gefühlsklarheit und Gemütsreserve. Und haben,
die so sprechen, ganz das Organ für großen Stil, für Klangschönheit,
für vornehmen Verstakt verloren? Wem schwillt das Herz

10

nicht vor stolzer Liebe zu unserer heiligen Muttersprache, wenn
er verkünden und durch die Verkündigung selbst bestätigt hört:

        Nicht sank in Schwachheit unserer Sprache Kunst,
        seitdem verhallt ist früher Heroen Schritt -
        wir wandeln weiter ihre Bahnen

15

        tönenden Fußes - und schauen lichtwärts.

        Wir meistern, stolz nicht minder als jene, noch
        das Wort, und kunstreich meißelt die sichre Hand
        aus deutscher Sprache reinstem Marmor
        nimmer vergänglicher Formen Schönheit.

20

Hier ist jede Zeile Musik; zugleich Musik für sich und Programmusik
zum Inhalt. Den Hall der Heldenschritte noch im
Ohr, wird man in den Triumphzug der Jugend hineingerissen,
und die große, herrliche Schöpferkraft, die aus edelstem Stoff
nimmer-vergängliche Formen meißelt, zieht wie ein Rausch

25

durch unsere Seele. Die Wahl antiker Maße, auch nach dieser
Jugendode noch mit Vorliebe von Hartleben getroffen, ist charakteristisch
für seinen Geschmack, der sich zum erhaben-einfachsten
Rhythmus der Kulturmenschheit zurückwendet, und für
seine Unbekümmertheit den Kunstideen seiner Zeit gegenüber,

30

die, im Streben nach höchster Natürlichkeit und Ursprünglichkeit,
auf die Individualisierung der Form gerichtet sind. In dieser
Unbekümmertheit liegt seine Stärke und seine Schwäche. Er hat
etwas von jenem kühlen und einst so unbeschreiblich verketzerten

   S. 162

Sa-band6 0162.jpg

Egoismus Goethes, der, ob auch in gewissem Sinne eine
Schwäche bleibend, dennoch bei großen Naturen oft weit fruchtbarer
ist als alle selbstvergessene Hingabe an Anschauungen und
Bestrebungen der umgebenden Augenblickswelt. "Hart ist das

5

Leben", sagt er einmal im Wortspiel, "hart sei auch mein Lied."
Da ist nicht die Unwahrheit einer beständigen Ekstase, nicht die
künst-liche Schwüle einer mystischen Erotik, nicht das Trompetengeschmetter
sozialer Prophetie - aber da tönen "moderne
Oden" voll großen Feuers, Liebeslieder voll Zartheit und gesunder

10

Genußfreude. Gedichte der Not unserer Zeit und aller Zeiten
wie das grandiose "Wiederkunft." Prometheus hat seine jahrtausendalten
Fesseln gebrochen und ruft den Menschen zu: "Habt
ihr vollendet, was ich ahnend sann? Lebt ihr und dankt ihr mir
das Leben?" Da kriecht heran das sklavische Geschlecht der

15

Menschen: "Herr, wie sollen wir dir dienen?" Der König, der gemeine
Mann - sie sind alle zufrieden. Und nach ihnen kommen
andere, ungezählt, und alle sprechen scheu und lallen: Herr!
Herr! Nur ein Häuflein steht trotzig beiseite und schweigt. Ihr
Herz schwellt Verachtung -: "Dein Funke ist erloschen, deine

20

Liebe ist erstickt! Enterbt, im Staube wälzen sich Millionen und
fühlen keine Schmach. Und andere treten auf die Menschenstirnen
und fühlen keine Scham. Siehe dieses Volk zu deinen Füßen
winseln, das nur nach neuen Götzen noch verlangt, und - frage
nicht!"

25

Prometheus schweigt und sinnt. Dann blickt er auf die kleine
Schar - "... der Funke muß zur Flamme werden!« Da zuckt erhabner
Freude lichte Glut auf jenen düstren Stirnen auf. Sie
jauchzen: Prometheus! Prometheus!
Viele Verse Hartlebens braucht man nur einmal gelesen zu haben,

30

um sie für immer zu behalten. Auf sie trifft die letzte der drei
Charakteristiken zu, die nach Friedrich Hebbel vor einem Kunstwerk
stattfinden können: "Es kann so sein; es ist so; es muß so
sein." Ich greife einiges heraus:

   S. 163

Sa-band6 0163.jpg

        ... Wohl stößt dein Blick an graue Wolken -
            droben gewölbt steht ewige Klarheit.

