Julia Schlang: Carpe Diem - Ein Vergleich - Horaz und Christian Morgenstern

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Prooemium

Chaque lecture n'est jamais qu'un parcours possible, et d'autres chemins restent toujours ouverts.

Jean Pierre Richard


Es gibt viele Möglichkeiten eine Lektüre, ein Gedicht oder einen Text zu verstehen. Meine Interpretation ist eine Lösung von vielen. Jeder mag eine andere Auffassung von den Gedichten haben, denn nichts ist so vielfältig wie die Literatur selbst.

Aufgabe war es, die Aussage "Carpe diem" (Nutze den Tag) aus dem ersten Odenbuch des Horaz' sowie in der Travestie des Dichters Christian Morgenstern aus "Horatius travestitus" zu untersuchen. So habe ich zuerst die Lebensläufe der Verfasser beleuchtet, mich den Werken und der Zeitepochen in denen sie geschrieben worden sind, gewidmet. Dadurch habe ich herausgefunden, unter welchen Umständen die Autoren gelebt haben und was zu der jeweiligen Lebenszeit modern war. Elemente der eigenen Biographie spiegeln sich nämlich auch häufig in den verfassten Schriften wider. Dann habe ich den Inhalt beider Gedichte verglichen und bin sowohl auf das Metrum als auch auf die äußere Form der Gedichte eingegangen und habe dann schließlich nach Stilmitteln gesucht, die die beiden Schreiber benutzt haben. So konnten Parallelen zwischen Metrum und Inhalt verglichen und differenziert werden. Als Schlussfolgerung konnte dann mit der Interpretation der Oden begonnen werden.


Comparatio vitarum

Curriculum vitae

bei Horaz

Quintus Horatius Flaccus wird am 8. Dezember 65 v. Chr in Venusia (Venosa), einer Militärkolonie im süditalienischen Apulien, geboren. Dort lebt er mit seinem freigelassenen Vater auf einem Landgut. In seinen Werken spricht Horaz mit viel Liebe und Ehrfurcht über seinen Vater. Die Mutter ist wahrscheinlich bereits sehr früh verstorben, da er sie nie erwähnt. Horaz und sein Vater ziehen bald nach Rom, wo der Vater den Beruf des "coactoris" (Einkassierer) übernimmt, um seinem Sohn eine angemessene Schulausbildung ermöglichen zu können. Beim Thema der Schulausbildung erwähnt Quintus Horatius häufig seinen Lehrer Orbilius, den er als "plagosus" (prügelsüchtig) bezeichnet und der ihm eine Abneigung gegen altlateinische Literatur vermittelt. 45 v. Chr. reist Flaccus, was soviel wie Schlappohr bedeutet, nach Athen um Griechisch zu lernen. Ein Jahr später tritt Horaz in das Heer zur Rettung der "libera res publica" des M. Iunius Brutus ein, der 44 v. Chr. Caesar ermordete, und wird Militärtribun, ein hoher militärischer Rang. Nachdem die Republikaner, also das Heer des Brutus, 42 v. Chr. bei Philippi (Horaz, Oden und Epoden, Lateinisch/Deutsch, carm. 2,7) durch die Heere des Octavian und des M. Antonius geschlagen worden sind, flüchtet Horaz und kehrt durch die Amnestie (Strafbefreiung durch Gesetzeserlass) der Sieger nach Rom zurück. Der Vater ist inzwischen gestorben und so wird der Besitz des Vaters vom Triumvirat (Herrschaft dreier Männer im antiken Rom) konfisziert, so dass Horaz sich nun selbst um seinen Unterhalt kümmern muss und sich eine Stelle als "scriba quaestorius" (Schreiber) bei der Staatskasse kauft. Die Verbitterung über die politische Situation bringt ihn 38 v. Chr. zum Dichten und er zieht bald die Aufmerksamkeit von Asinius Pollio (Horaz, Oden und Epoden Lateinisch/Deutsch, carm. 2,1) und M. Valerius Messalla auf sich, sowie das Interesse der berühmten Dichter L. Varius Rufus und P. Vergilius Maro, die ihn, angetan von Horaz? Können, dem reichen Förderer C. Cilnius Maecenas vorstellen. Innerhalb kurzer Zeit wird Horaz in den sogenannten Maecenaskreis aufgenommen und begleitet Maecenas ein Jahr später auf eine Reise nach Brundisium (Brindisi). Maecenas schenkt seinem Zögling, nachdem dieser sein erstes Satirenbuch vollendet hatte, ein Landgut in der Nähe von Tibur (Tivoli) das sogenannte "Sabinum" in der Sabiner Bergen, so dass Horaz keine weiteren finanziellen Sorgen mehr zu haben braucht und sich sehr darüber freut. Maecenas macht ihn mit Kaiser Augustus, dem früheren Oktavian, bekannt, den Horaz bald als den Grund für die Renaissance der römischen Macht sieht. Kaiser Augustus, der Horaz eine Stelle als Privatsekretär anbietet, merkt schnell, dass sich der Dichter nicht kaufen lässt. Dennoch erhält Quintus Horatius die Auszeichnung "Poet lauretate" von ihm, was eine Dichterkrönung mit Lorbeeren ist. Am 27. November im Jahre 8 v. Chr. stirbt Quintus Horatius Flaccus nach einem ruhigen Lebensabend auf seinem Landgut in den Sabiner Bergen und wird neben seinem Freund Maecenas, der kurz vor ihm verstorben ist und dem er sich sehr verbunden fühlt (Horaz, Oden und Epoden Lateinisch/Deutsch, carm. 2,17), auf dem Esquilin-Hügel in Rom beigesetzt.


