Kurze historische Skizze der tschechischen konkreten bzw. experimentellen Poesie

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Bohumilá Grögerova / Josef Hiršal | Prag Stuttgart und zurück

Vortrag, Wilhelmspalais 10.9.1994; aktualisiert 1997

Unser Beitrag zum "Symposium Max Bense" besteht aus einer kurzen historischen Skizze der tschechischen konkreten bzw. experimentellen Poesie und ihrer Beziehungen zur Stuttgarter Gruppe/Schule im engeren und weiteren Sinne. Da wir keine Theoretiker sind, wird dieser Beitrag nicht den Charakter einer wissenschaftlichen Analyse haben, sondern vor allem Fakten und Informationen bieten.

Die tschechische Poesie der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts wurde - kurz zusammengefaßt und von dem überdauernden Einfluß der älteren Generationen abgesehen - von den surrealistisch spielerischen Versen Vítezslav Nezvals, dem poetistischen Liederschaffen Jaroslav Seiferts, den metaphysisch-expressiven Kompositionen Vladimír Holans, der sparsamen Wörteräquilibristik František Halas' und der überraschend reifen originellen Jünglingspoesie Jirí Ortens repräsentiert.

In den schwersten Jahren der stalinistischen Ära sprach uns durch seinen befreienden grotesken Humor der deutsche Dichter Christian Morgenstern am meisten an, und zwar dermaßen, daß wir beschlossen, seine Werke selbst zu übersetzen. Ganze 15 Jahre haben wir der Arbeit an der Übersetzung seiner "Galgenlieder" gewidmet, einem Werk, welches auf uns eine große Faszination ausübte und nach wie vor ausüben wird. Diese Sammlung, obwohl bereits zu Beginn unseres Jahrhunderts entstanden, wurde durch ihre Beziehung zur Sprache und - mit Max Bense gesprochen - durch ihr hohes Maß an ästhetischer Information zum Vorzeichen vieler Tendenzen und Strömungen der neueren Poesie. Ihre Übersetzung, die zum Teil in der Zeit der Auflockerung (nach der bekannten Rede Chruschtschows über den Persönlichkeitskult Stalins 1956) erscheinen durfte (1), hatte direkten Einfluß auf viele Repräsentanten der nonkonformistischen tschechischen Poesie. Sie brachte nämlich unter der beherrschenden und tyrannisierenden Doktrin des sozialistischen Realismus eine echte Erleichterung und fegte die konformistischen Produkte der Regimepoeten vom Tisch. Der Band der Morgensternschen Gedichte war sofort vergriffen, die Textproben wurden unzählige Male vom Rundfunk gesendet, sie wurden auch häufig auf kleinen Theaterbühnen inszeniert und auf Schallplatten aufgenommen. Das war einerseits Ausdruck eines langsamen Erwachens aus einer durch die politische Profanisierung und den Mißbrauch des Wortes erzeugten Lähmung, auf der anderen Seite entsprach es dem Wunsch, die Sprache zu reinigen.

Dies ist auch der Zeitpunkt, an dem die Namen Jirí Kolár und Ladislav Novák genannt werden müssen. Sie waren damals die ersten Bahnbrecher einer erweiterten Poesie, des poetischen Experiments. Die damaligen Sammlungen Kolár', "Hold Kazimiru Malevicovi" [Huldigung an Kasimir Malewitsch], "Y 61", "Gersaintuv vývesní štít" [Gersaints Aushängeschild] und das "Sklenená laborator" [Glaslaboratorium] Nováks waren Signale einer radikal neuen Beziehung zur Poesie. Und es kann gesagt werden, daß sie zugleich die ersten tschechischen Äußerungen der postapollinaireschen visuellen Poesie waren.

Einen weiteren Durchbruch in diesen Bereich bedeutete für uns das Kennenlernen der Arbeiten der Wiener Gruppe - H.C. Artmanns, Gerhard Rühms, Friedrich Achleitners - anläßlich der Ausstellung "Das österreichische Buch", die 1959 nach langem Fasten in Prag stattfand.

Ein Bekannter Kolar', der Komponist Vladimír Šrámek, brachte uns im August 1961 ins Café Slavia vier Nummern der Vierteljahresschrift "Augenblick" mit dem Untertitel "Zeitschrift für Tendenz und Experiment", als deren Herausgeber Max Bense, als deren Redakteurin Elisabeth Walther, Stuttgart, genannt waren. In der ersten Nummer des 4. Jahrgangs (Oktober-Dezember 1959) war mit einer kurzen Einführung von Bense eine Décollage Reinhold Koehlers abgedruckt, die Probe eines stochastischen Textes, der aus dem Wortmaterial von Franz Kafkas "Das Schloß" programmiert war, ferner vier Texte Helmut Heißenbüttels sowie Arbeiten von Nathalie Sarraute und Jean Genet. Außerdem lasen wir dort den Essay Benses, "Text und Kontext". Die weiteren drei Nummern waren nicht weniger ansprechend und interessant, die in ihnen enthaltenen Materialien von solcher Art, daß wir beschlossen, Bense Textproben aus Kolár' "Hold Kazimiru Malevicovi" zu schicken. Es war hier ja jedes Wort ein neuer Begriff, ein neuer Blick auf die geschriebene Literatur. Und dazu zahlreiche kürzere und längere Texte - Konstellationen, konkrete Gedichte, Ideogramme, Artikulationen mit uns damals unbekannten Autorennamen: Alfred Andersch, Heißenbüttel, Franz Mon, Arno Schmidt, Eugen Gomringer, Reinhard Döhl, Ferdinand Kriwet, Diter Rot, Emmet Williams, Konrad Bayer sowie die uns bereits bekannten Rühm, Achleitner, Artmann. Es erschien hier eine gewisse Linie, eine gewisse Tendenz, in die auch die letzten Sammlungen Kolar' perfekt passen würden. Aus allen Nummern wurde ersichtlich, daß sich um Bense eine Gruppe gesammelt hatte, die sich mit experimenteller bzw. konkreter Poesie befaßte. Anreger schienen uns dabei der Schweizer Eugen Gomringer mit seinen "konstellationen", wichtiger aber die Gruppe der Brasilianer um die Zeitschrift "Invençâo" gewesen zu sein.

