Das neue "Theater des Westens" in Berlin

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120. [Das neue "Theater des Westens" in Berlin]

Wovon ich heute reden will, sind nicht die permanenten Kunst­ausstellungen,

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die man in den Pferdebahnwagen, noch die automatischen
Leihbibliotheken, die man zum Jubel des Volks der
Dichter und Denker in den Stadtbahncoupes anbringen sollte,
auch nicht die Vorschläge zur Förderung wirksamer Reklame, die
sich mit der vollständigen Überstempelung, Überklebung und
Bemalung jedes nur sichtbaren freien Raumes, die Löcher in den
Strümpfen mit eingeschlossen, beschäftigen, noch endlich die

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Tatsache, daß der neue Dom dem 〈nach antiken Bauplänen er­standenen〉
neuen Zirkus Busch in ganz falschem Stolz das Hin­terteil
zuwendet. Beim Zscheus, dem Waldmädchen! Wovon ich
heute sprechen will, ist das neue Theater unserer Stadt, und es ist

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gerade das Theater des Westens, weil sich an diesen Embryo noch
Phantasien knüpfen lassen, deren Unerfüllbarkeit zur Zeit noch
durch keine Tatsachen widerlegt werden kann. Das ist das Aus­
zeichnende des Embryos, daß man ihm jedes Wunder zutraut. Ist
das Kind erst geboren, so verliert sich der Glaube meist schon mit

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den ersten Zähnen. Dort vielleicht schon bei den ersten — Szenen.
Denn es könnte ja beispielsweise die Akustik gut sein und Hein­rich
Lee gespielt werden. Oder die Besetzung der Bänge wäre
eine derartige, daß sie einen Zusammenbruch des Hauses zur
Folge haben könnte.

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Doch wie dem auch sein wird - heute fürchte ich noch nichts von
alledem, heute glaube ich noch blind an die künftige Sonderart
dieses Theaters, wie ich sie mir ausgesonnen habe und wie sie
sich ohne Zweifel schon in vielen einsichtigen und rechtschaffe­nen
Köpfen als Wunsch und Plan vorfindet. Das erste, was wir

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wohl alle gleichmäßig wünschen, ist, daß für angenehme Überra­schungen
der Theaterbesucher in ganz andrem Maße gesorgt
wird wie bisher. Die Technik muß wohl dabei herangezogen wer­den,
doch darf nicht zuviel durch ernüchternde Automaten ge­schehen.
So würde ich den Billettverkauf nicht maschinell regeln,

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sondern den in langer Schlange vor dem Schalter Wartenden
durch einen im Vestibül von einigen Mimen improvisierten
Schwank die Zeit vertreiben lassen, derart, daß die das Vestibül
verlassenden Billettbesitzer durch ihren Durchgang durch die
Spielenden selbst eine Gruppe der Handelnden repräsentierten

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und sich dadurch geschmeichelt fühlen könnten. Auch der
Letzte, Fernste wird so von einer echt künstlerischen Begier, in
jenem Schauspiele für einen Moment mitzuwirken, ergriffen
werden und sich hüten, etwa in Ungeduld wieder wegzugehen.
Man denke sich noch eine fröhliche Musik dazu, und es wird

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Leute geben, die einzig dieser Belustigung halber sich ein Billett

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kaufen werden, was selbst einem Theaterdirektor des Westens
kaum gleichgültig bleiben dürfte.
Das Billett nun darf natürlich nicht in hölzerner Einfachheit nur
Nummer und Rangbezeichnung enthalten, sondern muß ein

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kleines Kunstwerk für sich sein, das man aufhebt und seinen Kindern
vererbt, wodurch auch die Bühne stets in gutem Andenken
erhalten wird. Die Vorderseite, deren Umrahmung von Böcklin,
Klinger, Thoma, Stuck, Sattler und Menzel entworfen sein muß,
enthält neben den Ziffern Bildnis und Biographie des Autors, also

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sagen wir z.B. des Herrn Axel Delmar. Die Karten vom ersten
Rang tragen noch in einer Bandleiste von Fidus die letzten Kurse.
Die Rückseite zeigt die Speisekarte des Büffets in Form einer Ser­viette,
um die sich vier Faunsköpfe, welche womöglich immer
Press-Köpfe sein müssen, an den vier Ecken reißen. Naht nun

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endlich der Abend heran - es wird klug sein, auch Taxameter-
und Motorwagenbestellungen an der Kasse entgegenzunehmen
- und mit ihm der geneigte Haufe, so muß im Vestibül eine An­zahl
Krippen mit gemischten Salaten bereit stehen, damit er
schon im Vorübergehen ein erstes Stimulans zu sich nehmen

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könne, und den gefährlichsten Kritikern Zuckerbrot gereicht
werden. Die Mißstände und Beschwerden der Garderoben sind —
wenigstens im Winter — durch das einfache Mittel gänzlich zu
beheben, daß die Bäume ungeheizt bleiben, so daß kein Mensch
auf den Gedanken kommen wird, seinen Mantel und Hut abzule­gen.