        ... Wen das steigende Licht grüßt,
            nie sehn' er die Nacht zurück! ...

5

        ... Verhüllter Schmerz ist heilig wie der Tod.

        ... Fern drängt ein Windstoß
            schwer durch den Hochwald...
            Aus seinem Rauschen
            spüren wir schauernd

10

            ewigen Hauch...
            Lernet verachten
            die niedern Geschlechter!
            Hoch durch die Wipfel
            wandelt der Sturm. ...

15

Hartleben verleugnet in seiner Lyrik auch seinen Humor nicht.
Seine Xenien sind formal ebenso klassisch, wie köstlich in ihrem
Spott, seine satirischen Gedichte ("Gottvertrau'n zum Bajonette")
ebenso scharf und wuchtig, wie seine humoristischen
("Rückkehr zur Natur") voll lachenden Lebens. Soll ich noch seiner

20

modernen Balladen gedenken, wie des ergreifenden Hinterhausgemäldes
"Das Konfirmationskleid", oder seiner Nachgestaltungen
alttestamentarischer Stoffe, die in ihrer klaren, großlinigen
Ausführung Bildern alter Meister gleichen? Ich könnte es
nur, indem ich ihn immer wieder zitierte; denn ich habe vor seinem

25

Buche das seltene Gefühl, daß kein überflüssiges Wort darin
steht. Die Erziehung durch die Griechen hat wieder einmal Hohes
gezeitigt.
Konnte man die bisher Genannten unter Gesichtspunkten einer
gewissen Gegensätzlichkeit betrachten, ja noch mehr, hätte man

30

sich vielleicht zwingen müssen, sie - abgesehen von ihrem allgemein
modernen Charakter - in irgendeine Gruppierung zu bringen,
so ergibt sich bei John Henry Mackay, Karl Henckell und
Bruno Wille ebenso ungesucht ein bei aller sonstigen Verschiedenheit

   S. 164

Sa-band6 0164.jpg

einheitlicher Grundzug: die politische Tendenz. Den einen
hat man "den Sänger der Anarchie" genannt, des andern
Name war lange Zeit hindurch mit der sozialdemokratischen
Kampfeslyrik eng verbunden, der dritte ist hier in Berlin als Freigeist

5

und Vorkämpfer für die Hebung und Erziehung des Proletariats
bekannt.
John Henry Mackays Lyrik ist auf einen Mollakkord gestimmt,
der zugleich eine Klage und einen Protest in sich trägt. Seine
Strophen sind Beichten eines von Kämpfen mit sich und der Welt

10

gequälten Herzens und zergrübelten Geistes. Als ein Doktrinär in
pathosreichen Gesichten, ein Spieler mit finsteren Fragen, ein
bitterer Ankläger der Welt, ein unermüdlicher "Späher des eigenen
Schmerzes" und, alles in allem, "ein schlechter Lacher" - so
blickt er aus der zweiten Folge der "Dichtungen", aus dem

15

"Starken Jahr". (Zürich. Schabelitz). Wärmer, jugendfrischer
hatte er sich noch in "Fortgang" (Berlin. Fischer, der Dichtungen
erster Folge) gegeben, wo zumal die drängenden Apostrophen
an das Meer und der Zyklus "Meerfahrt" die freie, gute
Luft verraten, in der sie mögen geboren worden sein. Das "Starke

20

Jahr" mutet an, als sei es vorwiegend am Schreibtisch entstanden,
unter vielen Büchern und in langen durchwachten Nächten.
Von ihm aus mag wohl jenes politische Epitheton datieren; denn
hier finden sich all jene Gedanken, von denen der Dichter klagt,
daß sie ihn zum einsamen Menschen gemacht haben. Eintönige

25

Weisen klingen aus seiner selbstgesuchten Stille:

        Der Regen rauscht hernieder. O diese Einsamkeit!
        Ich sehe rings nur Sterben. Kein Leben weit und breit.
        Und Stunde fällt auf Stunde vom bleichen Mund der Zeit,
        Und jede ist ein Lied mir: ein Lied dem Tod geweiht.

