Neueste deutsche Lyrik I

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Für die Vossische Zeitung. 1895

66. Neueste deutsche Lyrik
     Von Christian Morgenstern

Unsere Zeit ist lyrischer, als sie es selbst weiß und glaubt. Und

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sollte sie es nicht sein, sollten zumal wir Deutschen es nicht sein,
deren alte Sehnsucht nach einem geeinigten Reich nun von einer
neuen, feineren, nach einem von Krankheit und Fäulnis gereinigten
Reich abgelöst worden, und unter denen die edlen Toren
nicht aussterben, denen das Herz voll Morgenhoffnungen ist von

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Völkerglück und freier Persönlichkeitsentfaltung? Sehnsucht ist
das Merkwort unserer Tage, wie es das aller aufstrebenden Epochen
war. Und auf welchen Flügeln sollte sich all diese Sehnsucht
besser ausschweifen können als auf denen der Lyrik? Die in der
gegenwärtigen Literatur vorherrschenden Ausdrucksformen

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sind denn auch Lyrik und ihr ältestes Kind, das Drama. Daneben
wird das novellistische Stimmungsbild gepflegt und im Roman
gern die subjektive Art persönlichster Mitteilung gewählt. Der
Aphorismus, die Skizze, das Gedicht in Prosa hat sich zu höherer
Feinheit entwickelt, der freiere Rhythmus, das nervöse, intensive

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Stimmungswort hat die Sprache verändert und bereichert. Unser
ganzes Leben von heute mit seiner dezentrierenden Fülle von
Eindrücken und seinem atemkurzen Tempo begünstigt mehr die
explosiven Entladungen der Kunstseele als die expansiven. Daß
die "Modernen" in der Luft dieses gegen früher ungemein veränderten

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Milieus atmen und den hastigeren Herzschlag der Zeit
auch in ihren Adern spüren und nicht zu verlangsamen vermögen,
das ist ihr Unterschied von den Älteren und ihre unverzeihlichste
Sünde in den Augen so vieler. Man hat sich vielfach von
ihren Geschmacklosigkeiten abstoßen lassen und darüber verkannt,

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daß die Revolutionierung der Lvrik im Interesse einer

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gesteigerten Stoffauslese und einer differenzierteren Ausdrucksfähigkeit
ebenso nützlich war wie seinerzeit die der Prosa durch
Heinrich Heine und Ludwig Börne. Das Leben war zusammengesetzter,
gegensatzvoller, begebnisreicher geworden, der vierte

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Stand drängte drohend und klagend herauf, die großen Städte
zogen immer mehr Tatkraft und Intelligenz an sich und faßten im
engen Rahmen alles Krankhafte und alles Fruchtbare der neuzeitlichen
Entwicklung zusammen. Ein Ernst, der oft finster, und
eine Offenheit, die oft zynisch war, ergriff die jungen Schriftsteller

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und gab ihnen jene hochgradige Einseitigkeit, die notwendig
ist, wenn einer neuen "Wahrheit" Bahn gebrochen werden soll.
Diese neue Wahrheit aber war die uralte, die sich immer und immer
wieder gleich dem Frühling erneut: Rückkehr zum Leben,
zur Natur, zum innersten Ich. Keine Gedichte mehr, die nur um

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des Wohlklangs willen gebaut, die nur im Sinne eines gewissen
akademischen Schönheitsideals empfunden waren. Persönlichste
Dokumente ohne Rücksicht auf fremde Augen, soziale Dokumente
ohne Rücksicht darauf, wen und wo sie anstoßen möchten.
Oft bis zur Lächerlichkeit ungerecht und undankbar wandte man

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sich gegen die Dichter, welche die Gunst des Publikums besaßen,
und das Schlagwort "alte Kunst" konnte einseitig, wie alle
Schlagworte, nichts anderes als eine grobe Vergewaltigung sein;
denn es traf ebenso die großen Meister wie die geschickten Nachahmer.
Aber das Gefühl eines tiefen, wenn auch noch unklaren

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Unbehagens, daß noch viel mehr und noch ganz andres zu sagen
sei, als dort gesagt wurde, daß eine neue verwandelte Seele ungestüm
nach ihren Kündigern und Erlösern verlangte, überwuchs
alles Urteil und alle Pietät und entlud sich, als gegen Hochverräter
an der heiligen Sache der Kunst, wie ein lange verhaltenes

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Gewitter gegen jene emsigen Leierschläger, die in ihrem zurechtgestutzten
Modepark von Gefühlen gefeiert und selbstzufrieden
umherwandelten. Es war in all ihrer Einseitigkeit und grandiosen
Ehrlichkeit eine große Tat und - ohne Frage - "die" Kunst gewann
durch jenen Vordergrundskampf von "neuer" gegen "alte"

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Kunst.