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Endlich hat man sich im Foyer versammelt und beginnt die
Speisekarte herunterzuessen. Es muß dem Direktor darauf an­kommen,
daß das Publikum möglichst satt und friedlich seine
Plätze aufsuche, und er darf deshalb noch weniger wie bei dem
Schauspielermaterial bei dem Küchenpersonal sparen wollen.

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Beim Ausgange aus dem Foyer erhält jeder Besucher ein Knallbonbon,
das er mit seinem Nachbar zieht, um darin einen Thea­terzettel
in Form einer phrygischen Papiermütze vorzufinden,
den er, falls er dazu Lust hat, aufsetzen kann, was ein bewegtes
Bild im Saale begünstigen und besonders den Damen zu vielen

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anmutigen Koketterien Gelegenheit geben wird. Der Vorschlag,

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den ich kürzlich machen hörte, auf dem Zettel die in der Auffüh­rung
polizeilich gestrichenen Stellen abzudrucken, würde der
ethischen Mission der Polizei trefflich in die Hände arbeiten, in­
dem die sittliche Entrüstung aus Erkenntnis des Unsittlichen

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noch gründlicher sein könnte, als so, wo dem Publikum das Un­sittliche
von der Zensur verheimlicht wird.
Endlich sinkt man in seinen Fauteuil zurück — der erste Rang und
die Logen enthalten übrigens nur Chaiselonguen - 〈je eine pro
Person〉, das erste Klingelzeichen ertönt und ehe man noch recht

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zur Besinnung gekommen ist, ist auch schon der eiserne Vorhang
in Sauerstoff verbrannt, was zwar etwas teuer ist, jedoch die
Nerven sehr angenehm erregt. Das Verfahren rentiert sich außer­dem
durch die Zugkraft seiner Seltsamkeit. Der eigentliche Vor­hang,
nunmehr sichtbar, ist eine große weiße Leinwandfläche,

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auf welche jeden Abend durch eine stabile Laterna Magica ein
anderes Bild projiziert wird. Es sind dabei Apoll und die Musen
von Reni nicht ausgeschlossen, doch sind wochentags Kakao-
und Kindermehlplakate, Badewannenprospekte und dergleichen
nicht schlankweg zu verwerfen. Denn - wie mir ein Prediger, dies

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hebevoll verteidigend kürzlich sehr richtig sagte - ein Theater­vorhang,
von dem eine junge Mutter die beste Nahrung für ihr
Kind ablesen kann, ist Gott unstreitig wohlgefälliger als das Bild
einer zitherspielenden Griechin, welche die Sinnlichkeit entfes­selt.
Doch daß ich nicht die Beleuchtung und Ausschmückung

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des Hauses vergesse! Sein Hauptschmuck besteht in großen
Brustbild-Medaillons, die überall, wo es tauglich, eingelassen
sind und die Bildnisse der berühmtesten Kritiker aller Zeiten von
Thersites bis Alberti zeigen. Die Büsten der Dichter sind im andern
Teile des Hauses in dem Konversationszimmer, den Garderoben

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der Schauspieler und überhaupt hinter den Kulissen aufge­stellt,
wo sie ja auch hingehören. Nur wenn ein klassisches Stück
besonders beklatscht wird, darf die Büste des Betreffenden einen
Augenblick auf den Souffleurkasten gestellt und den Verehrern
gezeigt werden. Ein Lebender wird niemals dort erscheinen dürfen,

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weil, wie ein Leipziger jüngst mit Recht gemeint hat, es uner­hört

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sei, wenn ein Dichter, nachdem Herr Schulze gegen ihn pro­testiert
habe, sich weiter ganz fröhlich für einen Dichter halte und
sogar in diesem angemaßten Bewußtsein vor die Bampe zu treten
wage. Diese Erwägung eines feinsinnigen Sachsen wird maßge­bend

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werden müssen.
Natürlich ist alles reich mit Tuchen und Teppichen behängt. Die
Dekoration der Hofloge ist begreiflicherweise mit besonderer
Sorgfalt auszuführen und dazu das kostbarste Material, wie es am
besten von den schlesischen Webern bezogen werden kann, zu