30

Andere künden von durchrungenen Nächten, die von Tagen voll
Sorgen abgelöst werden, von Gesprächen mit um die Lampe
schwirrenden Nachtfaltern gepflogen, von der Heimkehr der
Seele, die sich an die lärmende Menge verschwendet hat, ohne
Gehör zu finden. Er stöhnt unter der Tragik des Wechsels, unter

   S. 165

Sa-band6 0165.jpg

dem Fluch der Gewohnheit, er verachtet das Glück der leichtsinnig
Lebenden und langt und bangt doch immer wieder nach
ihm. Naiven Lebensgenuß wird man fast vergeblich bei ihm suchen.
In das leichteste Abenteuer hinter irgendeinem Theatervorhang

5

fällt wie ein Gifttropfen die Schlußzeile: Ach, morgen -
bist du nicht mehr mein. Und ein letzter Sommertag läßt ihn empört
den ganzen Sommer Lüge nennen.

        Einen Kranz schon welker Rosen,
        Weil die duftberaubten, losen

10

        Mich nicht freun. zerzerre ich! ...

sind die Endworte des müden Liedes. Sie sind bezeichnend. Er
wühlt in den welken Rosen, obschon sie ihn nicht freun. Die lebendigen
Rosen freun ihn vielleicht, aber er geht stumm an ihnen
vorüber. So reiht seine Hand "Zeile an Zeile schwerer Gedanken",

15

und ungesungen bleiben, von denen er träumt, die "flutenden
Lieder". Die flutendsten im ganzen Buch sind "Walter oder
das Gelage; dreizehn Zettel, beschrieben in einer Nacht", eine
hochgestimmte Improvisation, wie schon der Titel verrät, vier
Lieder "Sonne" vom Genfer See und ein später "Vorübergang"

20

am Fenster einer Einstgeliebten, ein Gedicht, das wie eine seltene,
duftende Blume unter duftarmen Gefährtinnen steht, von
noch im harten Boden verborgener, geheimer Schönheit ein stilles
Versprechen.

        Ich ging an Deinem Haus vorüber

25

            - Die Reue hemmte meinen Gang -
        Und horch! von dort zu mir herüber
            Scholl Geigenzittern und Gesang.

        Ich schlich mich leise lauschend näher,
            Kein Auge wurde mich gewahr,

30

        Und stand - des eigenen Schmerzes Späher -
            Bis jeder Ton verklungen war.

   S. 166

Sa-band6 0166.jpg

        Und schöner schien mir dieses Singen
            Der Liebe, das die Nacht durchdrang,
        Als was ich je Dir durfte bringen,
            Als je ein Lied, das ich Dir sang! ...

5

        Noch immer schlich der Sang der Geigen,
            Der Laut des Liedes um mein Ohr,
        Als schon sich in der Ferne Schweigen
            Mein Pfad der Einsamkeit verlor!

Mackays künstlerische Persönlichkeit weist auf den Streit zweier

10

Momente in ihm: des moralischen, theoretischen Menschen und
des Egoisten im Sinne Max Stirners, für den Mackay so leidenschaftlich
eintritt. Das zweite zu sein ist seine Sehnsucht, das erste
aber besitzt ihn. Aus diesem Konflikt stammt die Mehrzahl seiner
Verse, und in den beiden Gedichten "An den Ufern" fragen und

15

antworten sich diese zwei Momente...

        So wollen die Wahrheit-Sucher, wir,
            Der Zukunft erliegende Beute:
        Wir kennen ein Dort nur, nicht ein Hier;
            Ein Morgen nur, nie ein Heute!

20

        Doch wir fragen Euch. Gebt Antwort nun:
            "Wie seid Ihr so groß geworden?
        Woher Euer Lächeln? Woher Euer Ruh'n
            An heimat-sicheren Borden?"