bei Morgenstern

Christian Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 in München geboren. Als er 10 Jahre alt ist, stirbt seine Mutter an einem Lungenleiden. Sein Vater zieht mit ihm nach Starnberg und schickt seinen Sohn nach Hamburg zu seinem Onkel und später in ein Internat in Landshut, wo es ihm nicht gefällt. Nach zwei Jahren zieht Morgenstern zurück zu seinem Vater nach Breslau, wo er das Maria-Magdalena-Gymnasium besucht. Seine Ausbildung wird jedoch von seinem Vater unterbrochen, der eine militärische Ausbildung seines Sohnes bevorzugt, wofür dieser jedoch ungeeignet ist. So studiert Morgenstern zunächst Nationalökonomie in Breslau, muss dies jedoch schnell wieder abbrechen, da er an Tuberkulose erkrankt, die ihn Zeit seines Lebens zu Kuraufenthalten zwingt. Er erholt sich in Bad Reinerz. Später nimmt er das Studium wider auf und studiert zusätzlich Archäologie und Kunstgeschichte. Im Alter von 23 Jahren zieht er nach Berlin und arbeitet in der Nationalgalerie. Wenig später lernt er den Friedrichshagener Kreis kennen. Der Friedrichshagener Kreis ist ein Zusammenschluss von Schriftstellern des Naturalismus. Diesem Kreis gehören Friedrich Bölsche, Bruno Wille und die Brüder Hart an und machen den jungen Morgenstern in Berlin bekannt. Durch die Kontakte, die er durch sie knüpft, schreibt er Berichte und Glossen für Kulturzeitschriften. Morgenstern ist begeistert von dieser Gruppe und beginnt das Leben der Bohème, der unkonventionellen Künstlerwelt zu genießen. Er verfasst mehrere Gedichtbände, weshalb es zum Streit mit seinem Vater kommt, der seine literarischen Werke nicht billigt, mittlerweile bereits ein drittes Mal geheiratet hatte und nicht bereit ist, weitere Studiengebühren zu zahlen. Ab 1897 arbeitet er als Übersetzer und als Herausgeber von August Strindberg und Henrik Ibsen. Mit 29 Jahren reist er aufgrund seiner Tuberkulose-Erkrankung zur Erholung in die Schweiz und nach Italien, wo er Szenen für ein Berliner Kabarett entwirft. Ein Jahr später kehrt er nach Berlin zurück, übernimmt die Zeitschrift "Das Theater" und beginnt als freier Mitarbeiter und Lektor für Bruno Cassirer. 1900 gehört er bereits zur extrem antibürgerlichen Künstlerwelt Berlins, das um die Jahrhundertwende als sehr modern und zukunftsweisend galt.

Ab 1905 setzt sich Morgenstern mit Friedrich Nietzsches Werk auseinander, was ihn sehr prägt. 1906 studiert er die Lehre des Buddha. Zwei Jahre später sieht er nach sehr langer Zeit seinen Vater wieder, die Beziehung hat sich aber sehr entfremdet. Morgenstern muss bald erneut ins Krankenhaus, was sich in seinen Werken zeigt, die nun von dem Einfluss der Mystik bestimmt sind. 1909 schließt sich Christian Morgenstern Rudolf Steiner und dessen Kreis an, die über den Begriff der Anthroposophie (Weltanschauungslehre von der Beziehung des Menschen zum Übersinnlichen) diskutieren. Rudolf Steiner hat er durch Margareta Gosebruch von Lichtenstern kennengelernt, die er wenig später in Obermais heiratet. Fortan folgt er Steiner und hört dessen Lesungen. 1912 erhält er eine Auszeichnung der Schiller-Stiftung. Gezeichnet durch seine Krankheit lässt ihn seine Stimme nur noch flüstern und bald darauf stirbt Christan Morgenstern im Alter von 42 Jahren am 31. März 1914 schließlich an den Folgen seiner Tuberkulose-Erkrankung in Meran (Italien) und wird im Goetheanum in Dornach bei Basel beigesetzt.


Gemeinsamkeiten et discrimines

Horaz und Morgenstern ist die Förderung durch ihren Vater gemeinsam. Beide verlieren früh ihre Mutter. Maecenas gilt als Vorbild Horaz', Nietzsche und Steiner als Vorbilder Morgensterns. Während Horaz Militärtribun in Griechenland war, empfand sich Morgenstern für ungeeignet dem Militär beizutreten. Der deutsche Morgenstern und auch der apulische Horaz schaffen vielfältige Werke, die sowohl humoristische als auch ernste Stimmungen erzeugen. Christian Morgenstern, der von seiner schweren Krankheit geprägt ist und der auf die Hilfe anderer angewiesen ist, steht im Gegensatz zu Horaz', der durch Maecenas' Förderung bald Ruhm erlangt.


Opera

bei Horaz

35 und 30 v. Chr. veröffentlicht Horaz zwei sehr umgangssprachliche Satirenbücher, die er sermones (Gespräche) nennt. Als einziges Werk Horaz? haben sie keinen griechischen Vorreiter. Satiren sind somit eine römische Erfindung. Das erste Buch enthält unter anderem eine Selbstbiographie, das zweite Buch klagt damalige Missstände und Maßlosigkeiten an. 30 v. Chr. erscheinen zudem 17 Epoden (Nachgesänge), nachdem Maecenas ihn überzeugt hatte, diese zu veröffentlichen. Der Verfasser selbst bezeichnet diese mit dem Begriff iambi (Jamben). Darin schreibt Horaz sehr persönlich über seine Auffassung der politischen Lage Roms. Die ersten drei Odenbücher Horaz? werden 23 v. Chr. publiziert, die auch carmina (Gedichte, Lieder) genannt werden. Der Inhalt ist sehr verschieden: neben Liebes - und Weinlieder treten ebenso Gedichte mit politischem Inhalt auf. Das erste Buch beginnt mit einer Widmung an Maecenas, das zweite Buch mit der Widmung an seinen Freud Asinius Pollo und das dritte Buch umfasst die berühmten Römeroden, die im alkäischen Versmaß verfasst wurden. Drei Jahre später kommen die Episteln (Briefe) heraus. Mit diesen beiden Büchern schafft Horaz die Gattung des poetischen Briefes, wobei es um Lebensweisheiten und die Entwicklung der Lyrik geht. Auf den Wunsch Kaiser Augustus? hin, verfasst er 17 v. Chr. das "carmen saeculare", um den Beginn des neuen Jahrhunderts zu feiern, da damals eine andere Zeitrechnung galt. Außerdem schreibt er noch ein viertes Odenbuch, in dem er von den Taten von Kaiser Augustus? Stiefsöhnen erzählt.


