Christian Morgensterns Leben und Werk - Anwendungsbeispiele seiner Lyrik im Unterricht der Primarstufe

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Die Arbeit wurde mir freundlicherweise von einer Pädagogik-Studentin zur Verfügung gestellt, die aber anonym bleiben möchte.

Einleitung

Peter Härtling sagte einmal: "Der Blick des Menschen hob sich in den letzten Jahrzehnten von der bedruckten Seite und blieb am bewegten Bild hängen." [1] Dieses Zitat macht deutlich, wie wichtig eine Erziehung zum aktiven, interessierten und motivierten Leser ist. Die heutigen Schülerinnen und Schüler erfahren zunehmend eine einseitige Lesehaltung. Das zweck- und leistungsbezogene Lesen dominiert gegenüber einem freien Lesemotiv. [2] Dies stellte auch Anthony T. Wilson fest, als er zu Beginn des Wintersemesters 2000/01 127 Studienanfänger der Germanistik an der Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen nach den Galgenliedern Christian Morgensterns befragte. Drei Viertel der Studenten war die Galgenlyrik völlig unbekannt, ein Kommilitone fragte: "Was ist denn überhaupt Morgenstern?". [3] Diese Studie macht deutlich, dass die großen Dichter unseres Landes immer mehr in Vergessenheit geraten. Dem kann man nur durch Unterricht entgegenwirken, in dem die großartigen Gedichte von Morgenstern u.a. thematisiert und die Freude an solchen Gedichten bei den Schülerinnen und Schülern geweckt wird.

Diese Arbeit möchte zunächst einen Überblick über das Leben Christian Morgensterns geben. Dieses ist Grundlage, um seine Gedichte verstehen zu können. Anschließend folgt eine Übersicht über die Werke Morgenstern, im Speziellen über die Galgenlieder als seine bekannteste Gedichtsammlung. Im zweiten Teil dieser Arbeit beschäftige ich mich mit Kinderlyrik im Unterricht der Primarstufe. Dabei sollen einige Voraussetzungen, Grundsätze und Ziele für Lyrikunterricht geklärt werden. Danach gehe ich auf die Kinderlyrik Morgensterns und deren Besonderheiten ein. Anschließend möchte ich zwei konkrete Gedichte untersuchen und didaktische Überlegungen zu diesen anstellen. Die Merkmale von Christian Morgensterns Kinderlyrik sollen an diesen belegt werden. In meiner Abschlussbetrachtung möchte ich die Ergebnisse meiner Arbeit zusammenfassen.

[1] Selnar, Petra: Kinder begegnen Gedichten, Oldenbourg Verlag, München, 1998, 17
[2] Selnar, Petra: Kinder begegnen Gedichten, Oldenbourg Verlag, München, 1998, 16
[3] Wilson, Anthony T.: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns, Königshausen und Neumann, Würzburg, 2003, 18


Biographie

Christian Otto Josef Wolfgang Morgenstern wurde am 6. Mai 1871 in München geboren. Er war das einzige Kind des Landschaftsmalers Carl Ernst Morgenstern und seiner Frau Charlotte. Diese stirbt bereits in Morgensterns Kindertagen 1881 an Tuberkulose, der Krankheit, die auch sein Leben beeinflussen wird. [4] Bis zum Tod der Mutter verlebte Morgenstern eine glückliche Kindheit, von der er später berichtete: "Ich möchte sagen, dass ich immer noch im und vom Sonnenschein meiner Kindheit lebe." [5]. Nach dem Tod seiner Mutter wird Morgenstern zunächst in ein Internat nach Landshut geschickt, wo er aber nicht glücklich ist. Ein Grund dafür könnte sein, dass Morgenstern bis zu diesem Zeitpunkt nie einen geregelten Schulbesuch genossen hatte und lediglich ab und zu Privatunterricht erhielt.

1884 lässt Carl Ernst Morgenstern, inzwischen Professor an der königlichen Kunstschule und mit Amelie von Dall'Armi verheiratet, seinen Sohn nach Breslau folgen. Dort besucht er von 1884 bis 1889 ein Gymnasium und beginnt dort zu dichten. 1889, im Alter von 18 Jahren, verlässt Morgenstern vorzeitig das Gymnasium und strebt eine Offiziersausbildung beim Militär an. Recht früh bemerkt er jedoch, dass das Militär nicht das richtige für ihn ist. Er schreibt: "Ich muß gestehen, meine Neigung zum Soldatenstande oder besser zum Soldatenberufe war nie eine echte, tiefe. Mich hält die Poesie, die Kunst, der Drang nach Wahrheit zu sehr in ihrem Bann." [6]. Nach dem Abbruch der Offiziersausbildung besucht Morgenstern wieder ein Gymnasium, diesmal in Sorau, an dem er 1892 seinen Abschluss macht.