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Das unaufhörliche Kokettieren mit der Lebensweisheit und Bilderpracht
des Orients, die ganze wohlfeile Schelmenlieder- und
Spielmannspoesie mußten endlich überwunden werden. "Der
Geist, der uns treibt zu singen und zu sagen", rief Hermann Conradi,

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"ist der wiedererwachter Nationalität. Er ist germanischen
Wesens, das all' des fremden Flitters und Tandes nicht bedarf...
dann wird jener selig-unselige, menschlich-göttliche, gewaltige,
faustische Drang wieder über uns kommen, der uns all' den nichtigen
Plunder vergessen läßt, der uns wieder sehgewaltig, welt-

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und menschengläubig macht; der uns das lustige Faschingskleid
vom Leibe reißt und dafür den Flügelmantel des Poeten, des
wahren und großen, des allsehenden und allmächtigen Künstlers
um die Glieder schmiegt - den Mantel, der uns aufwärts trägt auf
die Bergzinnen, wo das Licht und die Freiheit wohnen, und hinab

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in die Abgründe, wo die Armen und Heimatlosen kargend und
duldend hausen, um sie zu trösten und Balsam auf ihre bluttriefenden
Wunden zu legen. Dann werden die Dichter ihrer wahren
Mission sich wieder bewußt werden, Hüter und Heger, Führer
und Tröster, Pfadfinder und Wegeleiter, Arzte und Priester der

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Menschen zu sein." Solche herrliche Begeisterung, mit vielen geteilt,
konnte nicht ohne Frucht bleiben. Sie gab den geborenen
Künstlern unter ihnen einen mächtigen Anreiz und Freibrief zu
individuellstem Schaffen und erweckte unter den Mitlebenden
langsam das Bewußtsein wieder, daß es größer und würdiger ist,

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wenn ein Dichter mit seinem Blut, als wenn er mit Öl und Honig
schreibt, sie machte dem Schaffenden seine Verantwortlichkeit
lebendiger und veredelte Geschmack und Bedürfnisse des Genießenden,
daß ihm die Kunst aus einem bunten Spielzeug wieder
zu einer Macht geworden ist. von der er im Innersten erkannt,

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bezwungen, erschüttert, von der er vernichtet und wiedergeboren
sein will. Die Begeisterung allein konnte keinen zum Künstler
machen, der es nicht von Natur aus war, oder höchstens nur vorübergehend,
wie etwa eine große Liebe das Empfinden steigert
und nie geahnte Worte über glückliche Lippen drängt, aber sie

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blieb doch gleich einer neuaufgegangenen Sonne über der deutschen

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Literatur stehen und sah ein junges Geschlecht in ihren
Strahlen wachsen, das von Jahr zu Jahr mehr sein Recht erwies,
eine neue Kunstepoche von sich aus zu datieren.

        I.

Will es die Wolke dort, die einer Ritterburg aus den "Fliegenden"

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gleicht, oder wollen es die weißen, windgeneckten Tücher da
drüben im Garten über der Spree, daß ich zuerst an Otto Julius
Bierbaum denke?

        Wo die Isar rauscht, wo die Brücke steht,
        Wo die Wiese von flatternden Hemden weht...

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da lag eine glückliche Zeitlang sein "Paradies", da erlebte dieser
frische, weltselige Poet seine ersten Gedichte. Nervig sind sie wie
scharfe, kräftige Gebirgsflußluft und von jener prallen Sonne gesättigt,
wie sie nur der Bayer auf seinen kalkhellen Straßen kennt.
München redet aus ihnen in seinem kecken Zauber und seiner

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bald bärenhaften, bald kindlich-schelmischen Liebenswürdigkeit,
mit seinen Ratskeller-Intimitäten und Blondzopf-Aventiuren.
seinem Kunstkultus und Cliquenwesen, aber nicht München
allein, das ganze oberbayerische Land mit seiner großen Natur
der Berge, Seen. Ebenen und "Deandln" und den reichen Wolken-