Kurze Zeit später fiel uns auch das "Erste Manifest der permutationellen Kunst" in die Hände, in dem der französische Musikwissenschafler Abraham A.Moles unter anderem sagt: Wir treten in die Epoche der permutationellen Kunst ein. Die Permutation ist eine Kombinatorik einfacher Elemente mit begrenzter Verschiedenheit, die der Wahrnehmung die Unermeßlichkeit des Feldes der Möglichkeiten öffnet. [...] Das Wirkliche ist das, was wir konstruieren, ist das, was wir als konstruiert wahrnehmen, und die Kultur ist definitionsgemäß der Ausdruck der Künstlichkeit einer Umgebung (2).

Als der Autor die Versuche mit der Tonalseite des Wortes erwähnt, führt er nach Morgenstern, Marinetti, nach den Dadaisten Ball, Hausmann, Schwitters, den russischen Konstruktivisten Chlebnikov, Kamenskij, Krutschenych und Zdanewitsch auch die Franzosen Albert-Birot, Pétronio, Artaud und als letzte Dufrêne, Bernard Heidsieck und Henri Chopin an.

Und so machten auch wir uns an gemeinsame experimentelle Texte. Manche schrieben wir nach der Systematik Benses - grammatische, logische, stochastische und Intertexte - bei anderen erfanden wir die Methoden und Vorgänge selbst: Textentstehung, Sprichwörter, Partituren, Portraits, Mikrogramme, Koazervate, syngamische Texte und Objektagen. Die Systeme waren freilich offen und beweglich, innen zogen wir keine Grenzen sondern schufen uns im Gegenteil einen möglichst großen Raum. Es war eine königliche Unterhaltung, wie wenn wir Käfige öffneten und den Vögeln die Freiheit gäben.

Durch den bibliothekarischen Austauschdienst hatten wir uns den Sammelband "movens" besorgt, der 1960 im Wiesbadener Limes-Verlag von Franz Mon in Zusammenarbeit mit Walter Höllerer und Manfred de la Motte herausgegeben war. Wie schon mehrmals zuvor schrieben wir mit der Hand ab, was uns interessierte, da es in Prag keine Kopiermöglichkeit gab. Auf die selbe Art haben wir uns den Essay "Plakatwelt" von Bense und die 3. Nummer der Reihe "material" ausgeborgt. Emmet Williams hatte hier seine "konkretionen" abgedruckt, in denen er erprobte, was ein systematisches Ausnutzen der Möglichkeiten der Schreibmaschine leisten konnte. Weiter müssen hier die Namen Rot, Gomringer, André Thomkins, J.R.Scott, Claus Bremer, Jean Tinguely genannt werden, von denen wir manche aus dem "Augenblick" oder den Studien Benses bereits kannten.

Wir hatten beschlossen, jetzt erst recht zu beginnen. Wir hatten an Bense geschrieben. Der antwortete innerhalb von zwei Wochen mit der kurzen Mitteilung, daß er sich überwiegend mit Texttopologie befasse, und schickte uns eine umfangreiche Sendung einzelner Nummern der Zeitschrift "Augenblick", der Reihe "rot", die er gemeinsam mit Elisabeth Walther herausgab und deren Hefte einzelnen Autoren gewidmet waren, sowie einige Hefte der "Grundlagenstudien aus Kybernetik und Geisteswissenschaft" mit reinen Fachtexten.

Unser gemeinsames Werk beendeten wir im März 1962, nannten es "JOB-BOJ" [= Josef/Bohumila, Bohumila/Josef] und schickten es in Form einer Kopie an Bense. Gleichzeitig schrieben wir ihm:

Ende April soll in der Redaktion der Zeitschrift "Svetová literatura", die in der Auflage von 24.000 erscheint, ein Dichter- und Übersetzersymposium veranstaltet werden, wo wir vorhaben, über Ihre Arbeit zu berichten und der Redaktion einige Artikel von der Zeitschrift "Augenblick" sowie Texte von Heißenbüttel, F. Mon, D. Rot, E. Williams, H.G. Helms u.a. anzubieten. Da bei uns all diese Tendenzen total unbekannt sind - erst vor kurzem hat in Prag der erste Vortrag über Kybernetik und synthetische Musik stattgefunden - wird solch eine Information in unserer besten Literaturrevue äußerst nützlich sein.

Bereits in der Zeitschrift "Augenblick" erweckten die reduzierten Texte Helmut Heißenbüttels unser Interesse. Seitdem begegneten sie uns sporadisch und je mehr wir sie lasen, desto mehr zogen sie uns an. Seinen ersten Gedichtband "Kombinationen" von 1954 kannten wir bisher nicht, doch über den internationalen Austauschdienst konnten wir uns seine "Topographien" von 1957 ausleihen. Wieder schrieben wir mit der Hand die ganze Sammlung ab.

Im Juli bot uns Dr. Arsen Pohribný an, im Dezember im Klub der bildenden Künstler Mánes einen Vortrag mit Leseproben und Bildprojektionen über die neuen Typen der Poesie zu veranstalten. Dieses Angebot haben wir dankbar angenommen, und am 20. Dezember war der Klubsaal bis zum letzten Platz besetzt. Den Vortrag hatten wir "Über die Philosophie der Sprache, die statistische Ästhetik und das zeitgenössische literarische Experiment" betitelt. Nach der theoretischen Einführung, in der viele Studien, Essays, Manifeste und Artikel von Moles, Gomringer, Bense, der Noigandres-Gruppe, Döhl, Pierre Garnier, den Autoren der Wiener Gruppe etc. zitiert wurden, folgten Bildprojektionen von Konstellationen, Textpartituren, Konkretionen, Permutationen, Realisationen und Variationen und anschließend Leseproben. Es waren insgesamt zweiunddreißig Autoren, die wir vorstellten. Das größte Interesse erweckten aber die logischen Texte Heißenbüttels, und nach dem Vortrag teilte uns Vladimir Kafka, Redakteur des Verlags Mladá fronta mit, daß er diesen Autor gerne herausgeben möchte.

Zu Beginn des Jahres 1963 kam es zu weiteren schriftlichen Kontakten. Von Gomringer bekamen wir einige Nummern der Reihe "konkrete poesie/poesia concreta" und aus Sao Paulo schrieb Haroldo de Campos. Bense hatte bei einem Besuch in Brasilien die Mitglieder der Noigandres-Gruppe über die neuen Tendenzen bei uns informiert und empfohlen, Kontakte aufzunehmen. Haroldo de Campos selbst übersetzte Chlebnikow, Jewtuschenko, Wosnessenski; die Gedichttechnologie Majakowskis stellte er in Zusammenhang mit der statistischen Ästhetik Benses. Wir waren Bense sehr dankbar, daß er uns mit den Brasilianern bekannt machte. Er schickte uns einen Ausstellungskatalog der Noigandres-Gruppe und weitere Unterlagen. Wir schickten ihm wiederum fortlaufend alles, von dem wir vermuteten, daß es ihn interessieren könnte.