Nach seinem Abschluss beginnt Morgenstern 1892 in Breslau ein Studium der Nationalökonomie. Nebenbei gründet er mit Freunden den "Deutschen Geist", "eine von Patriotismus getragene, die Einheit des Reichs beschwörende, hektographierte Zeitschrift" [7]. Doch Morgenstern erkrankt bereits 1893 das erste Mal an Tuberkulose, woraufhin er eine Kur im schlesischen Bad Reinerz antrat. Nach dieser Kur kann er jedoch nicht sofort wieder studieren, sondern muss noch weitere fünf Monate das Bett hüten. In diese Zeit fällt das wichtigste Ereignis seiner Breslauer Studienzeit: er lernt die Werke Friedrich Nietzsches kennen und dichtet in den folgenden Jahren unter seinem Einfluss.

Im Jahr 1894 trennt sich sein Vater von Amelie, um die Ehe mit Elisabeth Reche einzugehen. Aufgrund seiner Unterhalts-verpflichtungen gegenüber Amelie kann er seinem Sohn angeblich das Studium nicht finanzieren. Es kommt zu einem ersten Zerwürfnis zwischen Vater und Sohn. Während Morgenstern sich immer mehr seinem Vater entfremdet, verbietet dieser ihm 1895 den weiteren Kontakt mit Amelie. Morgenstern beachtet das Verbot seines Vaters nicht, weshalb es zum endgültigen Bruch kommt. Dieser soll eineinhalb Jahrzehnte lang andauern.

1894 ist auch das Jahr, in dem Morgenstern nach Berlin geht, um dort Kunstgeschichte und Archäologie zu studieren. Bald aber betätigt er sich als freier Schriftsteller und Mitarbeiter verschiedener Zeitschriften. Er schreibt Feuilletons für mehr als ein Dutzend Zeitungen [8].

Im darauffolgenden Jahr wird Morgenstern erstes Werk "In Phantas Schloss" veröffentlicht, ein "Zyklus humoristisch-phantastischer Dichtungen" [9]. Im Frühjahr 1896 erscheinen achtzehn Oden unter dem Titel "Horatius Travestitus", Ein Studentenscherz [10]. 1897 und 1898 fasst Morgenstern die Lyrik der Berliner Jahre in den Bänden "Auf vielen Wegen" und "Ich und die Welt" zusammen.

1897 wird Morgenstern die Übersetzung von Strindbergs "Inferno" angeboten, die er aufgrund von Geldmangel annimmt. Von 1898 bis 1903 folgen zahlreiche Übertragungen der Werke Henrik Ibsens, die er aufgrund mehrmaliger Kuraufenthalte unterbrechen muss. Morgenstern nimmt beim Verlag Bruno Cassirer Berlin eine Stelle als Lektor an. Dieser Verlag veröffentlicht 1905 die Galgenlieder, die Morgenstern selbst nicht für die Öffentlichkeit gedacht hatte. Ursprünglich waren die Galgenlieder "für einen kleinen Kreis jugendlich ausgelassener Freunde bestimmt" [11]. Diese werden zu einem Bestseller und begründen seinen Ruhm. Morgenstern schreibt nun auch Kindergedichte, wie etwa "Vom großen Elefanten" und plant ein Galgenliederkinderbuch.

1908 sieht Morgenstern seinen Vater zum ersten Mal seit ihrem Zerwürfnis wieder. Morgenstern verlobt sich mit Magareta Gosebruch zu Liechtenstern. Ihre Eltern lehnen diese Verbindung ab und erscheinen nicht auf der Hochzeit, die am 07. März 1910 stattfindet. Während sich das Ehepaar Morgenstern in Italien, der Schweiz und in München aufhält, entstehen die Werke "Palmström" und "Einkehr" [12].

Das Jahr 1910 endet mit einer erneuten schweren Erkrankung Morgensterns. Daher verbringt er die Jahre 1911 und 1912 zwecks Krankenhaus- und Kuraufenthalten in Italien und Schweiz.