bei Morgenstern

Während Christian Morgensterns Schulzeit in Breslau entstehen seine ersten Gedichte. Nach seinem Umzug nach Berlin schreibt er mehrere Zeitungsartikel und publiziert mit seinen Freunden die kritische Kulturzeitschrift "Deutscher Geist". 1895 verfasst er auf Helgoland und Sylt "Horatius travestitus" und "In Phantas Schloss", worin Morgenstern sich an Arno Holz orientiert, ein Jahr später "Weltkobold". 1897 erscheint "Auf vielen Wegen" und wenig später "Ich und die Welt". Es folgen "Ein Sommer", "Und aber ründet sich ein Kranz". 1903 gibt er in Berlin die Zeitschrift "Das Theater" heraus. Im Sanatorium entstehen 1905 "Galgenlieder" und das "Tagebuch eines Mystikers", bald darauf auf einer Reise in die Alpen "Melancholie", das leicht depressiv wirkt und er distanziert sich danach von der Philosophie Nietzsches. Nach seiner Hochzeit publiziert er das bekannte und sehr ernste "Palmström" und "Einkehr", in denen Morgenstern sich vom Johannesevangelium begeistert zeigt, und "Ich und Du". 1914, kurz vor seinem Tod, veröffentlicht er "Wir fanden einen Pfad".


Historische Einordnung der Gedichte

bei Horaz

Horaz ist einer der wichtigsten scriptor und poeta der Antike, der bekannteste auctor Roms und zugleich der erste bedeutende Satiriker, eius operum Bestand haben. Er griff Maßlosigkeiten und raue Umgangsformen an und zeigte erste Formen der Literaturkritik auf. Horaz lebte zur Zeit der sogenannten "Goldenen Latinität", als die lateinische Sprache in Mode kam, das größte Ausmaß erlangte und somit ein kunstvolles Ausdrucksmittel darstellte. Er lebte zur Zeit des Kaiser Augustus, der vieles zu erneuern und zu revolutionieren versuchte

Der Apulier zeigt sich von der Ästhetik der Griechen angetan. Mit Ästhetik bezeichnet man eine Form der Wissenschaft, die sich der Harmonie von Kunst und Natur sowie der Frage aller Schönheit widmet.

Seine Vorbilder sind Archilochos, Alkaios, Anakreon und Bakchylides. Flaccus ist geprägt von der griechischen Lyrikerin Sappho, die von 650 bis 590 v. Chr. auf der insula Lesbos lebte, und führte deren cogitationis der Odendichtung fort, die er meisterhaft beherrschte. Oden sind formstrenge, feierliche, reimlose Gedichte. Horaz übertrug das griechische Metrum gekonnt in die lateinische Sprache und verwendete immer wieder Elemente der griechischen und römischen Mythologie - so auch in seinem elften carmen (Leuconoe) aus dem ersten Odenbuch (Carpe diem). Die Oden Horaz? enthalten meist Sinnsprüche (Carpe diem) als Moral und Richtungsweiser für alltägliche Probleme, statt dass sie näher auf Gefühle eingehen oder von Liebe und Trauer erzählen. Diese Art der Dichtung war in der römischen Kultur völlig neu.


bei Morgenstern

Morgenstern ist von der Zeit vor und nach der Jahrhundertwende 19./20. Jahrhundert geprägt: durch die Probleme, die das Leben in der Großstadt mit sich bringt (Industrialisierung, soziale Probleme), durch die Politik Kaiser Wilhelms II. (1888-1918), durch die Daily-Telegraph-Affäre, durch die Rolle des Militärs sowie die neuen Erfindungen und Technologien. Man kann feststellen, dass Morgenstern ein Schriftsteller der Berliner Moderne war, die sich hauptsächlich dem Naturalismus verschrieb. Der Naturalismus kommt 1880 in Mode, die Gegenbewegung Impressionismus knapp zehn Jahre später. Der Idee, dass die Poesie frei sein sollte, schloss sich Morgenstern an, als er 1894 nach Berlin kam und auf den sogenannten Friedrichshagener Kreis um Friedrich Bölsche, Bruno Wille und die Brüder Hart traf, die eine Reform des Theaters anstrebten.

Die Zeit des Expressionismus brach 1905 an. Morgensterns Vorbild Friedrich Nietzsche war ein Vertreter dieser Stilrichtung. Expressionisten glauben, dass am Ende der Menschheit das Chaos stehe und die Welt ohne Moral sei. Die Gesellschaft, der Militarismus, die industrielle Entwicklung und die Technologie hatten die Menschen von sich entfremdet. Der Mensch war zu einem Teil einer Maschine geworden. Dies wurde in den expressionistischen Werken Nietzsches deutlich.

In seinen späten Werken (ab 1905) schuf Christian Morgenstern bereits erste Ansätze der Konkreten Poesie. Die Konkrete Poesie fand erst 1950 ihren Höhepunkt und ist die Idee den Sprachwitz in den Vordergrund zu rücken, d.h. optisch und akustisch Worte, Sätze und Strukturen darzustellen. Eine besondere Art der Konkreten Poesie ist die sogenannte Visuelle Dichtung, die durch ihre optische Form einzelne Dinge hervorhebt und somit betont und die ebenfalls von Morgenstern genutzt wurde. Die Form der Travestie verwendet Morgenstern in dem Gedicht über das Horazsche "Carpe diem". Die Travestie ist eine Form der Literatur, die bekannte Stücke, meist Klassiker oder antike Stücke, satirisch-komisch verfremdet.