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und Farbenspielen des Himmels über all der Erdenherrlichkeit.
Man empfindet solch ein Stück lachenden Südens doppelt
dankbar in einer überernsten Zeit und atmet beglückt den Hauch
der "rasenden Lenzlust", mit der der Dichter allen Dekadenten
zum Trotz das Leben umfängt, jenes wunderliche Leben, von

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dem Zarathustra sagt: Wir lieben es, nicht weil wir ans Leben,
sondern weil wir ans Lieben gewöhnt sind. Bierbaum ist vorwiegend
Impressionist; er sieht, er empfindet und wirft hin, ohne viel
zu zersetzen, zu reflektieren. Ein reizender Mädchenkopf bezaubert
ihn, er setzt sich hin und macht eine Porträtstudie, Zug um

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Zug -: Listig liebe, blaue Kinderaugen — müde, müde, müd' ein
wenig: ganz tief drin ein lust'ger Trotz usw. Mit dem letzten Pinselstrich
ist auch das Gedicht zu Ende, aber die reine, naive Liebe

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und Freude zur Natur, die den Dichter beseligt hat, ist unmerklich
auch auf uns übergegangen. Wir schauen sinnend ins Blaue,
als lachte von dort der blonde Wirrkopf herab. Eine ungetrübte
künstlerische Wirkung ist auf uns hervorgebracht worden. Der

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Dichter hat uns sein Bild geschenkt. Man lese einmal sein Gedicht
"Ernte" neben dem "Erntelied" Richard Dehmels. Er
geht ins Korn hinaus: Sensenschwung und Sichelschnitt, grün
und gelb fällt Gras und Ähre, meine Freude erntet mit: Segenschwere!
Segenschwere! Er wirft sich unter eine Linde und

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träumt in die Landschaft hinein. Am Horizont, hinter dem reifen
Korn, schreitet eine Bauerndirne mit ihrer Sense. Und nun wird
ihm unter dem Eindruck einer bangen Herbstesahnung die
Wirklichkeit zum Gesicht. Er sieht die Magd ihren Schnitt beginnen,
näher und näher kommen, und er hört zu dem Singen des

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Stahls ein Klagen von Millionen Sterbequalen. Die Schnitterin
hat ihr Werk beendet, ein schwarzer Schattenriß steht sie gegen
das Abendgold. Bist du der Tod?... Sie wendet sich, geht; sie
überwächst den Schein. Die Nacht spannt vor den sinkenden Röten
breiter und breiter ihre Fittiche aus. Wo rauschgolden sich die

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Ähre in des Windes Wehn gewiegt, sterbestarr das Leben liegt.
Allhin dehnt sich Stoppelleere. - Welche einfache und große
Poesie: Bei Richard Dehmels "Erntelied" ist alles nur Symbolik,
Gedanke. "Ernte", ein Zauberwort, das in Bierbaum eine lebendige
Welt aufweckt, ein Begriff, der in Dehmel zu dem Refrain

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Mahle, Mühle, mahle! eine gedankliche Konstruktion erstehen
läßt, deren Bildlosigkeit und Dunkel frieren macht. Bierbaum
und Dehmel sind in ihrer Kunst die vielleicht markantesten,
Gegensätze in der modernen Lyrik. Der eine erinnert mehr an die
kleine blaue Sommerlandschaft Arnold Böcklins, der andere

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mehr an den geistreichen, aber unkoloristischen Ornamentalismus
der "Tänzerinnen" Franz Stucks. In zwei kleinen Gedichtchen
scheint sich mir das Wesen dieser interessanten Antipoden
gleichsam kristallisiert zu haben. Sie seien als künstlerische Charakteristica
hier wiedergegeben.

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        Es ist ein Reihen geschlungen,
           Ein Reihen auf dem grünen Plan,
        Und ist ein Lied gesungen,
           Das hebt mit Sehnen an,

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        Mit Sehnen, also süße,
           Daß Weinen sich mit Lachen paart:
        Hebt, hebt im Tanz die Füße
           Auf lenzeliche Art.

Man möchte dieses "Tanzlied" Bierbaums über der Marmorpforte

10

eines Venustempels lesen, wie die folgende Hieroglyphe
etwa in Delphi.

        In allen Tiefen
        mußt du dich prüfen,
        zu Deinen Zielen

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        dich klarzufühlen;
        aber die Liebe
        ist das Trübe.