1914 bricht die Krankheit bei Morgenstern so stark aus, dass ihm das Sanatorium in Arco, Südtirol, die Aufnahme verweigert. Gesundheitlich stark angegriffen stirbt Morgenstern am 31. März 1914 zwei-undvierzigjährig in Meran [13]. Wenige Wochen nach seinem Tod erscheint der letzte Gedichtband "Wir fanden einen Pfad". Zahlreiche Veröffentlichungen sollten nach seinem Tod noch folgen.

[4] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 1
[5] Bauer, Michael: Christian Morgensterns Leben und Werk, Urachhaus Johannes M. Mayer, Stuttgart, 1985, 11
[6] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 2
[7] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 2
[8] Wilson, Anthony T.: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns, Königshausen und Neumann, Würzburg, 2003, 7
[9] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 4
[10] Bauer, Michael: Christian Morgensterns Leben und Werk, Urachhaus Johannes M. Mayer, Stuttgart, 1985, 114
[11] Wilson, Anthony T.: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns, Königshausen und Neumann, Würzburg, 2003, 19
[12] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 8
[13] Wilson, Anthony T.: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns, Königshausen und Neumann, Würzburg, 2003, 7

Morgensterns Werke

Die Werke Christian Morgensterns lassen sich grob in zwei Gebiete unterteilen: das "seriöse Werk" und das "humoristische Werk". Hier stehen also zwei Gruppen nebeneinander, die schwerlich zusammen deutbar sind. Daher sucht die literaturwissenschaftliche Forschung nach der Geschlossenheit einer solchen Vielfalt. [14] "Das 'seriöse' aber verhält sich zum 'humoristischen' Werk wie eine gotische Kirche zu den sie schmückenden übermütigen, grotesken Figuren und Teufelsfratzen, die über den Ernst des Himmelstürmens zu spotten scheinen. (...) Die 'Gegensätzlichkeit' der 'Vielgestaltigkeit' in seinem Werk ist nur eine scheinbare." [15]

Zu dem seriösen Werk zählen "In Phanta`s Schloß" (1895), "Auf vielen Wegen" (1897), "Ich und die Welt" (1898), "Ein Sommer" (1900), "Und aber ründet sich ein Kranz" (1902), "Melancholie" (1906), "Einkehr" (1910), "Ich und Du" (1911) und "Wir fanden einen Pfad" (1914). Dem humoristischen Werk werden "Horatius travestitus" (1896/97, 1911), "Galgenlieder" (1905, 1908) und "Palmström" zugeordnet. [16] Obwohl die Anzahl der seriösen Werke überwiegt, wurde Morgenstern immer mehr als Humorist betrachtet, nicht als ernstzunehmender Dichter. Erst in neuerer Zeit steht er im Mittelpunkt ernsthafter literatur-wissenschaftlicher Forschungen.

Zu seinen Lebzeiten veröffentlichte Morgenstern fünfzehn verschiedene Gedichtsammlungen und eine sechzehnte erschien wenige Wochen nach seinem Tod. In diesen Gedichtsammlungen sind annähernd neunhundert Gedichte enthalten, denen eine zyklische Geschlossenheit jedoch fehlt. [17]

Christian Morgenstern war aber nicht nur ein Dichter. Er war darüber hinaus auch Schriftsteller, Kritiker, Redakteur, Verlagslektor und Übersetzer. [18] Er veröffentlichte Essays, Buch- und Theaterrezensionen, Aphorismen und Epigramme in Zeitungen und Zeitschriften und gab selbst die Zeitschrift "Das Theater" heraus. Morgenstern übersetzte Henrik Ibsen u.a. aus dem Norwegischen und August Strindberg u.a. aus dem französischen. Des Weiteren existiert noch ein handschriftlicher Nachlass aus rund fünfzig Tagebüchern, die er ab 1887 geführt hat. Diese Tagebücher enthalten Ideen, Schemata, Skizzen und Pläne zu seinen poetischen Texten und Briefen.

Mit Christian Morgensterns Tod 1914 bricht die Veröffentlichung seiner Werke jedoch nicht ab. Seine Frau Magareta publizierte Teilsammlungen seiner Werke bis zu ihrem Tod 1968.