Mit den Brasilianern entfaltete sich eine umfangreiche Korrespondenz, Haroldo de Campos überließ uns seine Texte und Texte seines Bruders und seiner Freunde, dasselbe taten auch wir für seine Zeitschrift "Invençâo", die später der tschechischen Experimentalpoesie eine ganze Nummer widmete. Wir hatten viel mehr gemeinsam, als man von Antipoden hätte erwarten können. So übersetzte Hiršal chinesische, Haroldo de Campos japanische Poesie, und er wie auch wir übersetzten Morgenstern. Aus Rezensionen in der ausländischen Presse erfuhren wir, daß Heißenbüttel seine ersten drei "Textbücher" herausgegeben hatte. Wir schrieben ihm über die Adresse des Süddeutschen Rundfunks, wo er die Redaktion Radio-Essay leitete. Nach nicht einmal 14 Tagen lag die Antwort Heißenbüttels vor. Er war über uns von Bense informiert, schickte uns die drei "Textbücher", und wir begannen mit der Redaktion der Zeitschrift "Svetová literatura" und dem Verlag Mladá fronta wegen der Herausgabe zu verhandeln. Anfang August hatte sich wieder jemand gemeldet. Diesmal aus dem französischen Amiens. Garnier schrieb, daß er sich mit der visuellen und phonetischen Poesie befasse und daß Bense, mit dem er die gemeinsamen Probleme der zeitgenössischen Poesie besprochen habe, ihm unsere Adresse gegeben und empfohlen habe, mit uns Konktakt aufzunehmen, da es auch in der Tschechoslowakei ähnliche Tendenzen gebe. Er habe bereits mit Dichtern, Malern und Bildhauern aus Frankreich, Belgien und Holland eine Zusammenarbeit begonnen und stehe auch mit den Brasilianern in Kontakt. Er schickte uns einige Nummern seiner Zeitschrift "Les Lettres".

Seinem nächsten Brief legte Garnier das "projet de plan-pilote" der französischen Gruppe bei und bat, es zu studieren, unsere Bemerkungen anzuschließen und, falls wir keine Einwände hätten, Mitglieder des internationalen Komitees zu werden. Er führte Namen französischer Dichter an, die sich mit den visuellen Kreationen und überwiegend phonetischen Kompositionen befaßten, wie Dufrêne, Heidsieck, Pétronio, Chopin. Er selbst und seine Frau Ilse nannten ihre Kompositionen "sonies". Die "Position I du Mouvement International" Garniers konsultierten wir mit Novák und Jan Grossman, dem Dramaturgen des Theaters "Am Geländer", und alle gemeinsam haben wir sie unterschrieben.

Wir bekamen jetzt so viele Unterlagen mit immer weiteren neuen Namen, daß wir planten, Ende des Jahres im Mánes in Fortsetzung des vorjährigen einen neuen Vortrag zu halten. Er trug den Titel "Über die natürliche und die künstliche Poesie". Auch diesmal war der Saal überfüllt. Einführend sprachen wir wieder über die statistische Ästhetik Benses und über die Ausgangspunkte des "Ersten Manifestes der internationalen Bewegung" Garniers. Als Proben dienten hauptsächlich die Arbeiten der brasilianischen Noigandres-Gruppe, die Visualkreationen Garniers und Texte Heißenbüttels, die wir zum Teil ins Tschechische übersetzt hatten. Von der phonetischen Poesie stellten wir die "poème-action" Ilse Garniers, den "Nachtgänger" Nováks und die "Entropie I" von Nápravník vor.

Anfang 1964 besuchte Haroldo de Campos Stuttgart. Wir hatten dies ausgenutzt, ihn für den März nach Prag einzuladen, um gemeinsam mit seinem Freund, dem Komponisten Julio Medaglia in Mánes einen Vortrag zu halten, Auf dem Programm ihres Besuches standen auch Atelierbesuche bei dem Maler Vladimír Fuka, bei Jan Kotík, Karel Malich und Kolár. Haroldo de Campos' Artikel über das künstlerische Bestreben der Mitglieder der Gruppe "Noigandres" veröffentlichten wir im Wochenblatt "Výtvarná práce" [Künstlerische Arbeit] und sein Interview über die Position der Gruppe in der brasilianischen Kultur in "Literární noviny" [Literaturzeitung].

Ende März kam aus Wien eine gemeinsame Karte von Ernst Jandl und Döhl. Auch sie wollten mit uns Kontakt aufnehmen, schriftlich oder persönlich. Döhl berief sich auf Bense. Die beiden Namen waren uns nicht unbekannt. Jandl kannten wir aus der von Döhl herausgegebenen Anthologie "Zwischen Räume - 8 mal Gedichte", Limes Verlag 1963, und Döhl aus dem "Augenblick" und seinen "fingerübungen", Limes Verlag 1962, die uns Haroldo de Campos mitgebracht hatte. An Döhl, der uns als spiritus agens der Stuttgarter Gruppe erschien, schrieben wir einen ausgiebigen Brief über alle Veranstaltungen, die wir im Namen der neuen Poesie unternahmen, sowie über den neuen Plan, eine umfangreiche Anthologie der internationalen Experimentalpoesie zusammenzustellen, wie wir es bereits mit Bense und Haroldo de Campos' besprochen hatten. Döhl regte seine Freunde Claus Henneberg, Ludwig Harig und Franz Mon an, uns ihre Bücher und Typoskripte zukommen zu lassen, und empfahl uns die österreichische Zeitschrift "Manuskripte" und deren Chefredakteur Alfred Kolleritsch. Mit Döhl verwickelten wir uns später in lange schriftliche Diskussionen, ob die neue Poesie progressiv oder experimentell genannt werden solle, über den russischen Formalismus und die russischen Futuristen Majakowski, Chlebnikow und dessen "zaumnyj jazyk", an denen er im Rahmen seiner Forschungen zur akustischen Poesie interessiert war.