        Jedweder Nachen
        drin Sehnsucht singt,

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        ist auch der Rachen,
        der sie verschlingt;
        aber ob rings von Zähnen umgiert,
        das Leben sitzt und jubiliert.

In formaler Hinsicht sind diese Zeilen Richard Dehmels ein kleines

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Kunststück. Von dem Schlußsatz der ersten Strophe geht das
Ganze aus. Der unreine Reim, an sich beleidigend, aber unvermeidlich,
erhält durch die vorangestellten Reimpaare das Gepräge
der vollsten Absichtlichkeit. Bis vom Titel Hieroglyphe
herab, ist die quälende Dissonanz zwischen i und ü, Dur und Moll

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virtuos durchgeführt, wobei natürlich die schenkende Güte der
Sprache ebenso viel Anteil hat wie der klug benutzende Wille. Ich
bin überzeugt, der Dichter war ebenso stolz, als die Hieroglyphe
vor ihm stand, wie Bierbaum, als ihm sein kleiner Botticelli gelungen

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war. Die zweite Strophe ist in anderer Hinsicht charakteristisch.
Sie ist nahezu unverständlich, wenn man das krautkopfähnliche
Ungetüm nicht daneben sieht, in dessen Rachen, der
zugleich Nachen ist, ein flötendes Kindchen - das Leben - sitzt

5

und jubiliert. Möchten in Dehmels Gedichtsammlungen recht
viele Bilder sein, die wie gute Genien seine Verse umschwebten
und ausdeuteten! Denn es ist viel Hieroglyphik in seiner Kunst,
viel Geist der Schwere und Tanzunlust. Es herrscht eine eigen-
tümliche Kälte in diesen Gedichten, von denen man dennoch nur

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wenige unbedeutend nennen darf. Man staunt auf Schritt und
Tritt über ein reifes Können, über eine ungewöhnliche Phantasie,
über tiefe Gedanken und heftige Impulse. Aber man fühlt nicht
immer die Saiten der eigenen Seele mitklingen, man findet sein
Herz nicht immer im Banne jenes süßen oder gewaltigen Zaubers,

15

in den es oft manches geringeren Dichters einfaches Lied
unwillkürlich verstrickt. Einfachheit und Klarheit sind und blei-
ben Hauptmomente jeglicher Kunst, und alle Stimmung flieht
wie ein verscheuchtes Kind, wenn man gezwungen ist, ein Poem
fünfmal durchzulesen, bis man es ungefähr versteht. Gewöhnlich

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ist Dunkelheit ein Fehler gärender Jugend, bei Dehmel aber hat
sich diese Untugend nicht vermindert, wie ein Vergleich seines
letzten Buches "Lebensblätter" (Berlin, Pan) mit "Aber die
Liebe" beweist. In "Aber die Liebe. Ein Ehemanns- und Men-
schenbuch" (München, Albert) steht er auf der Höhe seiner Kraft

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und Eigenart. Sein Stil, der schwer ineinander gekeilt, innerlich,
souverän-persönlich ist. hat dort noch den leichtesten Fluß und
zeigt sich von gleich hoher Gewandtheit in Eigenem wie in Übersetzungen
aus französischer und spanischer Literatur, so besonders
in der Ballade "Der Pirat", nach José de Espronceda, mit

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dem stolzen Kehrreim: Denn meine Barke ist mein Reichtum,
Denn mein Gesetz ist mein Begehr, Mein Gott der Wind und
meine Freiheit, Mein einzig Vaterland das Meer. Unvergeßliches
prägt er immer, wenn ihm, dem Försterkinde, sein Wald und sein
Vaterhaus durch den Sinn geht -: Wenn ich so am Kammerfenster

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stand Und die großen Eichen schwarz erschauern hörte - und

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wenn er dann hinübersah —: wo aus der Waldnacht um die Felder
die eine hohe Kiefer in den Himmel horchte, oder wenn er am
Schluß der "Lebensblätter" in dem schönen Lied an seinen
Sohn, in seinem Vaterhaus, vom Sturm geweckt, der eigenen

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Knabenzeit und des fernen Kindes denkt. Sein väterliches Herz
hat ihm einige der schönsten Kinderlieder eingegeben, die es
gibt. Sie zeigen nebst manchem andern reizenden Schelmgedicht
und Lästerbrief, daß ihm Humor und Grazie keineswegs fremd
sind, wenn auch sein Humor an andern Stellen wieder grotesk