Morgenstern wird häufig in Verbindung mit dem Dadaismus gebracht, ja sogar als Vorläufer bezeichnet. Beim Dadaismus handelt es sich um eine internationale revolutionäre Kunst- und Literaturrichtung, die 1916, also zwei Jahre nach Morgensterns Tod, in Zürich entstanden ist. Dabei negierten die Dadaisten jegliches Kunstideal und proklamierten absolute Freiheit der künstlerischen Produktion sowie einen konsequenten Irrationalismus in der Kunst. [19] Dabei stand das Kabarett im Mittelpunkt ihres Widerstandes, der sich aber auch in Collagen, Zufallstexten, reduzierten Texten, Lautgedichten, Geräuschkonzerten etc. niederschlug. Nach dem Ende des 1. Weltkrieges löste sich der Dadaismus in verschiedene Richtungen auf. [20] Formen des Dadaismus lassen sich durchaus in Morgensterns Gedichten festmachen, etwa bei "Fisches Nachtgesang" [8] oder "Das große Lalula" [21] aus den Galgenliedern, welche mit Sprache spielen und bei erster Betrachtung nicht entschlüsselt werden können. "Auch die tiefere, unausgesprochene Motivation eines solchen Treibens rückt die Galgenbrüder in die geistige Nähe der Dadaisten (...) Allen war eines gemein: der radikale Ausbruch aus dem bürgerlichen Leben."[22] Jedoch blieben die Galgenbrüder im Gegensatz zum Kabarett, zum Cabaret Voltaire (Züricher Dada, 1916-1918) und dem Club Dada (Berliner Dada, 1918-1920) unter sich.

[14] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 20
[15] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 21
[16] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 20
[17] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 13
[18] Wilson, Anthony T.: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns, Königshausen und Neumann, Würzburg, 2003, 7
[19] Baer, Dieter, Fritzsche, Pia et al., Duden Fremdwörterbuch, Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich7, 2001, 194
[20] Schweikle, Günther, Metzler Literaturlexikon, Metzler, Stuttgart2, 1990, 91 f.
[21] Wilson, Anthony T.: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns, Königshausen und Neumann, Würzburg, 2003, 201
[22] Wilson, Anthony T.: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns, Königshausen und Neumann, Würzburg, 2003, 108


Die Galgenlieder als bekannteste Gedichtsammlung

Der Verein "Galgenberg" wurde 1895 nach einem Ausflug von acht Studenten nach Werder bei Potsdam auf den Galgenberg gegründet. Bei ihm handelte es sich um einen "ganz privaten Witz" [23]. Er bestand aus eben diesen acht Studenten, Georg und Julius Hirschfeld, Beblo, Schäfer, Körner, Wernicke, Kayßler und Morgenstern. Die Mitglieder nannten sich selbst Galgenbrüder und gaben sich schaurige Decknamen, wie etwa Rabenaas für Christian Morgenstern. Dieser hatte auch den Vorsitz bei Versammlungen, die in immer verschiedenen Lokalen stattfanden -mehr als einmal wurden sie von keinem Wirt aufgenommen- inne. Ihre Satzungen standen auf Pergament mit Blutspritzern aus roter Tinte. Ein Jahr nach der Gründung des Vereins löste er sich bereits wieder auf.

Insgesamt gibt es zweiundvierzig Galgenlieder mit einem Kern aus siebzehn. Sie heißen Lieder, da sie wirklich gesungen und am Klavier begleitet wurden. Die Klaviernoten sind leider schon zu Lebzeiten Christian Morgensterns verschwunden. Die Galgenlieder sind Lieder, die auf das Klangergebnis, die Verlautlichung von Sprache ausgerichtet sind. Daher weisen sie auch eine melodische Grundlinie auf. [24]

Bei dem Galgenberg handelt es sich um eine eigene Welt. Sie ist eine einsame ("Im Winde wackelt und nackelt und rackelt ein einsamer Schaukelstuhl" [25]) und eine nächtliche Welt ("Die Rehlein beten zur Nacht", "Ein Glockenton fliegt durch die Nacht" [26]). Es ist aber auch eine Mondwelt, die von Mondwesen, nämlich von Mondschafen und Mondkälbern bewohnt wird ("Das Mondschaf", "Das ästhetische Wiesel", "Mondendinge") [27]. Es sollte durch die Lieder, wie auch schon zuvor durch die Decknamen, eine schaurige Atmosphäre geschaffen werden.