Im ersten Ferienmonat dieses Jahres kamen, von uns eingeladen, Ilse und Pierre Garnier mit einem Auto voller Bücher und Typoskripte von sich selbst sowie von ihren Freunden nach Prag. Václav Danek nahm mit Garnier ein Rundfunkinterview über die zeitgenössischen progressiven Richtungen in der französischen Poesie auf, gemeinsam besuchten wir die Ateliers von Kolár und Karel Malich, sprachen mit Kunstkritikern und Verlagsredakteuren und machten auch einen Ausflug auf die Burg Karlstein. Novák, der aus Trebíc die Garniers begrüßen gekommen war, nahm dann die französischen Gäste mit sich nach Mähren.

Zu gleicher Zeit übersetzten wir für den Verlag Mladá fronta die Texte Heißenbüttels und in der Zeitschrift "Plamen" veröffentlichten wir eine umfangreiche Information über "Die Poesie der Texte" [Poesie textu], bei der wir nach einer theoretischen Einführung zwanzig Autoren mit Textproben vorstellten. Und wir begrüßten sehr, daß unsere Publikation eine Umfrage mit breiter Diskussion, "Was halten Sie von der konkreten Poesie", zur Folge hatte.

Dank einer Einladung des Direktors der Kunsthalle Baden-Baden, Dietrich Mahlow, zur Ausstellung "Bild und Bühne", die Ende Januar 1965 eröffnet wurde, konnten wir auch Stuttgart besuchen - einer nach dem anderen, manchmal bekamen wir nämlich keine Erlaubnis, gemeinsam auszureisen. Wir wurden sehr freundlich im Hause Döhl aufgenommen, lernten persönlich Bense, Elisabeth Walther, Heißenbüttel kennen und besuchten auch zwei Künstler, Günther C. Kirchberger und Klaus Burkhardt. Durch Zufall hielt zur gleichen Zeit an der Technischen Hochschule Stuttgart auch Hans Magnus Enzensberger, dessen Gedichte wir damals übersetzten und der schon früher Prag besucht hatte, einen Vortrag, in dessen Folge es zu einem poetologischen Streit zwischen ihm und Döhl kam.

Unsere Kulturhorizonte erweiterten sich also endlich und mit ihnen die Publikationsmöglichkeiten. Mit dem Direktor des Odeon-Verlags verabredeten wir die Herausgabe einer Anthologie internationaler Experimentalpoesie und die tschechische Übersetzung der "Theorie der Texte" Benses. Im Verlag Ceskolovenský spisovatel deutete sich die Möglichkeit an, einen Sammelband theoretischer Studien, Artikel und Manifeste der Kunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts herauszugeben, den wir entworfen hatten. Das Gutachten sollte Jirí Levý schreiben, vielleicht auch deshalb, weil er kürzlich an der Technischen Hochschule in Stuttgart war, um Vorträge zu halten und Erfahrungen zu sammeln (3). Im Verlag Mladá fronta waren inzwischen die Texte Heißenbüttels bereits im Druck. Ende März veranstalteten wir einen Vortrag über die auditive Poesie von den alten onomatopoetischen Schöpfungen über Hausmann, Schwitters bis zu der heutigen phonischen Poesie, die mit Hilfe der modernen technischen Mittel in den Rundfunkstudios entsteht. Als Beispiele konnte das Publikum Lautgedichte Raoul Hausmanns, die "Ursonate" Kurt Schwitters', das Souffle-Manifest und Spatial Garniers, Ilse Garniers Sprechaktionen, Nováks "Samohlásky" [Selbstlaute] und Artikulationen Mons hören. Falls es uns gelingen sollte, Aufnahmen von Chopin, Kriwet und Jandl zu bekommen, war ein weiterer Abend geplant. Vor allem suchten wir jedoch die auditiven Gedichte der russischen Futuristen Chlebnikow, Krutschenych und Zdanewitsch, die jedoch kaum aufzutreiben waren. Die selben Vorträge mit Hörproben organisierte auch Novák an der Brünner Universität.

Im Mai 1965 eröffnete Max Bense in Stuttgart die Ausstellung "Konkrete Poesie international", in der Texte von uns sowie die tschechischen Kulturzeitschriften "Plamen", "Tvár", "Sešity", "Výtvarná práce" und "Svetová literatura" vertreten waren. Aus gleichem Anlaß erschien in der Edition Hansjörg Mayer die Mappe "konkrete poesie international" mit einer Arbeit auch von uns, und ein Jahr später als "futura 6" eine Auswahl aus "job boj". Bei der Gelegenheit luden wir Bense und Elisabeth Walther nach Prag ein, beide versprachen zu kommen, doch ihr Besuch hat sich leider nie verwirklicht.

Zwischendurch begann sich in Prag das Anthologiekarussell zu drehen. Wir erhielten Beiträge aus Frankreich, Deutschland, Österreich, England, Italien, Amerika, Brasilien, Belgien, Holland, Spanien und auch Japan und rechneten mit 60 bis 80 Autoren. Im Juli kam aus Paris Chopin und hielt in Prag einen Vortrag, bei dem er seine phonische Kreation "L'énergie du sommeil" und einen eigenen Film vorstellte.

Nach den Ferien erschienen in einer Auflage von 1200 Exemplaren im Verlag Mladá fronta die Texte Heißenbüttels [Texty] und waren am selben Tag vergriffen, wovon sich auch Mayer überzeugen konnte, der damals gerade in Prag war, uns seine eigene typographische Serie der "typoems" widmete und Beiträge für eine geplante Ausstellung "Typovisuelle Komponenten in der avantgardistischen Poesie" suchte. Von Bense erhielten wir kurze Zeit später eine offizielle Einladung zu der Ausstellung, die Anfang des kommenden Jahres veranstaltet werden sollte.

Im November kam erstmals auch Helmut Heißenbüttel nach Prag und eröffnete in der Galerie auf dem Karlsplatz die Ausstellung seines Freundes Koehler. Im Rundfunk wurde ein Interview mit ihm aufgenommen und wir besuchten selbstverständlich gemeinsam den Verlag, einige Redaktionen und Ateliers unserer Künstlerfreunde.

Wir waren inzwischen zu vielen Ausstellungen der Visualpoesie eingeladen - nach Amerika, Spanien, Mexiko, England, - konnten aber an den meisten wegen der riesigen Anhäufung von Arbeit an Ubersetzungen, Vorträgen, Anthologien und eigenen Texten nicht teilnehmen.

Nach einem weiteren Besuch Chopins im März 1966 beschlossen wir, in der Prager poetischen Weinstube Viola einen Abend mit experimenteller Posie zu veranstalten und benannten ihn nach einem akustischen Text Jandls "Bestiarium". Wir führten da die "Crirythmes" von Dufrêne, "Lautgedichte" von Mon, "L'énergie du sommeil" von Chopin, Heidsiecks "poème-particions", Garniers "Sprechaktionen", Döhls "Märchen" und Nováks "Samohlásky" auf.