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verwenden. Zudem sind Bilder des Friedens wie das Knackfußsche
Gemälde mit der Vorderseite nach dem Innern der Loge zu
geschickt anzubringen. Die Beleuchtung des Hauses erfolgt
durch Katzen, wodurch sehr viel gespart wird. An jedem Sessel
nämlich ist eine Katze angekettet, welche man während der kür­zeren

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Pausen, in denen man den Platz nicht verläßt, auf den
Schoß nimmt und streichelt. Die phosphoreszierenden Felle und
die grünen Augenlichter der leise schnurrenden Tiere werden
eine Stimmung erzeugen, die himmelweit verschieden von der
durch die Glühlichtbirnen erzeugten Nüchternheit, den Nerven

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eine festliche Spannung gibt. Zudem gewährt die Katze die Annehmlichkeit,
daß man ein etwaiges Mißfallen leicht durch sie
ausdrücken kann, indem man sie in den Schwanz kneift. Das he­benswürdige
〈Au〉 der Katze ist als gesunder Naturlaut nichts ei­gentlich
Beleidigendes und jedenfalls dem persönlichen Blasen

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auf totem Metall oder Bein, wie es zur Zeit in den Theatern üblich
ist, vorzuziehen. Übrigens ist — um auch diesen kräftigeren Wün­schen
Rechnung zu tragen — vor jedem Sitz eine Reihe von drei
Knöpfen angebracht, die man mit dem Fuße niederdrückt, wor­auf
sie den sog[enannten] Stimmungsapparat in Bewegung set­zen.

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Der Stimmungsapparat hängt aus der Mitte der Kuppel
herab, wo früher der Kronleuchter hing, und setzt sich aus einem
Klatsch- und Knallapparat, einem Pfeifapparat und einem Apfel­böller
zusammen. Die erste dieser Maschinen besteht aus einem
riesigen eisernen Arm, der mit rasender Schnelligkeit ein viele

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Quadratmeter großes Stück Wachsleinewand hin- und herschnellt,

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wodurch das gleiche Knallen im Großen entsteht, wie
wenn Wäscherinnen nasse Laken von der Leine nehmen und
ausschnellen. Als Unterapparat ist diesem Mechanismus ein hal­bes
Hundert Hetz- oder Reitpeitschen beigegeben, von denen

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jede einzelne von ruckartigen Bewegungen kleiner Eisenarme
zum Knallen gebracht wird. Bis fünfzig Personen können in die­ser
Weise individuell klatschen. Drückt noch ein Besucher mehr
auf den Beifallsknopf, so schweigen die Peitschen und der große
Arm setzt sich in eine Bewegung, deren Heftigkeit bei jedem

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neuen Dutzend elektrischer Befehle um einen Grad zunimmt.
Über dieser Maschine direkt in der Decke ist der Pfeifapparat
eingefügt. Auf die ersten zwölf Befehle reagieren auf Dampfbe­trieb
Holzpfeifchen, auf die weiteren Hornpfeifchen, auf die wei­teren
Metallpfeifchen mit Triller, endlich große Torpedopfeifen

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und schließlich von sechzig Befehlen an eine Dampfpfeife größ­ten
Kalibers. Der Apfelböller endlich fungiert nur auf hundert
elektrische Befehle und schießt bei jedesmaliger Benutzung ei­nen
Borsdorfer Apfel schräg über die Bühne.
〈Sie werden, meine Leser, ungeduldig den Beginn der Vorstellung

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wünschen, um den Apparat in Tätigkeit sehen zu können.
Aber noch bleibt etwas zu tun.〉
Kurz bevor der Vorhang sich hebt, werden noch einige Rezensenten
kleiner Schmierblätter in Käfigen hereingerollt. Es geschieht
dies nicht, weil man von ihrer Wildheit etwas fürs Publikum

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fürchten müßte, sondern aus dem umgekehrten Grunde: um sie
vor den Ohrfeigen ihrer Nebenmänner zu beschützen. So werden
sie, wenn sie mit ihren phrygischen Papiermützen hinter ihren
Fliegengittern sitzen und verstohlen 〈durch ein Kniedreieck〉
ihre Gummimanschetten vollkritzeln, eher ein scherzhafter als

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ein anstößiger Anblick sein. Ein Schriftsteller endlich, der, wie er
auch an Geist höher als jene steht, gern vom ersten Rang aus sich
zu mokieren pflegt, wird seinen Neigungen und Anlagen gemäß
in der einen Ecke des ersten Rangs eine kleine Bühne eingebaut
erhalten, ein Podium mit zwei Seitenkulissen, einer Versenkung

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und einem eigenen kleinen Vorhang zum Auf- und Niederziehen,

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so daß er, sobald es ihm beliebt, auf dieser kleinen Privatbühne
auftreten, den szenischen Vorgängen ihm gegenüber mit Gesten
und Ausrufen Konkurrenz machen und so durch sein Widerspiel
sich und das Publikum amüsieren kann.