Die Galgenlieder wurden erstmals 1905 gedruckt und erschienen im Bruno Cassirer Verlag Berlin. Nach ihrer Veröffentlichung war die deutsche Nation zweigespalten. Die einen waren aufgrund des Werkes heiter, die anderen betrübt. Der Autor selbst war sich bezüglich seines Werkes unsicher und stellte deshalb klar, dass das Buch das Ergebnis einer guten Laune ist, "die man sich ab und zu ja wohl auch einmal gestatten darf" [28]. Trotzdem blieb die Frage offen, ob solch ein Werk für einen Schöpfer von fünf seriösen Werken standesgemäß sei. Als 1908 die dritte erweiterte und veränderte Auflage erschien, sagte Morgenstern: "Ich bin froh, dass das Ganze jetzt ein richtiges Büchel geworden ist (...), so dass es jetzt ruhig neben meinen ernsten Sachen stehen kann." [29]. Die Frage nach der Standesgemäßheit schien ihn also immer noch zu berühren, so dass er einige Lieder, wie das "Bundeslied der Galgenbrüder", entschärfte und den Band um fünfundzwanzig neue Gedichte erweiterte.

[23] Neumann, Würzburg, 2003, 108
[24] Neumann, Würzburg, 2003, 110
[25] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 77
[26] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 77
[27] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 78 f.
[28] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 79
[29] Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985, 80


Die Lyrik Morgensterns im Unterricht der Primarstufe

4.1 Kinderlyrik in der Primarstufe

Die zentrale und fundamentale Aufgabe der Leseerziehung besteht darin, die Neugierde des Leseanfängers wach zu halten, Lesespaß zu vermitteln und Lesebedürfnisse weiterzuentwickeln [30]. Die Vorteile von Gedichten gegenüber anderen Texten sind, dass Gedichte in sich geschlossene, kurze und überschaubare Texte sind. Gedichte haben trotz oder gerade wegen ihrer Kürze eine große Aussagekraft und sind besonders einprägsam. Dabei überfordern sie weder die Konzentrationsfähigkeit noch das Aufnahmevermögen des Kindes.

Speziell bei Kinderlyrik handelt es sich also um Texte, die von Form und Inhalt her Kindern verständlich sind. Gerade in der Grundschule soll das mit Sprache agierende Kind zur Grundlage des Deutschunterrichts gemacht werden. Die Begegnung mit Lyrik, die den kindlichen Möglichkeiten der Rezeption entspricht, soll im Vordergrund stehen, nicht die literarische Form. Das Angebot für Kinder und der Imperativ für Lehrer bezüglich des Umgangs mit Gedichten lautet: Denke, sprich, erzähle, träume, verändere, gestalte [31]! Die Schüler müssen also Gelegenheit haben, Gedichten emotional, intellektuell und manuell zu begegnen. Dabei dürfen die kognitiven Tätigkeiten in Auseinandersetzung mit Lyrik nicht völlig unterbleiben. Vielmehr müssen die Schüler die Möglichkeit bekommen, die Metaphorik, den Klang, den Reim und den Rhythmus eines Gedichtes zu erleben.

Lyrik für Kinder sollte sich also nicht nur auf simple Aussagen, gleichmäßige rhythmische Wiederholungen und gereimte Endungen beschränken. Vielmehr sollte man darauf achten, dass die Gedichte die Kinder ansprechen und ihre Interessen, Ängste, Sorgen und Hoffnungen aufgreifen. James Krüss sagte einmal: "Erzählt ein Gedicht eine einfache Fabel (im Sinne von Geschichte) oder stellt es einen einfachen Sachverhalt dar und tut es dies auf eine unmittelbare Weise (...), so haben wir es mit einem naiven Gedicht zu tun. Kommt hinzu, dass das Gedicht (...) vom Kenner bewundert und vom Kind geliebt wird, so haben wir es mit einem idealen Gedicht zu tun." [32].

[30] Selnar, Petra: Kinder begegnen Gedichten, Oldenbourg Verlag, München, 1998, 17
[31] Selnar, Petra: Kinder begegnen Gedichten, Oldenbourg Verlag, München, 1998, 19
[32] Liebrich, Charlotte, Zahn, Erika: Mein Lesebuch N für die 4. Jahrgangsstufe, Lehrerhandbuch mit Arbeitsblättern, Bayerischer Schulbuch-Verlag, München, 1985, 139


Die Kinderlyrik Morgensterns

Zu Lebzeiten Christian Morgensterns wurde lediglich ein Buch mit Kinderlyrik, nämlich das "Osterbuch" (1908) sowie einige Kindergedichte in Zeitschriften und Lyrikbänden publiziert. Dies änderte sich nach seinem Tod. Seine Frau schuf Sammlungen, die dann veröffentlicht wurden: "Klein Irmchen" (1921), "Klaus Burrmann, der Tierweltphotograph" (1941), "Liebe Sonne, liebe Erde" (1943), "Sausebrand und Mausbarbier" (1951) sowie das "Traudl-Buch", welches Morgenstern für die Tochter eines Freundes geschrieben hatte [33].