Im Sommer brachte Garnier eine neue Sache in Gang, einen detalliert dokumentierten Band mit dem Titel "Connaisez-vous le spatialisme?", eine Anthologie mit theoretischen Studien und neuen Poesiearten. Gomriger kam zu einem Kurzbesuch nach Prag und wir konnten endlich die Ubersetzung der "teorie textu" [Theorie der Texte] Benses beenden. Sie erschien 1967 mit einem Vorwort von Levý und unseren Anmerkungen im Verlag Odeon. Ein Kapitel aus diesem Buch, "Die Grundlagen der modernen Ästhetik", wurde in unserer Revue "Estetika" veröffentlicht. Den Essay "Text und Kontext" nahmen wir in die Anthologie theoretischer Arbeiten "Zur Ästhetik der technischen Kultur" (4) auf.

Die Herbsteinladung der Darmstädter Akademie für Sprache und Dichtung war großzügig bemessen. So konnten der Redakteur des Verlags Mladá fronta, Kafka, und wir diese Einladung auch zu einem Besuch in Stuttgart ausnutzen, wo wir wieder im Hause Döhls Aufnahme fanden. Wir besuchten die Galerie der Edition Mayer, in der gerade das Alphabet "abfhilnouvxyz" von Siegfried Cremer ausgestellt wurde, den Buchhändler und Galeristen Wendelin Niedlich und den Sammler Hanns Sohm in Markgröningen, wo wir die umfassenden Sammlungen der konkreten und visuellen Poesie, der Fluxus- und Happening-Bewegung bewunderten (5). Den letzten Abend vor der Abreise verbrachten wir in Botnang mit Heißenbüttel und Döhl.

Schmidt teilte uns aus Karlsruhe mit, daß das nächste europäische Augustforum in Alpbach zum Thema "Macht-Recht-Moral" stattfinden solle. An ihm wollte Hiršal allein teilnehmen, 1968 auch Bohumila Grögerová. Zu dieser Zeit begannen sich jedoch auf unserer politischen Bühne Szenen abzuspielen, denen wir zuerst keine Aufmerksamkeit schenkten, die für uns alle allerdings umwälzend und schicksalhaft werden sollten.

Im Februar 1968 eröffnete Hans Peter Riese im Nürnberger Museum für moderne Kunst die Ausstellung "Konstruktive Tendenzen aus der Tschechoslowakei", in der auch viele unserer Freunde vertreten waren. Am anderen Ende der Welt, im amerikanischen Bloomington in Indiana, fanden den ganzen Februar über eine Reihe von Vorträgen, Ausstellungen, Konzerten, Aktionen und Autorenlesungen statt - alles im Namen der konkreten Poesie, Musik und Computergraphik. An diesen Veranstaltungen war auch unsere Gruppe, Jirí Kolár, Ladislav Novák, Václav Havel, Jirí Valoch und wir zwei, beteiligt.

Im März erschien endlich in den Buchhandlungen unsere Anthologie "experimentální poezie" [Experimentelle Poesie]. Statt der Autorenhonorare verschickten wir Autorenexemplare, der Rest war schnell restlos vergriffen.

Das Kulturgeschehen trat jedoch in den Hintergrund. Ausstellungen und Vorträge wurden nurmehr sporadisch besucht, dafür fanden immer mehr Treffen mit Politikern statt. Bedeutende Umwandlungen brachte auch die Plenarsitzung des Verbands der tschechoslowskischen Schriftsteller. Während die Wahl zum neuen Staatspräsidenten lief (nach dem zurückgetretenen Antonin Novotný wurde es Ludvík Svoboda), nahmen wir in Nürnberg am Kolloquium "Denkprinzip Collage" teil, zu dem uns der ehemalige Leiter der Kunsthalle Baden-Baden und jetzige Direktor des Instituts für moderne Kunst, Mahlow, eingeladen hatte. Weitere Teilnehmer waren Mon, Eberhard Roters, Bremer, Tadeusz Kantor, Klaus Hashagen und andere. Aus Nürnberg fuhren wir nach München zu Konrad Balder Schäuffelen und beteiligten uns an einer Lesung von Texten Heißenbüttels.

Fast gleichzeitig erschien nach vielen Komplikationen im Verlag Ceskolovenský spisovatel unsere Sammlung "JOB-BOJ" und im Verlag Mladá fronta ein weiterer Band mit Texten Heißenbüttels, "Prohlášení nosorozce" [Die Erklärung des Nashorns]. Gleich nach Erhalt der Druckfahnen kam Heißenbüttel nach Prag, machte ein Interview für den Rundfunk und nahm bei uns zu Hause einige seiner Texte auf. Kurz danach trafen wir ihn wieder in Karlsruhe auf einem von Schmidt organisierten Symposium, das von einer Ausstellung der Collagen Kolar' und Autorenlesungen (Heinz Gappmayr, Rühm, Peter Weiermair u.a.) umrahmt war. Wie bei anderen Veranstaltungen dieser Jahre erzielten unsere "Variationen auf einen Satz von Josef Stalin" trotz ihrer Länge nicht nur einen Heiterkeitserfolg.

Die Arbeit wuchs uns über den Kopf, machte aber immer weniger Spaß, da wir uns kaum noch auf sie konzentrieren konnten. Die Spannung der Tage und Wochen spürte man immer stärker, in allen Richtungen. In dieser Atmosphäre lud uns Döhl mit einem formalen Schreiben zu den Tagen für "Neuen Literatur in Hof" ein und präzisierte das Datum auf Oktober. Vorher erwartete uns aber noch das Forum in Alpbach, wohin wir gemeinsam am 16. August fuhren. Und dort überraschte uns der Einmarsch der sowjetischen Truppen. Aus Alpbach übersiedelten wir nach Wien, wohin unsere Familien nachkamen. Eine unschätzbare Hilfe gewährten uns die "Österreichische Gesellschaft für Literatur" und deren Direktor Wolfgang Kraus. In diesen schweren Tagen, wo wir uns entscheiden mußten, ob wir nach Hause zurückkehren oder emigrieren sollten, wußten wir den guten Willen und die finanzielle Hilfe unserer Freunde Döhl, der nach Wien kam, um uns nach Stuttgart zu holen, Schmidt, der uns eine Anstellung anbot, Jandl und Friederike Mayröcker, die uns in Wien auf alle erdenklichen Arten halfen, außergewöhnlich zu schätzen. Bohumila Grögerová kehrte schließlich als erste nach Prag zurück, während Hiršal noch die Frankfurter Buchmesse, die Documenta in Kassel besuchte und an den Tagen für "Neue Literatur in Hof" teilnahm. Auf Initiative der Gruppe 47 fand im November unter der Schirmherrschaft der Gesellschaft Pro Helvetia ein Treffen tschechischer und slowakischer Schriftsteller mit Peter Bichsel, Friedrich Dürrenmatt, Max Frisch, Günther Grass, Uwe Johnson und anderen im Schweizer Rischlikon statt.