Argumenta carminorum

bei Horaz

In Horaz' Ode "Carpe diem" geht es um die Vergänglichkeit des Lebens. Der Sprecher des Gedichts redet eine Frau namens Leuconoe an und erklärt ihr, wie Unrecht es sei, die Götter nach dem Zeitpunkt ihres Todes zu befragen, oder zu versuchen in der Astrologie eine Antwort auf ihre Fragen zu finden. Man soll das Beste aus dem unbeeinflussbaren Leben machen und es so annehmen, wie es geschieht - gleichgültig wie viele Winter man noch leben wird. Leuconoe soll sich am Leben freuen, sich amüsieren, ihr Vertrauen auf die nahe Zukunft legen und ihre Hoffnung nicht in die Ferne abgleiten lassen. Den heutigen Tag soll sie genießen, jedoch nicht auf den nächsten Tag vertrauen.


bei Morgenstern

In dem Gedicht Morgensterns aus dem Jahre 1897, das eine Travestie des carmen von Horaz ist, geht es darum, dass man das Schicksal nicht beeinflussen kann, dass Gott für einen bestimmt hat.Der Sprecher des Gedichts bittet eine von ihm geliebte Frau namens Martha, sich keiner Anstrengung mehr auszusetzen oder sich aufzuregen. Das Schicksal der kommenden Jahre sei allein von Gott bestimmt und die verbleibende Zeit bis zum Tod soll genutzt werden. Er empfindet Klagen als unnötigen Aufwand. Die Liebe ist ihm wichtiger. Der Sprecher fordert dazu auf, dass es ihm und Martha gleichgültig sein kann, was nach ihnen geschieht und sie nicht an Folgen denken sollen.


Metrum et schema rimae

bei Horaz

Horaz nutzt in seiner achtzeiligen elften Ode "Carpe diem" das Größere Asklepiadeische Versmaß, wobei jeder Vers aus 16 Silben besteht und man einen Vers in drei Abschnitte einteilt, nämlich nach der sechsten und nach der zehnten Silbe. Im ersten Abschnitt wird die erste, dritte und sechste Silbe betont, im zweiten Abschnitt die erste und vierte und im dritten Abschnitt die erste, vierte und sechste Silbe. In jedem Teil des Verses wird also die erste und letzte Silbe betont. Das Größeres Asklepiadeische Versmaß wurde nur von Horaz verwendet und jenes nur in zweien seiner Gedichte. Die gesamte Ode besteht aus vier Ausrufesätzen.

Eine Ode besteht literarisch aus vier Versen, die Horaz in seinem Gedicht verdoppelt hat. Es tauchen Doppelsenkungen auf und die Hebungen (Jamben) und Senkungen (Trochäen) sind gleichmäßig im einzelnen Vers verteilt. "Carpe diem" ist reimlos.


bei Morgenstern

Christian Morgenstern travestiert Horaz in 14 Sätzen in acht Versen - elf davon sind Ausrufungen. Auch er arbeitet reimlos und schreibt in 16 Silben pro e.


Stilmittel

bei Horaz

Das Wort "tu" zusammen mit dem imperativischen Befehl "ne quaesieris" zu verwenden, ist umgangssprachlich. In diesem Fall soll jedoch besonders die angesprochene Person, nämlich Leuconoe, die mit "tu" gemeint ist, hervorgehoben werden. "Tu" steht am Anfang des Satzes und wird dadurch metrisch und inhaltlich betont. Der Leser wird sofort in den Dialog eingeführt. Durch die Anrede "Leuconoe" lässt Horaz seine Ode lebendiger wirken.

Horaz nutzt aus metrischen Gründen die Kurzformen der Worte "quaesiveris" und "temptaveris" und macht daraus: "quaesieris" und "temptaris". Bei "scire nefas" wurde elliptisch das "est" weggelassen. Auch die Satzteile "quem mihi", "quem tibi" sind denkbar kurz gestaltet und stellen gleichzeitig einen Parallellismus dar: Relativpronomen im Akkusativ Singular plus Personalpronomen im Dativ Singular.

Im zweiten Vers der Ode findet sich der Begriff "nec". "In der klassischen Dichtung galt es als verpönt, nach einem "ne" oder "nefas" ein "nec" zu gebrauchen" (Richard Heinze - Q. Horatius Flaccus - Oden und Epoden, Seite 56), doch auch Plantus und Catull haben diese Form verwendet. Das betonte "ut" ist ein elliptischer Ausruf und verstärkt die Wahrheit des ganzen Satzes. "Pati" ist wahrscheinlich die kürzeste Wortwahl um den Sinn des Satzes wiederzugeben, nämlich "etwas über sich ergehen zu lassen, ohne vorher darüber nachgedacht zu haben. In Vers vier liegt ein Parallelismus vor, denn auf das zusammengehörende "seu-seu" folgt jeweils ein Akkusativ.

"Pluris" steht für "plures" und der Pars pro toto "hiemes" für "annos". Horaz pluralisiert das Wort "vinum" zu "vina", was er häufig mit Worten tut. Eine Antithese kommt im Vers sechs/sieben vor: "spatio brevi spem longam reseces", die den Gegensatz zwischen "brevi" und "longam" verdeutlicht. "Dum" am Satzanfang umfasst hier Gegenwart und Zukunft, wird also doppelt benutzt. Flaccus weiß, um den Bedeutungsunterschied zwischen "fugiet" = wird auf der Flucht sein und "fugerit" = wird entfliehen, doch aus metrischen Gründen entscheidet er sich für "fugerit". Im achten Vers nutzt Horaz den bekannt gewordenen Ausspruch "carpe diem" - hier in der Bedeutung von "nutzen" bzw. "genießen". Diese Übersetzung für das Wort "carpere" kam erst in der Regierungszeit des Augustus auf. Horaz zeigt sich also hier sehr modern. Er verwendet den Ausdruck "quam minimum", welcher von Vergil stammt, nur hier in dieser Ode.