Morgenstern verspürte im Alter von 37 Jahren noch immer die gleiche Lust am Spiel wie in seinen Kindertagen: "Ich könnte heute noch im Walde wie ein Knabe spielen. (...) So habe ich einmal, mit 35 Jahren, acht Tage am Strand von Sylt mit Bauen und Zimmern einer Strandhütte verbracht und war wohl selten so von Herzen froh wie bei diesem harmlosen Spiel." [34]. Dieses Zitat zeigt, dass Morgenstern der Kinderwelt als Erwachsener noch immer sehr nahe steht. Dies ist auch in seinen Gedichten deutlich spürbar. Wo ein Diminutiv vorkommt, kommt das Kindliche seiner Natur zum Vorschein [35].

Morgensterns Kinderverse verfolgen im Allgemeinen keine pädagogische Absicht oder sonst irgendeinen praktischen Zweck. Die Gedichte sollen die Kinder erfreuen. Daher kreisen sie um Themen, die Kinder ansprechen. So erscheint immer wieder das Motiv des Tieres, entweder als agierendes Subjekt vermenschlicht oder als leichte Beute für Burrmanns Photomanie. In Morgensterns Kinderbüchern, mit Ausnahme von Klaus Burrmann, herrscht die Freude am Klang, an Assonanzen, an Lautmalerei und am Rhythmus vor. Damit stehen die Gedichte herkömmlichen Kinderliedern sehr nahe [36].Doch im Gegensatz zu den Kinderliedern, in denen der Sinn meist zu Gunsten von Lauten verloren geht, bleibt der Sinnzusammenhang bei Morgenstern meistens sichtbar.

Die Sorgfalt, mit welcher Morgenstern diese schlichten Verse schmiedete und besonders sein Vermögen, sich in die kindliche Seele hineinzufühlen, machen aus mehreren Kindergedichten richtige Kunstgebilde, die seinen anderen lyrischen Schöpfungen ebenbürtig sind [37].

[33] Cureau, Maurice (Hrsg.): Christian Morgenstern Werke und Briefe, kommentierte Ausgabe, Band III, Humoristische Lyrik, Urachhaus, Stuttgart, 1990, 863
[34] Cureau, Maurice (Hrsg.): Christian Morgenstern Werke und Briefe, kommentierte Ausgabe, Band III, Humoristische Lyrik, Urachhaus, Stuttgart, 1990, 864
[35] Cureau, Maurice (Hrsg.): Christian Morgenstern Werke und Briefe, kommentierte Ausgabe, Band III, Humoristische Lyrik, Urachhaus, Stuttgart, 1990, 864
[36] Cureau, Maurice (Hrsg.): Christian Morgenstern Werke und Briefe, kommentierte Ausgabe, Band III, Humoristische Lyrik, Urachhaus, Stuttgart, 1990, 866
[37] Cureau, Maurice (Hrsg.): Christian Morgenstern Werke und Briefe, kommentierte Ausgabe, Band III, Humoristische Lyrik, Urachhaus, Stuttgart, 1990, 866


Konkrete Lyrik

Das Gedicht "Die Vogelscheuche"

Die Vogelscheuche [38]

Die Raben rufen: "Krah, krah, krah!
Wer steht denn da, wer steht denn da?
Wir fürchten uns nicht, wir fürchten uns nicht,
vor dir mit deinem Brillengesicht.
Wir wissen es ja ganz genau,
du bist nicht Mann, du bist nicht Frau.
Du kannst ja nicht zwei Schritte gehn
und bleibst bei Wind und Wetter stehn.
Du bist ja nur ein bloßer Stock,
mit Stiefeln, Hosen, Hut und Rock.
Krah, krah, krah!"