Und die - Stirnersche - Antwort:

25

        ... Was sucht Ihr ein Ziel? Es gibt kein Ziel,
                Das über Euch leuchtete - in Euch
            Ruht, was Natur Euch lieh zum Spiel.
                Was gebt Ihr dem Wahne hin Euch?

        ... Was fragt Ihr uns? - Euer Fragen ist leer.

30

                Es vermag uns nicht mehr zu rühren.
            Ihr seid am Ziel! - Was wollt Ihr noch mehr?
                Wer vermöchte Euch weiter zu führen?! -

   S. 167

Sa-band6 0167.jpg

Schlösse Mackay nach dieser klaren Antwort die Akten seiner
ruhlosen Fragen, Anklagen und Vorwürfe, so könnten sie, als
Zeugnisse einer hohen und temperamentvollen Gesinnung, tiefsinnige
Prolegomena seiner eigentlichen Lyrik gewesen sein.

5

Sind und bleiben sie aber für alle Zukunft diese seine eigentliche
Lyrik selbst, so ist zu fürchten, daß der naive Mensch mit ihr, als
einer körperlosen Ideenpoesie, wenig anzufangen wissen, der
Wahrheitsucher dagegen an ihr vorbei zum Philosophen selbst
gehen wird.

10

Die Gefahr des Hintermanns, wenn ich sie so taufen soll, bedrohte
eine Zeitlang die Kunst des Züricher Poeten Karl Henckell
in noch viel einschneidenderer Weise. Sein Hintermann
war das Proletariat, und ihm hat er die beste Kraft einer leicht und
edel begeisterten Jugend geweiht. Er war ein williges Echo seines

15

Zeitalters. Ein Echo gibt schnell die Rufe zurück, zwar in einer
gerade ihm eigentümlichen Klangfärbung und Stärke, aber doch
ohne sie wesentlich verändert, bereichert oder zu einem großen
Akkord aufgesammelt zu haben. Die höchste Kunst schweigt
lange, bis sie den Stimmen der Außenwelt antwortet. Und dann

20

sind es nicht dieselben Stimmen mehr, etwa nur energisch versifiziert,
sondern Stimmen mit den Obertönen der Ewigkeit, große
Naturlaute von unvergänglicher Wahrheit. Henckell ist es im
Lauf der Jahre selbst müde geworden, seine Kunst an fruchtlose
Polemik zu verlieren; denn zum sozialen Propheten hatte er zwar

25

die Begeisterung, aber nicht jenes dämonische Demagogenpathos,
das im rücksichtslosen Appell an alle Urtriebe die Massen
unwiderstehlich entzündet und fortreißt. Und so hat er sich klug
erkannt, wenn er die liebenswürdigsten Gaben seiner reimfrohen
Jahre in einer Sammlung "Aus meinem Liederbuch" (München,

30

Albert) vereinigt hat, und hat damit das Vertrauen erweckt,
daß sein letztes Buch "Zwischenspiel" (Zürich, Schabelitz), als
Vorspiel einer jener Jugendlyrik analogen Manneslyrik gelten
darf. Das Liederbuch enthält Liebeslieder, von denen ich begreife,
daß Detlev v. Liliencron für sie schwärmt, Trutzlieder, in

35

denen sich die Polemik im Gewände der Grazie gibt, Spottlieder

   S. 168

Sa-band6 0168.jpg

ohne wohlfeile Phrasen. Naturlieder, bei denen das Auge glänzend
und die Brust nach Höhenluft durstig wird. Die Verse sprudeln
und tanzen wie die Bergbäche, von denen sie singen. Bleibe
im Lande! möchte man Henckell zurufen, in deinen Schweizer

5

Bergen, statt dich mit dem trüben Volk der Städte herumzuschlagen!
Wie ganz andere Töne werden ihm da lebendig:

        Wie lacht der Sonne reiner Strahl
        Ins Auge mir! wie flammt das Tal!
        Die dunklen Edeltannen breiten

10

        Die taubeträuften Arme weit
        Wie Königinnen aus den Zeiten
        Versunk'ner Märchenherrlichkeit.
        Stolz thronen sie auf hellem Band,
        Die schmale Schlucht zu ihren Füßen.