Mitte Januar 1969 trafen wir - aus Prag (Bohumila Grögerová) bzw. direkt aus Wien kommend (Hiršal) - in Nürnberg wieder zusammen und fuhren weiter nach Stuttgart, wohin wir wie im Vorjahr von Döhl offiziell zu einem Übersetzerkolloquium eingeladen waren. Selbstverständlich besuchten wir bei dieser Gelegenheit Bense und Elisabeth Walther, die mit Ludwig Harig zu Benses 60. Geburtstag statt einer Festschrift die Anthologie "muster möglicher welten" vorbereitete, zu der wir gerne unseren Beitrag versprachen.

Trotz der unerfreulichen Zukunftsaussichten machten wir mit Döhl eine reiche Zusammenarbeit aus. Im Mánes soll er einen Vortrag über den Dadaismus halten. Bohumila Grögerová übersetzte eines seiner experimentellen Hörspiele und Hiršal arrangierte ein Rundfunkinterview. Kafka organisierte die offizielle Einladung. Für den Verlag Ceskolovenský spisovatel hatten wir als weitere gemeinsame Arbeit eine Anthologie der Nonsens-Poesie mit einer Studie von Döhl und in seiner Auswahl vorgeschlagen. Döhl vermittelte uns die Möglichkeit, mit dem Hessischen (Grögerová: "Zweiäugiges Wortspiel") und mit dem Westdeutschen Rundfunk zusammenzuarbeiten, für den wir die Collage "Lunovis" schrieben (die Döhl 1970 aus Prag hinausschmuggelte). Für Döhl wiederum ergab sich die Möglichkeit, mit dem Experimentalstudio des tschechischen Rundfunks, welches in Liberec [Reichenberg] errichtet wurde und an dessen Arbeit wir uns gleichfalls beteiligten, zusammenzuarbeiten.

Mitte März kam Döhl tatsächlich nach Prag, wo er am 18.3. seinen Vortrag "Uber das Wesen des Dadaismus" hielt und Hiršal in einem Rundfunk-Interview Rede und Antwort stand. Natürlich lernte er bei dieser Gelegenheit, oft im Café Slavia, auch unsere Freunde Kolár, Novák, Havel, Jirí Valoch u.a. persönlich kennen, besuchte mit uns die Ateliers von Kolár, Bela Kolárová, Karel Trinkewitz u.a., diskutierte mit Vratislav Effenberger über Karel Teige, für den sich Döhl im Rahmen seiner Forschungen interessierte (6), und nahm auch an manchen der damals häufigen politischen Sitzungen als interessierter Zuhörer teil.

Da man nach Prag erstaunlicherweise immer noch frei reisen konnte, kamen Koehler, Henneberg, Schäuffelen, Gerhard Rühm und andere. Im Juni war Hiršal auf Einladung Höllerers Gast des "Literarischen Kolloquiums" in Berlin. Bei einem weiteren Besuch in Prag lud uns Klaus Henneberg erneut zu den Tagen für "Neue Literatur in Hof" ein und schloß einen Vertrag mit Zdenek Barborka und Bohumila Grögerová für eine Edition in seinem neuen Verlag. An den "Tagen für neue Literatur" beteiligten wir uns im Oktober gemeinsam mit Kolár und versäumten nicht, auf paar Tage nach Stuttgart zu kommen.

Kaum waren wir wieder in Prag, wurde die westliche Grenze für die tschechoslowakischen Bürger fast hermetisch gesperrt. Das bedeutete auf lange Jahre das Ende unseres ganzen Reisens.

Im November 1969 kam Döhl ein weiteres mal nach Prag, um in der Viola bei der szenischen Realisation von "Zed" [Die Mauer] anwesend zu sein und den Vertrag für eine Anthologie der Nonsens-Poesie mit dem Verlag Ceskolovenský spisovatel zu unterschreiben. Im Dezember weilten noch auf Einladung des Verbands der tschechoslowakischen Schriftsteller Jandl und Friederike Mayröcker in Prag. Wir dagegen mußten unsere Einladungen ins Ausland - und es kamen damals sehr viele - jetzt leider immer ablehnen. Als wollten sie uns helfen und in unserer Hoffnung, daß die politischen Umwandlungen den Kulturbereich nicht beträfen, unterstützen, kamen noch während des Jahres 1970 viele Freunde: Harig, Schmidt, Claus Reichert, Mahlow, Henneberg und zwei- oder dreimal Döhl, einmal mit Frau Ada Struve vom Stedelijk Museum in Amsterdam, an dessen Wanderausstellung "klankteksten / ? konkrete poëzie / visuele teksten" (Amsterdam, Antwerpen, Stuttgart, Nürnberg, Liverpool, Oxford 1970/ 1971) wir uns noch beteiligen konnten. Döhl sorgte auch dafür, daß Arbeiten unserer Gruppe in repräsentativer Auswahl in den von ihm mitverantworteten Ausstellungen "text buchstabe bild" (Helmhaus Zürich, 1970) und "Grenzgebiete der bildenden Kunst" (Wanderausstellung der Staatsgalerie Stuttgart, 1972/3) in repräsentativer Auswahl vertreten waren. Zu all diesen Ausstellungen erschienen umfangreiche Kataloge.

Ende des Jahres 1970 hatte sich dagegen in unserem Kulturbereich die Lage rapide verschlechtert. Der Verlag Ceskolovenský spisovatel war der erste, der den Vertrag über den Sammelband der Nonsens-Poesie mit uns löste, im nächsten Jahre folgten weitere Verlage. Insgesamt 13 Verträge wurden annulliert. Es paßten weder unsere Namen, noch die Titel, die wir herausgeben wollten, denn sie entsprachen der herrschenden sozialistisch realistischen Doktrin nicht. Die Informationsquellen und auch die Staatsgrenze blieben für uns hermetisch geschlossen, die Postsendungen wurden kontrolliert, die Reisedokomente beschlagnahmt. Nach der Unterschrift der "Charta 77" war Hiršal Polizeiverhören ausgesetzt. Die gesamte Publikationstätigkeit wurde uns sowie vielen unserer Freunde - Schriftstellern, Dichtern, Theoretikern und auch bildenden Künstlern - verboten. Es blieb nur die Möglichkeit, Übersetzungen der Klassiker unter fremden Namen zu publizieren. Damit war vor allem für die Redakteure der Verlage, Zeitschriften oder des Rundfunks das Risiko des Berufsverlustes verbunden.