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und kalt bis zur Ungenießbarkeit wird. Einen breiten Raum nehmen
in "Aber die Liebe" die "Verwandlungen der Venus" ein,
ein Zyklus von zwanzig Gedichten, deren jedes eine andere Form
und Art der Liebe zum Gegenstand hat. Wie anders könnte dieser
grandiose Vorwurf wirken, wenn er in eine große Komposition,

15

etwa der Anlage der Totentänze ähnlich, zusammengeschmiedet
worden wäre, statt so, wie er behandelt ist, sich als ein aus einer
Idee entsprungenes Schema zu verraten, das zwischen die zwei
Gebete der Sucht und der Sättigung eingekeilt ist. Hier ist Dehmel
der gerade Gegensatz des Gelegenheitsdichters im Goethischen

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Sinne, wie es Bierbaum ist. und Schillers pathosreiche Lyrik
ist es. an die er zuweilen erinnert:

        Eine rote Feuerlilie schreitet
        riesig durch die Weltennacht.
        Von der Sonne bis zum Sirius breitet

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        sich ihr Scharlachkelch. Der Schacht
        des gezähnten Schlundes kocht von Gluten,
        düster flammt des Rachens Zackenfirne;
        Um die wirbelnden Gestirne
        Schlingt sie hungrig ihre Samenruten. (Venus Mors.)

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Nur hätte der große Schiller eine Lilie niemals - schreiten lassen.
Und dies führt mich zum letzten, zu einem Vorwurf, der Dehmel
trifft und Bierbaum nicht erspart werden kann. Beide haben die
Reinheit ihrer Kunst von Manier nicht völlig frei zu halten gewußt.
Bierbaum kokettiert in seinem jüngsten Büchlein "NEMT

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FROUWE DISEN KRANZ" (Berlin, Schuhr) in einer seiner Poesie
gefährlichen Weise mit Form und Geist der Zeit Albrecht Dürers
und Walthers von der Vogelweide. In seiner eminent malerischen
Begabung war er seit je von Künstlern sehr beeinflußt. Wie man

5

in seinen Münchener Gedichten die Sezession herausfühlt, so
merkt man hier den Einfluß einer archaistischen Kunst, wie sie in
Sattler heute ihren talentvollsten Vertreter hat. Aber was will da
wieder in andrem Gewand in unserer Literatur heraufkommen?
Dieselbe lebensfremde Schelmenlieder- und Klingklangpoesie,

10

von der sich vor einem Jahrzehnt das jüngste Deutschland in
flammenden Protesten lossagte. Sehnt sich neudeutsche Kunst
nach kurzen Ausfahrten zu neuen Morgenröten schon wieder zurück
in Schablone und Konvention? Ans Tor der deutschen Dichtung
klopft wieder einmal schüchtern die Romantik: es ist die

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ganze unausrottbare Furcht des Deutschen vor der Wirklichkeit,
sein Grundhang zur Unklarheit, Unwahrheit, zur "Gefühlsbetrunkenheit".
Früher sang Bierbaum vom "Waschermadl" an
der Isar, jetzt reitet der Knappe in mailichter Minne mit Narzissen
in den Händen auf die Freite nach der Fee der Freien. Möchte

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ihn doch die gute Fee auslachen und ins neunzehnte Jahrhundert
heimjagen, auf daß er wieder Mensch unter Menschen würde.
Richard Dehmels Gefahr liegt auf anderem Gebiet. Er steigert
das Tiefsinnige und Rätselvolle in seinen Dichtungen mit offenbarer
Absicht, er gefällt sich zu oft in verwirrter Fülle bizarrer

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Bilder, er ist in seinen Strophen häufig gesucht und drängt Sätze
in sie, welche wie mit der Zange zusammengezwickt und auf jeden
Fall verzwickt sind. Kurz: seine Muse macht sich gern interessanter
als sie ist und als sie es nötig hat. Den Tieferblickenden
macht sie sich dadurch nur weniger interessant und dem Publikum

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vielfach unzugänglich. Die "Lebensblätter" sind Max Klinger
gewidmet. Ist es nicht gerade eine der schönsten Tugenden
dieses großen Meisters, daß seine Kunst so frei von aller Manier
geblieben ist?

 

 

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Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 150ff.