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Nachdem nun alles vorbereitet, wird das Stück seinen Anfang
und seinen Verlauf nehmen können.
Daß nach dem zweiten Akt eine einstündige Souperpause statt­
findet, in welcher auch ein wenig getanzt werden kann, ist selbst­
verständlich. Es wird Sache des Regisseurs gewesen sein, inzwi­schen

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das Kellner- und Dienerpersonal dem Charakter des gerade
aufgeführten Stückes gemäß kostümiert und auf seine Spra­che
etwas eingeübt zu haben, so daß das Publikum durch keinen
allzu schroffen Wechsel des Milieus, wie es heute der Fall ist,
verstimmt wird. Gesetzt es werden "Die Räuber" aufgeführt, so

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kann man dem Büffet die Gestalt eines alten Turmes geben, indessen
schauerliche Höhlung man sein "Beefsteak!" hinabruft,
worauf nach kurzer Zeit aus dem daneben improvisierten Walde
ein Kerl hervorbricht, der es einem auf einer Heugabel bringt und
mit einem "Ha! Bube! da nimm!" in den Mund stopft. Oder es

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werden bei einer Aufführung von "Florian Geyer" die Speisen
nur in der Höhlung von Schilden und die Getränke in Helmen
mit einem kräftigen "Kotz Dreck!" verabreicht, während überall
Hanteln, Stoßdegen, Hellebarden und Morgensterne herumhe­gen,
damit sich die feinnervigen, schwachsehnigen Großstädter

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im Heben, Betasten und Schwingen dieser Waffenstücke ein wenig
in das Wesen ihrer rohen Vorfahren zurückfinden mögen, de­nen
sie freilich auf ihrer hohen Kulturstufe sehr fremd geworden
sind, indem ein rechter gebildeter Großstädter unserer Zeit ei­gentlich
sein Leben lang keine ändern gefährlichen Instrumente

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in die Hand bekommt als Messer und Gabel und — wenn es hoch
kommt — einen eisernen Stiefelknecht.
Oder "Robinsons Eiland" wird gespielt, wobei es die Heiterkeit
sehr angenehm heben dürfte, wenn der ganze Roden des Foyers
schachbrettartig in lauter selbständige Versenkungs-Felder ge­teilt

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sein wird, auf deren jedem man, sein Kaviarbrötchen essend,

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beliebig verschwinden und wieder auftauchen kann, was beson­ders
solchen erwünscht sein muß, die sich einer langweiligen Un­terhaltung
entziehen wollen, aber auch für nebeneinanderste­hende
Liebespaare einen eigenen Reiz haben wird.

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Endlich begibt man sich wieder in einem freudigen und stim­mungsvollen
Gewühl auf seine Plätze und läßt bis zur Wieder­aufnahme
der Vorstellung seine Katze leuchten.
Über das Spiel der Bühne will ich mich heute nicht allzusehr ver­breiten,
da man hier kein Ende finden könnte. Doch wird es gut

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sein den Statisten mehr Sorgfalt wie bisher zuzuwenden und eine
eigene Statistik für sie auszuarbeiten, mit Hülfe welcher sie vom
Souffleurkasten aus dirigiert werden können. Es sind die Haupt­posen
menschlicher Affekte in einer Tabelle ein für allemal Num­mer
für Nummer festzulegen und in dieser Reihenfolge von den

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Figuranten auswendig zu lernen, so daß die Dichter künftig in
ihren hierauf bezüglichen Angaben nur die gewünschte Ziffer
anzugeben brauchen, welche dann von der Souffleuse durch Zei­gen
der Finger oder ähnliche Zeichensprache den Leuten über­mittelt
wird. Also z. B.: Eine Volksmenge begrüßt den einziehenden

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Fürsten. Pose 3 und 19 = Allgemeine Unruhe und noch
ziemlich törichtes Gesicht. Pose 7: Lebhaftes Schlenkern mit den
Armen. Pose 12: Handausstrecken nach dem Hintergrund.
Pose 17, 23, 30 und 31: Bedeutungsvolles Gemurmel, abwech­selndes
Fingerzeigen beider Hände mit beständigem Ausstrecken