In den Jahren des Publikationsverbots konzentrierten wir aus ethischen Gründen unsere Arbeit eher auf das Schreiben von Memoiren in einer Collageform, die dafür einigermaßen unüblich war. Durch die Konfrontation von Aufzeichnungen und Dokumenten wollten wir ein Zeugnis über die kulturelle Lage bei uns bieten. Obwohl sie nicht offiziell erscheinen durften, wurden diese Memoiren maschinenschriftlich in einigen Auflagen des legendären Samisdats herausgegeben, vor allem das gemeinsame "Let let - pokus o rekospitulaci" [Der Flug der Jahre - Versuch um eine Rekapitulation], den Zeitraum vom Jahr 1952 bis Ende 1968 festhaltend. Etwas gekürzt ist das Werk nach der Revolution 1989 in 3 Bänden erschienen (7) und liegt, noch einmal gekürzt, inzwischen auch in deutscher Übersetzung vor (8). Auch Hiršals "Vínek vzpomínek" wurde zunächst als Samisdat verbreitet, bevor es 1989 in London und ein Jahr später auch zu Hause herauskam, genauso wie auch sein "Písen mládí", welches 1988 im tschechischen Exilverlag in Toronto und nach 1989 auch im Prager Verlag Odeon publiziert wurde. Unter dem Titel "Bohême bohème" erschien das Buch in französischer Übersetzung im Pariser Verlag Albin Michel und wurde mit dem Preis "Laure Bataillon" ausgezeichnet. Die deutsche Übersetzung "Böhmische Boheme" brachte der Salzburger Residensverlag heraus, eine amerikanische bereitet die Northwest University Press in Chicago vor.

Erst nach der Revolution konnten endlich auch unsere Ubersetzungen der Gedichte Jandls, eine große Artmann-Auswahl und unsere gemeinsamen Prosa-Dichtungen "Trojcestí", bestehend aus "Preludium" [Präludium] - "Mlýn" [Mühle] - "Kolotoc" [Ringelspiel, Karussel], Buch werden. Die "Mühle" wurde separat auch in deutscher Übersetzung 1991 im Residenzverlag ediert. Fast für einen Wunder hielten wir das Erscheinen einer Anthologie tschechischer Experimentalpoesie, "Vrh kostek" [Der Würfelwurf], die auf ihre Veröffentlichung 27 Jahre warten mußte (9). Damit sie sich von ähnlichen Publikationen internationaler Provenienz unterschied und das Spezifikum jedes einzelnen Autors klar zum Audruck kam, hatten wir nicht nur eine genügende Anzahl von Textproben versammelt, sondern jeden der Dichter aufgefordert, seine Kreationen mit eigener Methodologie, Typologie und Arbeitsanalyse vorzustellen. Der Sammelband war also endlich heraußen, obwohl seine 12 Autoren inzwischen in alle Richtungen verweht waren. Valoch lebt als bekannter Kunsthistoriker in Brünn, Ladislav Nebeský ist Mathematikprofessor an der Prager Universität geworden, Jindrich Procházka ist Patient einer psychiatrischen Klinik, Bohumila Grögerová schreibt und übersetzt weiter, Bela Kolárová fotografiert und stellt ihre Collagen aus kleinen Gegenständen aus, Zdenek Barborka, Vladimír Burda und Josef Honys sind tot, Novák ist nicht nur im Inland als Dichter und Künstler bekannt geworden, Emil Juliš, Kolár und Hiršal sind Träger des größten tschechischen Literaturpreises, des Jaroslav Seifert-Preises, Hiršal auch Träger des Staatspreises der Tschechischen Republik für Übersetzer. Kolár, der jetzt in Paris lebt, ist darüber hinaus ein international anerkannter Künstler.

Obwohl sie in dieser Anthologie, deren Inhalt zu erweitern der Verlag nicht ermöglicht hat, nicht vertreten sind, wäre es ein Unrecht, in der Aufzählung der tschechischen Autoren und Theoretiker der konkreten Poesie einige weitere Namen nicht zu nennen. Es sind dies vor allem Karel Milota, Theoretiker, Dichter und Schriftsteller, Trinkewitz, Schriftsteller und Künstler, der heute in Hamburg lebt und mit Döhl mail-art-Kontakt hält, ferner Karel Adamus und die Künstler Eduard Ovcácek und Miloš Urbásek, deren gemeinsame Austellung mit Ladislav Novák und Klaus Warmuth Döhl bereits 1965 in der Galerie Ruth Nohl in Siegen und 1966 im Frankfurter Club Voltaire eröffnet hatte.

Ein Sonderkapitel sind die "Antikode" Havels, denn da war der Dichter Havel dem Dramatiker Havel und um viele Jahre auch dem Staatspräsidenten Havel voraus. Seine Sammlung, das erste Mal 1966 und das zweite Mal 1994 mit einem Vorwort Hiršals erschienen, unterschied sich in vielen Richtungen von den künstlerischen Resultaten anderer Autoren der tschechischen Experimentalpoesie. Mit diesen steht die Sammlung vor allem im formalen Zusammenhang. Die Typogramme Havels stützen sich im wesentlichen auf die rationalen Systeme, Mathematik, Logik und Grammatik. Trotz dieses objektiven, häufig wissenschaftlichen Prinzips steht hinter jedem der Texte ein starkes und unverwechselbares Autorbewußtsein des gesellschaftlichen Engagements. Weiteres ist inzwischen möglich geworden. An Stelle der in den 60er Jahren nicht zustande gekommenen Anthologie der Unsinnspoesie konnten wir mit Unterstützung des Tschechischen Kulturministeriums 1997 eine eigene vorlegen: "Nonsens. parafráze. paberky. parodie. padelky" (10). Das "Pámatník Národního Písemnictví" [Museum für Tschechische Poesie] veranstaltete eine umfassende Ausstellung "Básen. Obraz. Gesto. Zvuk. Experimentální poezie 60.let" [Gedicht. Bild. Ausdruck. Laut. Experimentelle Poesie der 60er Jahre] mit tschechischen und internationalen Beiträgen, dokumentiert durch einen umfassenden Katalog und Kommentare von Havel, Josef Hlavácek und von uns (11). Diese Ausstellung stieß auf ein erstaunlich großes Interesse, wurde ausführlich gewürdigt und erweckte neues Interesse an der ganzen konkreten und experimentellen Poesie. Die Sprach-, Kunst- und Literaturwissenschaftler der jüngeren Generation beabsichtigen, die konkrete Poesie im ganzen neu - auch theoretisch - zu studieren und ihre Ergebnisse zu publizieren. Das freut uns selbstverständlich, weil unsere Arbeiten zu der ins Vergessen gefallenen und zum Schweigen gebrachten Kulturperiode 1948-1989 gehören.