bei Morgenstern

Sowohl Horaz als auch Morgenstern nutzen Anreden und sprechen eine Person an, wobei sie sich gleichzeitig vom Publikum abwenden. In Morgensterns Fall ist dies Martha. Mehrere Inversionen sind in den Ausrufesätzen Morgensterns zu finden, um bestimmte Worte zu betonen. Durch den Wechsel der Wortstellung können so Schwerpunkte gesetzt werden und vorangestellte Worte: "nicht", "beisammen" und "schmecken" betont werden. Dem Satz "Lieber Gott, ob dies Jahr das letzte ist, das beisammen uns sieht, oder ob wir alt wie Methusalem werden:" fehlt elliptisch eine imperativische Aufforderung an Gott oder ein weiteres Prädikat. Morgenstern macht sich das Stilmittel des Vergleichs zu nutze: "alt wie Methusalem" ist gleichzeitig eine Hyperbel, da der biblische Urvater Methusalem 969 Jahre alt geworden sein soll. In Vers fünf und acht kürzt Morgenstern die Worte "heute" zu "heut" und "unserer" zu "unsrer" damit die Silbenanzahl von 16 Silben pro Vers eingehalten wird. In den ersten sieben Versen scheint jemand sehr vertrautes angesprochen zu werden, da Martha, die Angeredete, gedutzt wird. Hingegen im achten Vers wird diese Person gesiezt. Im Französischen siezt man grundsätzlich, da die restliche Satzstruktur auf Französisch geschrieben ist, hat Morgenstern diese Form ins Deutsche übernommen. "M?amie" und "Après nous le déluge" sind französische Ausdrücke. Christian Morgenstern hebt sich damit hervor, da Französisch damals als modern galt. Wer Französisch sprechen oder schreiben konnte, galt als klug.


Interpretatio carminorum

bei Horaz

Horaz spricht in seinem Gedicht eine Frau namens Leuconoe an. Das griechische "leukos" bedeutet weiß, hell, klar und stimmt mit dem lateinischen "clarus" überein. Übersetzt heißt Leuconoe soviel wie "Mädchen mit klarem Verstand". In der klassischen Dichtung war es zu Horaz? Lebzeit modern, Personen, egal ob fiktiv oder nicht, anzusprechen. In der Mythologie ist Leukone als eine thessalische Frau bekannt. Ihren Mann bekam sie kaum zu Gesicht, da er leidenschaftlich gern jagen ging. Eines Tages wurde Leukone schließlich von den wilden Hunden ihres Mannes gefressen. Es scheint somit keine konkrete Person mit Leuconoe gemeint zu sein. Durch das kurze "quem mihi, quem tibi" in dem ersten Vers jedoch, wird ein engerer Bezug hergestellt. Die Beziehung zwischen der Angeredeten und Horaz scheint tiefer, scheint eine Liebesbeziehung zu sein. Es scheint dem Autor unangenehm zu sein, konkreter zu werden und die Liebe dadurch zu bezeugen. Er ist besorgt um das Schicksal der Leuconoe, was sich daran zeigt, dass er es für Unrecht hält, über seine und Leuconoes Lebenszeit nachzudenken - weil er sie nicht verlieren will und deshalb dazu auffordert, nicht über die Länge der Lebenszeit nachzudenken. "Finem" kann sowohl "Ziel" als auch "Ende" heißen. Der Sprecher des Gedichts meint damit, dass es sowohl ungewiss ist, wann das Leben zu Ende ist, als auch welches Ziel, welche Zukunft Jupiter für die Beziehung zwischen ihm und Leuconoe vorsieht. Mit "Babylonios" sind weise Astronomen und Astrologen gemeint, da Babylonien als Ursprungsland der Sternkunde galt. Horaz selbst glaubte nicht an die Astrologie im Gegensatz zu seinem Förderer Maecenas, der davon sehr viel hielt. So ging Horaz in den meisten seiner Werke zum Schein darauf ein und tat, als glaube er an die Idee der Geburtenberechung mit Hilfe der Astrologie oder an Horoskope. In diesem Gedicht jedoch, fordert er seinen Gesprächspartner inständig an, nicht auf die Astrologie zu hoffen und dadurch eine Antwort auf die Frage nach dem Zeitpunkt des Todes zu bekommen. Auch "scire nefas" deutet die Verstärkung an, dass es Unrecht ist, nach etwas zu fragen, was man nicht beeinflussen kann.

In Vers vier steht das Wort "hiemes", was man gleichsetzen kann, mit "annos". Horaz möchte damit ausdrücken, dass man noch nicht einmal ein Jahr, noch nicht einmal einen Winter im voraus planen und seine Hoffnung auf ihn setzen kann, da man nicht weiß, ob man diesen noch erleben wird. Nur den heutigen Tag hat man zur Verfügung, um das Beste daraus zu machen. Über eine Jahreszeit, im besonderen den Winter, kann man nicht bestimmen. Das einleitende "quae nunc" zeigt, dass momentan Winter ist. "Hiems" gilt häufig als Symbol für Einsamkeit und Trauer. Es ist kalt, es wird früh dunkel und man kann sich nicht lange draußen aufhalten, wenn die winterliche Jahreszeit angebrochen ist. So wird die Melancholie, mit der Horaz schreibt, klar. Metaphorisch steht das Tyrrhenische Meer für das Leben, die Freude und ihn selbst und der Winter schwächt all diese positiven Assoziationen, lässt einen traurig werden und über den Lebensabend nachdenken, was man, dem ersten Vers zufolge, nicht tun sollte. Das winterliche, stürmische Meer ist eine Naturgewalt, gegen die der Mensch sich nicht auflehnen kann. Er ist dem Meer ausgeliefert - nicht nur im damaligen Italien, zu Horaz? Lebzeit, sondern auch heute noch ist der Mensch gegen Sturmfluten und Orkane machtlos, die im Winter toben. Ebenso kann er nichts gegen den Tod unternehmen. Der Tod ist stärker als der Mensch. Indem Horaz Jupiter als Machthaber über vita et mors nennt, zeigt er sich dem Volk verbunden, das ebenfalls wie Horaz an Juppiter glaubt und nicht an dessen Töchter, die drei Parzen, die auch Moiren genannt werden, die über das Schicksal bestimmen. Dies beweist Horaz? ländliche "origo". Auf dem Lande war ihm der Glauben der einfachen Bürger vertrauter als der der adeligen Stadtbewohner. Mit "sapias" = "sei weise" ist gemeint, sich wie ein Philosoph zu verhalten. Das griechische "philosophos", der Weisheit liebende, macht also deutlich, dass es klug und geschickt ist, sich so zu verhalten, wie Horaz im folgenden, nach der Aufforderung "sapias", schreibt.