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und Einziehen des Zeigefingers, Drängeln und gegenseitiges
Auf-die-Füße-Treten. Pose 35 und 36: Rechte Handfläche auf
linke Brust, Ausstrecken des Arms nach rechts oben mit gespreiz­ten
Fingern. Usf.
Den Schauspielern ist einzuschärfen, daß sie nicht für sich sondern

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für das Publikum spielen und auf jeden interpellierenden
Zwischenruf sofort freundliche Auskunft zu geben haben. Es ist
dadurch der Wortlaut des Stückes einem jeden garantiert. Auch
haben die Darsteller kleine Pausen zu machen und sich pantomi­misch
auf der Szene zu beschäftigen, wenn in einer Loge eine

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dicke Bankiersfrau oder dergleichen etwas über das Stück oder

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die Toilette einer andern dicken Bankiersfrau sagen zu müssen
glaubt. Eine Entschädigung für all diese Rücksichten wird den
Schauspielern dadurch geboten, daß sie allwöchentlich ein Sonntagsjoumal
herausgeben dürfen, auf das jeder Zuschauer abon­niert

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sein muß, und in dem sie ihm erzählen, was eigentlich auf
und hinter der Bühne die letzte Woche über vorgegangen ist,
während er vorn in Illusion und Bührung andächtig dagesessen
hat. Mit Schauder wird er da lesen, daß das erschütternde Stöh­nen
und Schluchzen, das ihn selbst ein Taschentuch und in den

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Augen seiner Nachbarin sein martialisches Renommee gekostet
hat, ein mühsam kaschierter Lachkrampf über einen fürchterli­chen
Kalauer gewesen, den der an die Brust des Sohnes gelehnte,
sterbende König diesem zugeflüstert; daß die letzte Première am
Mittag des Aufführungstages den Schauspielern noch unbekannt

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war, und daß die vielen Leute, die auf der Bühne 〈teils scheinbar〉
betend oder halblaut vor sich hinlesend herumsaßen, -knieten,
-gingen und -lagen, gar nicht zum Stück gehörten, sondern nur
als Souffleur-Aufgebot dienten, — doch ich will hier nicht zuviel
vorgreifen.
Der Schluß der Vorstellung endlich wird je nach Laune des Publikums

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unter dem größeren oder geringeren Lärm des Stim­mungsapparates
vor sich gehen und wird, wofür ich mich in je­
dem Falle verpflichten will, eine allgemeine Erhebung zur Folge
haben. Ich halte das Gegenteil nach einem derartig angeregten

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Theaterabend für völlig ausgeschlossen, welchen künstlerischen
Wert das Stück auch gehabt haben möge. Dieser Punkt, den mir
niemand ableugnen wird, ist es, an den ich mich bei meinen
Phantasien klammere. Man mag ihn sich als einen unhemmbar
zur Sonne aufsteigenden Adler denken, dem ich den Kranz mei­ner

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Träume um den Hals gehängt habe.
Wie sich noch der Auszug der Kinder Israel gestalten wird? Nun
sehr einfach; die Türen werden geöffnet und man geht hinaus.
Der Börsianer zu Dressel. Das junge Ehepaar nach Hause. Das
alte Ehepaar zu Tücher. Der Berichterstatter zum Telegraphen­büro.

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Der Rezensent in die Druckerei. Das Kind zu Bett. Der

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Theaterdirektor zum Teufel. Der Dichter ins Wasser. Oder viel­leicht
geht der Dichter zu Dressel und der Börsianer ins Wasser,
oder der Direktor zum Telegraphenbüro und der Bezensent zum
Teufel. Am Ende geht alles zum Teufel.

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Wie schon Schiller sagt... daß alles Schöne unter dem Hufschlag
des Pferdefußes endigt.
Das ist bitter. Aber nur für den Kurzsichtigen. Der Schöngeist
sagt sich: Alles Schöne geht schließlich zum Teufel. Ergo gehe
auch ich einmal zum Teufel. Ergo werde ich dort - beim Teufel -

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alles Schöne vorfinden, was je auf der Welt war. Ergo bibamus!
Oder sollte er "ergel" sagen wie der Totengräber im Hamlet? Ha!
ich[1] merke, meine Gedanken wollen wie die jungen Katzen mit
mir spielen. Nichts da! Ich hänge ihnen den Mühlstein "Finis"
um den Hals, denn ich will für heute vor ihnen Ruhe haben. Mögen

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sie in den Tränen deines Lachens ertrinken, oh Leser!

Finis.

 

 

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Fußnoten

  1. Wahrscheinlich Druckfehler. Sollte wohl Ich heißen.

Kommentar

Zu finden in der
Stuttgarter Ausgabe: Band 6, S. 309ff.