15

        Drin noch geschützt von Busch und Wand
        Die nächt'gen Dämmerschatten fließen.
        Doch sieh! Auch im verdeckten Schoß
        Vom Quell aufblitzt's im feuchten Moos.
        Und wie die Silberwellen blinken,

20

        Will alles gleich vom Lichte trinken.
        Und jede Ritze, jede Ranke
        Ist Schimmer, Perle schon und Pracht,
        Und überall und ohne Schranke
        Herrscht des Gestirnes heilge Macht.

25

Das "Zwischenspiel" ist nur als solches ohne Verstimmung zu
genießen. Es ist eine Abrechnung mit manchem aus der Vergangenheit,
eine erste Ermüdung, etwas bittere und etwas langweilige
Ironie und noch viel Anrempelei im besondern und im allgemeinen.
Doch dazwischen beachtenswerte Ausblicke: "Jedem

30

fiebernden Verlangen bleibt die Weltentwicklung stumm." "Froh
fühl' ich nur: von 'Jugend' ward ich frei." "Volksführer? Nein!
die Toga paßt mir nicht." "Nur frei sein, frei, auch von der 'Freiheit'
frei."
Ein neuer Schatz von Möglichkeiten liegt vor Henckells müheloser

   S. 169

Sa-band6 0169.jpg

Versgewandtheit. Sie wäre ein gutes Gefährt für graziösen
Humor, aber wird Henckells Pathos nicht wieder den Humor verderben?
Wird er tief spotten können und nicht nur blechern lachen?
Wer weiß es? Sein letztes öffentliches Wort, im Zwischenspiel,

5

lautete:

        Nächstens, schwant mir, geht zur Rüste
        Meines Pathos hehre Sonne,
        Humoristische Gelüste
        Ziehen auf in Tanzkolonne.

10

Bruno Wille endlich hat in seinem Buch "Einsiedler und Genosse"
(Berlin, S.Fischer) erst eine kleine Sammlung veröffentlicht,
von der zumal der zweite Teil "Genosse" vielfach die Patenschaft
Julius Harts und John Henry Mackays verrät, ohne jedoch
deren formale Gewandtheit zu erreichen. Der Grundzug seiner

15

Produktion ist eine aus tiefer Menschenliebe geborene Lehrhaftigkeit,
die mit der schönen, aber einer Flut von Enttäuschungen
preisgegebenen Naivetät des Idealisten die Welt zu bessern und
zu bekehren unternimmt. Der Freund der Armen und Unterdrückten
wird daher immer in ihm die erste, der Künstler die

20

zweite Stimme haben. Dieser spricht in ihm viel lauter, wenn er
statt als Volksmann der Großstadt als der Enthusiast der Föhrenwälder
und Seen der Mark in seinem Friedrichshagen pantheistisch
bewegte Stimmungen fesselt, ein weltfliehender Einsiedler
in schlichter, oft ergreifender Naturhingabe. Das Ende ist immer

25

das gleiche. Jedem ernsten Künstler schlägt einmal die Stunde,
wo sich für ihn die Zeittendenz, die ihn in ihren Bann schlug -
wenigstens in der Grobheit ihrer Äußerlichkeiten - überlebt, und
wo er zu jener stillen Weisheit zurückkehrt, der das tausendstimmige
Toben des Augenblicks nur ein Ton ist in dem tragischen

30

Schicksalslieder der Menschheit, und kaum mehr ein Ton in der
Sphärenweise des Alls.

 

 

Kritische Schriften:
Deutscher Geist | Sorauer Wochenblatt | Der Zuschauer | Neue Deutsche Rundschau | Der Kunstwart

Vossische Zeitung: Neueste deutsche Lyrik I · Neueste deutsche Lyrik II · Neueste deutsche Lyrik III · Märchen von Robby Kossmann · Neueste deutsche Lyrik IV

Das Magazin für Litteratur | Neue litterarische Blätter | Jugend | Monatsschrift für Neue Litteratur und Kunst | Das Narrenschiff | Die Gesellschaft | Die Welt am Montag | National-Zeitung | Hannoverscher Courier | Das Theater | Kunst und Künstler | Die Schaubühne | Berliner Tageblatt | Jahrbuch "Der Rhythmus" | März | Kritische Schriften aus dem Nachlass


Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 159ff.