Der Begriff "vina" in Vers sechs ist ein Symbol für Lust, Luxus und Vergnügen. So scheint Horaz von der Philosophie des Epikurs überzeugt zu sein, der von der Lust als höchstes Gut ausgeht. "Vina liques" bedeutet "den Wein durch ein Siebtuch klären". Im Deutschen existiert die Redewendung "die Spreu vom Weizen trennen". Es bedeutet gute und schlechte Dinge voneinander trennen zu können, sich das Beste auszusuchen und nicht leichtgläubig auf Hinterhalte hereinzufallen, außerdem heißt es aber auch, wahre Freunde erkennen zu können, die einen in der Not unterstützen. Den heutigen Tag soll man also, Horaz´ Ode nach, mit besten Freunden verbringen, die einem Freuden symbolisch für "vina" zu teil werden lassen.

"Reseces" ist hier im Konjunktiv Präsens des Gebotes zu finden und bedeutet auf Deutsch "abschneiden" oder auch "beschränken". Leuconoe soll die Hoffnung "abschneiden", "kürzen" und auf die nahe Zukunft beschränken. Sowohl mit "liques" als auch mit "reseces" und "carpere" werden Tätigkeiten eines Winzers beschrieben.

"Den Wein von der Hefe trennen", "die Triebe zurückschneiden" und "pflücken" in der Bedeutung "ernten" - diese Metaphern nutzt Horaz, um zu beschreiben, wie der heutige Tag gestaltet werden soll. Gilt Wein als Symbol des Vergnügens und des Luxus, so ist der Winzer der, der das Glück erntet. Die Dinge, die er tut, soll auch Leuconoe befolgen und den "dies" genießen.

Den Ausspruch "Carpe diem" entlehnt Quintus Horatius Flaccus dem griechischen Philosophen Epikur von Samos (341-270 v. Chr.), dessen höchstes Glück die Lust war. Philosophie war für Epikur ein Weg sein Leben zu gestalten (CD-Rom Microsoft Encarta). Hieran zeigt sich der Einfluss, den die Ausbildung in Athen für Horaz mit sich brachte, durch welchen Horaz sich ein griechisches Vorbild suchte. "Carpe diem" ist in diesem Fall metaphorisch zu verstehen. Es ist ungewiss, ob man den "dies posterus" erleben wird, da man nicht weiß, wann man sterben wird. Aus diesem Grund soll man den Tag "carpere" - pflücken und genießen. (Zur Bedeutung pflücken für "carpere"): Wenn man etwas pflückt, so ist dies meist eine reife Frucht oder ein hübsche Pflanze. Man erfreut sich an der Pflanze oder nutzt die Frucht, um satt zu werden. Ebenso soll man es mit dem Tag tun. Die Adressatin Leuconoe soll sich an dem Tag erfreuen und ihn so nutzen, wie es ihr die größtmögliche Freude bereitet. Dadurch wird auch die zweite Übersetzung für das Wort "carpere" offensichtlich - nämlich "genießen". Ergo heißt "etwas zu pflücken" im übertragenen Sinne "etwas zu genießen" - es zu nutzen und sich daran zu erfreuen.

Sollte man am nächsten Tag sterben und hat man letzten Tag leidend verbracht, so hat man nicht nur das Leben, sondern auch die beeinflussbare Spanne "spatio", nämlich den Tag, verloren.

In dem vorletzten Vers (Vers 7) wird der Lebenszeit "aetas" das Adjektiv "invida" zugeordnet, wofür man in der Übertragung die Übersetzung "missgünstig" wählen kann. Die Lebenszeit ist also missgünstig, egal was man tut, sei es, dass man fröhlich ist, sei es, dass man leidet - die Zeit vergeht. Für den heutigen "dies" jedoch kann man etwas tun, das einem Freude bereitet, wenn man "sapiens" ist. Das Gelingen des Heute und Jetzt kann man beeinflussen - man kann sich jetzt glücklich machen, wenn man will, so dass man trotz der Missgunst der Zeit, Spaß hat und sich als Gegner dieser Missgunst versteht. Der Mensch die Zeit nicht anhalten, doch er kann sie erträglicher machen.