Und außerhalb? Im Juli/August 1994 organisierte Döhl, der jetzt auch wieder häufiger zu Vorträgen und gemeinsamen Auftritten (Goethe-Institut; Österreichisches Kulturinstitut) nach Prag kommt, mit Bezug auf unsere Anthologie "Vrh kostek" bei Buch Julius in Stuttgart die umfangreiche Austellung "Experimentale Poesie aus Tschechien", zu deren Eröffnung wir aus der gerade in Übersetzung erschienenen "Mühle" lasen. Wie wir es bewerten sollen, daß in keiner der Stuttgarter Zeitungen, sondern nur in der "Böblinger Zeitung" eine Besprechung dieser Ausstellung erschien, wissen wir noch nicht. Am 9./10. September 1994 nahmen wir im Wilhelmspalais am "Symposium Max Bense (I. Semiotik und Ästhetik / II. Ungehorsam der Ideen / III. Wirkungen)" teil. Im November 1994 veröffentlichten wir "Prazský rozhovor s Reinhardem Döhlem" in "Literární noviny", wo jetzt auch sein den tschechischen Freunden gewidmetes, in tschechischer Sprache geschriebenes "Abeceda. Slovníkové básne" erschienen ist. 1995 schrieben wir mit an dem von Stuttgart ausgehenden internationalen Renshi "Auf der nämlichen Erde", 1996 waren auf der mail-art-Ausstellung "Reinhard Döhl und Freunde" im Stuttgarter Wilhelmspalais auch die tschechischen Freunde gebührend beteiligt. Und bei den internationalen Internetprojekten "Epitaph Gertrude Stein" (vernetzt mit der Ausstellung "Memorial Gertrude Stein" bei Buch Julius), der Hommage auf und dem Epilog für unseren Freund Helmut Heißenbüttel ("H_H_H"; "Epilog") haben wir selbstverständlich ebenso gerne mitgewirkt wie am "Poemchess" von 1997.

Wir sind der Meinung, daß für alle Autoren der tschechischen Experimentalpoesie Emil Juliš sprechen kann, dem wir damit das letzte Wort geben:

Die Experimentalpoesie ist ein hyperbolischer Versuch, der Sprache der Musik oder der abstrakten Kunst nahe zu kommen, doch sie hat ihre Besonderheiten. Sie kann keine paradiesische Sprache werden. Es steht hinter ihr die mitteilbare Sprache, als ein Erzengel mit Flammenschwert. Uber die Zwecklosigkeit, das Nichtberechtigtsein dieser Poesie zu sprechen ist naiv, ist borniert. So könnte man nicht einmal auf dem Mond landen. Der Blick in den Kosmos erweckt Erstaunen, das Gefühl des Endlosen Schauders. Doch es geht nicht nur um das Kennenlernen des Menschen und des Weltalls, sondern darum, die Erkenntnis und sämtliches Wollen zu vergessen und ein selbstverständlicher Bestandteil der Welt wie ein Embryo im Fruchtwasser zu sein. Aus der finsteren Höhle der Sprache herauszugehen, das Gesicht aus dem Sumpf, aus der Angst zu heben und zu der harmonischen Ständigkeit der veränderlichen Wortwolken emporzublicken. Die Freiheit durch Freiheit zu schenken.

Anmerkungen

  1. Weitere Ausgaben: Christian Morgenstern: Šibenicní písne. Praha: Státní nakladatelství krásné literatury, hudby a umení 1958; Christian Morgenstern. Palmström a Palma Kunkel. Praha: Mladá Fronta 1964.; Christian Morgenstern. Beránek mesíc. Praha: Státní nakladatelství krásné literatury a umení 1965; Christian Morgenstern: Bim Bam Bum. Praha: Ceskoslovenský spisovatel 1971; Christian Morgenstern: Beránek m_síc. Praha: Odeon 1990.
  2. Zit. nach Abraham A. Moles: Erstes Manifest der permutationellen Kunst. rot 8. Stuttgart o.J., S 1 f. Eine Übersetzung des Manifests publizierten wir in "slovo, písmo akce, hlas", siehe Anm. 3.
  3. 1967 ist die Anthologie mit einem Nachwort Levýs unter dem Titel "slovo, písmo akce, hlas. k estetice kultury technického veku" als 63. Band der Reihe "Otázky a názory" erschienen, mit Beiträgen von Heißenbüttel, Bense, Döhl, Gomringer, Moles, Augusto und Haroldo de Campos, Garnier, Seiichi Niikuni, Hausmann, Chopin, Mon, Dufrêne, Carlfriedrich Claus, Kriwet, Kolár, Maciunas und anderen.
  4. Siehe Anm. 3.
  5. Die heute in der Staatsgalerie Stuttgart archivierte Sammlung Sohms umfaßt auch wichtige Beispiele tschechischer experimenteller Literatur und Kunst.
  6. Ein erster Band der gesammelten Schriften Karel Teiges (Karel Teige. Výbor z díla I. Svet stavby a básne. Studie z dvacátých let) war 1966 im Verlag Ceskoslovenský spisovatel erschienen, ein zweiter wurde zwar noch gedruckt aber nicht mehr ausgeliefert.
  7. Let Let. Pokus o rekapitulaci Bd 1. Praha: Rozmluvy 1993; Let Let. Pokus o rekapitulaci Bd 2, 3. Praha: Mladá fronta 1994.
  8. Let Let. Im Flug der Jahre. Geleitwort: Václav Havel. Graz: Literaturverlag Droschl 1994.
  9. Praha: Torst 1993.
  10. Praha: Mladá fronta 1997.
  11. Zimní refektár Strahovského kláštera, 10.3.-2.6.1997.