bei Morgenstern

Morgenstern schreibt in seinem Gedicht eine Travestie auf Horaz. Er spricht eine Frau namens Martha an, duzt diese und nennt diese "lieber Schatz" (Vers 5) und "m?amie" (Vers 7). Dadurch ist klar, dass der Sprecher des Gedichts diese Martha liebt und mit ihr in einer festen Beziehung lebt ("das beisammen uns sieht"). "Laß das Fragen doch sein!" lässt eine Abneigung gegen das Zweifeln und die Philosophie Epikurs erkennen, die Lust als höchste Tugend ansah, da die Philosophie nach dem Sinn des Lebens sucht und die Antwort darauf nur durch Fragen erhält. In dem zweiten Vers der Travestie bittet Morgenstern Martha, nicht mehr zu der dummen Zigeunerin zu gehen. Beleuchtet man die Biographie Morgensterns, so sieht man, dass Morgenstern 1894, also drei Jahre bevor der Band "Horatius travestitus" erscheint, nach Berlin zieht und dort durch den Friedrichshagener Kreis ein Bohèmeleben, ein antibürgerliches Künstlerdasein, führt. Die Bohème wollte sich von der Bourgeoise, der Stadtbevölkerung, abheben, da sie selbst nichts von dem Leistungs- und Sicherheitsdenken dieser hielt. Doch für seine Lebensauffassung und sein Lebenwar bezeichnend, dass er weder mit der Stadt- noch mit der Landbevölkerung, den Ärmeren oder den Zigeunern auskommen wollte. Morgenstern und seine Freunde lebten am "Fin de siecle", am Ende des 19. Jahrhunderts, und hatten ihre eigene Auffassung von Religion und Kultur. Zigeuner jedoch waren darauf bedacht, ihre Sagen und Legenden, ihre Sprache, Kultur und Ethik zu bewahren. Das französische Wort "bohemien" bedeutet im deutschen "Zigeuner", damit ist jedoch nur das "Lotterleben" gemeint, das die Künstler und der Friedrichshagener Kreis zu der damaligen Zeit führten. Mit Zigeunern wollten sie sonst nichts zu tun haben, da sie sich selbst als Künstler für intelligenter und begabter hielten. Um 1900 herum war es bekannt, dass Zigeuner das Schicksal durch Handlesen wahrsagten und sich diese Gabe bezahlen ließen. Morgenstern spricht verächtlich von "der dummen Zigeunerin" (Vers 2). Er glaubt also nicht an Wahrsagungen oder Handlesen. Als Parallele dazu finden sich im Gedicht des Horaz? die babylonischen Horoskope. Es zeigt also die Form der Travestie, die Morgenstern hier benutzt: Er macht sich lustig über die Astronomie und den Bezug von Sternenkonstellationen auf Geburtsdaten zu schließen und vergleicht dies mit den betrügerischen Zigeunern, die die Bevölkerung durch falsche Wahrsagungen hinter das Licht führt. Das Horaz nur zum Schein von der Astronomie und -logie überzeugt war, um seinen Gönner Maecenas nicht zu hintergehen, könnte Morgenstern gewusst haben. Er macht sich damit auch darüber lustig, dass einer von seinem Förderer abhängig ist und sich nicht traut, diesem zu widersprechen. "Alt wie Methusalem" ist eine starke Hyperbel. Morgenstern travestiert somit Horaz? poetische Art vom Lebensabend zu sprechen. Das "sapias" des Horaz klingt mit Morgensterns Übersetzung "Sieh?s doch nur ein" überheblich. Es wirkt als wäre die Angesprochene noch ein Kind.

Der sechste Vers "Amüsier dich, und lass Wein und Konfekt dir schmecken wie bisher!" zeigt an, dass es Morgenstern finanziell gut geht und er in einer Gesellschaft lebt, die ihr verdientes Geld sofort ausgeben und es nicht für die Zukunft aufsparen. "Nimm dein Los, wie es fällt!" (Vers 3) beruht auf dem Hintergrund von Morgensterns Krankheitsbild. Ernüchternd scheint er seine Tuberkuloseerkrankung hinzunehmen. Er bittet Martha, dass Fragen sein zu lassen, das Fragen nach dem "wie lange noch?", "wie lange lebe ich noch mit dieser Krankheit?", "wie verläuft sie?". Der Satz "Seufzen macht mich nervös" des siebten Verses deutet an, dass Morgenstern kein Mitleid oder Jammern anderer, kein Nachdenken über sein Schicksal wünscht.


Comparatio carminum

Morgenstern und Horaz reden beide eine Frau an. Während Horaz nur durch das zaghafte "quem mihi, quem tibi" eine Beziehung andeutet, wird Morgenstern deutlicher, indem er sie "lieber Schatz" nennt. Morgenstern scheint erkannt zu haben, dass Horaz mehr für Leuconoe empfindet. Morgenstern hält viel von Friedrich Nietzsche, der wiederum über Horaz sagt: "Dieses Mosaik von Worten...dies minimum im Umfang...das damit erzielte maximum in der Energie...dies alles ist römisch und,...vornehm par excellence." (Hintere Umschlagseite, Horaz, Oden und Epoden, Bernhard Kytzler). Beide nutzen das Symbol des Weines. Horaz sieht dabei Wein als Luxusgut an, das man sich leisten sollte, um den Tag so zu erleben als wäre es der Letzte. Morgenstern hingegen scheint an den Genuss von Wein gewöhnt zu sein, für ihn ist Wein etwas Alltägliches. Während Horaz an die römische Mythologie und den Polytheismus unter Jupiter glaubt, sieht sich Morgenstern als Gläubiger des Monotheismus (studierte später das Johannes-Evangelium, siehe Opera). Ähnlich sind auch die Begriffe "Zeitverlust" (Vers 7) und "invida aetas (Vers 7f.). Morgenstern schreibt, dass seufzen ihn nervös mache (vgl. Vers 7) - Horaz hingegen nutzt das einfache "loquimur" (Vers 7). Christian Morgenstern präsentiert sich hier als jemand, der sich über seine Geliebte stellt, indem er ihr das Sprechen verbietet und die Liebe bevorzugt. Die Nutzung des Französischen in der deutschen Travestie Horaz' deutet auf den Hintergrund der Bohème-Kultur Morgensterns hin, die ihren Ursprung in Paris hatte und dort entstanden ist.

Indicium et finis

"Carpe diem" übersetzt Christian Morgenstern mit "Heute ist heut! Après nous le déluge!" (Vers 8). Die Aussage "Heute ist heut!" bedeutet, dass man sich nichts aus den Sorgen des heutigen Tages machen soll, da man diesen Tag zur Verfügung hat und über diesen bestimmen kann. Die deutsche Übersetzung des Französischen "Après nous le déluge!" im Deutschen "Nach uns die Sintflut!". Diese Sentenz meint, dass es einem gleichgültig sein kann, was kommen mag, was passiert, dass man im Jetzt lebt. Horaz gibt dies mit "Nutze den Tag, so gering wie möglich vertraue auf den nächsten!" (Vers 8) wieder. Im Kontrast zu Horaz spricht Morgenstern jedoch überheblich und verschwenderisch. Hinter Morgensterns Aussage steckt die Sehnsucht nach Liebe, die ihm Hoffnung gibt und die Erkenntnis, dass dies eventuell der letzte Tag sein könnte, erleichtert. Er leidet an Tuberkulose, die ihn immer wieder dazu zwingt, Kranken- und Kurhäuser aufzusuchen, deshalb könnte jeder Tag für Morgenstern der Letzte sein. Des weiteren bezieht sich "Carpe diem" auf das Heute - heute soll man den Tag genießen und nutzen. Es ist ein positiv gemeinter Ratschlag, das Beste aus dem eigenen Leben zu machen, wohingegen der Ausspruch Morgensterns eher wie ein Schlachtruf wirkt. Das deutsche Sprichwort "Was du heute kannst du besorgen, das verschiebe nicht auf morgen," verdeutlicht diese Art zu leben, die anfälligen Arbeiten auf den nächsten Tag zu verschieben, lästige Pflichten an andere abzugeben. "Après nous le déluge !" bedeutet, dass die Zukunft negativ ausfallen wird. Gegen eine "Sintflut" (déluge) ist der Mensch machtlos - ebenso gegen den Tod. Morgenstern weiß nicht, wann das Negative anbrechen wird, der Tod, die Tuberkulose ihn einholen wird. "Nach uns die Sintflut!" zeugt von der Gleichgültigkeit, mit der Morgenstern der Zukunft entgegentritt. Es klingt, als wolle Morgenstern die Gegenwart verherrlichen und nicht wisse, dass keine Tat ohne Folgen bleibt. Würde er jeden Tag so leben, als sei es sein letzter Tag, so würden sich bald die Folgen zeigen - er müsste den Lebensstil der Bohème aufgeben.

Aus dem gesamten Umfang meiner Facharbeit entnehme ich, dass die Gedanken der Ode Horaz?, die Christian Morgenstern in seiner Travestie aufgreift, sehr aktuell sind. Immer wieder kommt die Frage auf, wie lange das eigene Leben dauert, ob der Tod etwas Negatives ist und was danach kommt. Horaz orientiert sich in seinen Oden an griechischen Vorbildern und setzt sich mit den verschiedensten Gedanken und Philosophien auseinander, die meist völlig moderne Ideen und Grundsätze beinhalten. So ist es auch eine Gewissensfrage, ob ich mich Genüssen, so z.B. dem Alkohol, Zigaretten, Drogen usw. hingebe und jeden Tag lebe, als sei es mein Letzter oder ob ich bewusst auf meine Gesundheit, die Umwelt, Freunde, Familie usw. Rücksicht nehme.

Die Travestie Morgensterns zeugt von der Krankheit des Autors, der durch das Bohème-Leben den Anschein erweckt, überheblich zu sein. Dabei scheint es doch gerade im Alter und bei Krankheit wahrscheinlicher, dass das Leben bald zu Ende geht, dessen ungeachtet sollte man sich Gedanken darüber machen, ob man nicht gerade durch solch ein genussreiches Leben, das Gefahren mit sich bringt, sein Leben früher beendet.


Literaturverzeichnis

Primärliteratur

  1. Horaz Oden und Epoden Lateinisch/Deutsch, Hrsg. Bernhard Kytzler, 7.Auflage 1981, Reclam, Stuttgart
  2. Horaz - Text- und Kommentarband, Bearbeitet von Franz Salomon, Günter Lachawitz, Christine Ratkowitsch & Kurt Smolak, ISBN 3-486-1341-0, Reihe Orbis Latinus 4, Oldenbourg Verlag, München

Sekundärliteratur

  1. Horaz, Bernhard Kytzler, 1. Auflage 1996, Reclam Stuttgart
  2. Lexikon der Fremdwörter, Serges Medien, Köln 1999
  3. Pons Schülerwörterbuch Ab 1. Lernjahr, Bearbeitet von Rita Hau unter Mitwirkung von Udo Amm, 1. Auflage 1992, 7. Nachdruck 1999, Ernst Klett Verlag, Stuttgart
  4. Q. Horatius Flaccus - Oden und Epoden, Richard Heinze, 8. Auflage 1955, Weidmannsche Verlagsbuchhandlung, Berlin
  5. System-Grammatik Latein, Hrsg. Dr. Gerhard Fink & Prof. Dr. Friedrich Maier, 1. Auflage 1997, C.C. Buchners Verlag, Bamberg
  6. Texte, Themen und Strukturen, Grundband Deutsch für die Oberstufe, Hrsg. Heinrich Biermann & Bernd Schurf, 1. Auflage 1993, Cornelsen Verlag, Berlin
  7. Who?s Who in der antiken Mythologie, Gerhard Fink, 9. Auflage 2001, Deutscher Taschenbuch Verlag, München

CD-Rom

  • CD-ROM Microsoft Encarta Enzyklopädie 2001, USA 2000, Microsoft Corporation / Suchbegriff: Visuelle Dichtung, Suchbegriff: Horaz, Suchbegriff: Sappho, Suchbegriff: Travestie, Suchbegriff: Boheme, Suchbegriff: Epikur

Internetquellen

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Erklärung

Hiermit erkläre ich, dass ich die vorliegende Arbeit selbstständig und ohne Hilfe verfasst und keine anderen als die im Literaturverzeichnis angegebenen Hilfsmittel verwendet habe. Alle genutzten Internetquellen wurden kenntlich gemacht und mit Datum versehen. Sofern sich - auch zu einem späteren Zeitpunkt - herausstellen sollte, dass die Arbeit oder Teile davon nicht selbstständig verfasst wurden, die Zitationshinweise fehlen oder Teile aus dem Internet direkt entnommen wurden, so wird die Arbeit auch nachträglich nicht gewertet.

Elsdorf, den 05.04.02


Julia Schlang verfasste diese Arbeit im Rahmen ihres Lateinunterrichtes in der 11. oder 12. Klasse sowie eines Wettbewerbes.
Diesen Wettbewerb gewann sie und damit eine einwöchige Reise nach Rom.

Julia Schlang hat die Veröffentlichung hier genehmigt.