Das Gedicht "Die Vogelscheuche" wurde 1951 im Band "Sausebrand und Mausbarbier" im Gerhard Stalling Verlag veröffentlicht. Das Gedicht hat enigmatischen [39] Charakter. Ohne Überschrift wirkt es wie ein Rätsel, welches entschlüsselt werden will.

In dem Gedicht geht es um Raben, die das Geheimnis einer Vogelscheuche aufdecken. Diese soll die Raben im Normalfall davon abhalten, die Saat des Feldes oder des Gartens zu fressen. Die Vogelscheuche, die ja mit ihren Kleidungsstücken einem Menschen entsprechen soll, jagt den Raben aber keine Angst ein. Im Gegenteil, die Raben verspotten sie und zeigen, dass sie das Werk der Menschen längst durchschaut haben. Die Raben sind in dem Gedicht vermenschlicht, denn sie können rufen und im gesamten Gedicht herrscht die wörtliche Rede der Raben vor.

Das Gedicht besteht aus drei Strophen, wobei die erste und die zweite jeweils vier Verse aufweisen und die dritte lediglich drei. Die Form des Gedichtes ähnelt somit einem Sonett [40], wobei die letzte Strophe mit drei Versen hierbei fehlt. Morgenstern verwendet, mit Ausnahme des letzten Verses, durchgängig als Endreim einen Paarreim. Der letzte Vers reimt sich auf den ersten bzw. zweiten Vers und bildet einen Rahmen um das gesamte Gedicht. Der im Gedicht vorherrschende Paarreim könnte auf die Einfachheit der Thematik hinweisen.

Im Gedicht kommen gehäuft Wiederholungen von einzelnen Wörtern oder von Satzteilen vor. Das wiederholende Krächzen der Raben (Vers 1; 11) könnte die dauernde Einwirkung des Krächzens auf die Vogelscheuche darstellen. Die Wiederholung des Satzes in Vers 2 stellt eine Steigerung der Verspottung dar. Dadurch wirkt die Vogelscheuche wie eine Farce, wie eine Dummheit der Menschen. Dies wird auch durch Vers 3 belegt, in dem zweimal betont wird, dass die Raben keine Angst vor der Vogelscheuche haben. Abgerundet wird die Verspottung durch das erneute Krächzen der Raben am Ende des Gedichtes. Somit wird der Anfang des Gedichtes nochmals aufgegriffen und ein Rahmen entsteht.

Das Verhältnis von Vers und Satz folgt hier den drei Arten Zeilenstil [41], Enjambement [42] und Hakenstil [43]. Die Verse 1, 2 und 11 weisen den Zeilenstil auf. Das Satzende stimmt mit dem Versende überein. Auch hier zeigt sich also wieder der Rahmen, den Morgenstern scheinbar um das Gedicht gelegt hat. Die Verse 3 bis 10 folgen dem Hakenstil, wobei jeweils zwei aufeinander folgende Verse Enjambements aufweisen.

Wie bei Morgensterns Kinderlyrik üblich, stehen hier die Tiere, nämlich die Raben, welche die Vogelscheuche beschreiben, im Vordergrund. Er verfolgt bei diesem Gedicht wohl keinen pädagogischen Zweck, sondern möchte die Kinder erfreuen. Das Gedicht ist Selbstzweck. Auch in diesem Gedicht herrscht die Freude am Klang, an der Lautmalerei und am Rhythmus vor. Dies lässt sich am Krächzen der Raben, an der Assonanz des Vokals a in "Raben" und "Krah" und an gleich aufgebauten Versen festmachen (vgl. z.B. Vers 6). Der Sinnzusammenhang wird hier durch die Lautmalerei, im Gegensatz zum häufigen Verlust in Kinderliedern, sogar noch hervorgehoben.

[38] Cureau, Maurice (Hrsg.): Christian Morgenstern Werke und Briefe, kommentierte Ausgabe, Band III, Humoristische Lyrik, Urachhaus, Stuttgart, 1990, 491
[39] rätselartig
[40] Wikipedia:Sonett
[41] jede Verszeile drückt einen abgeschlossenen Gedanken aus, einfache syntaktische Struktur, jede Zeile ein selbständiger Hauptsatz, in selteneren Fällen ein abgeschlossener Nebensatz, literarisch-poetische Tradition: volkstümlich Versende fällt regelmäßig mit einem syntaktischen Einschnitt oder zumindest dem Ende eines Satzgliedes zusammen, graphische Kennzeichnung durch Satzzeichen nicht zwingend notwendig
[42] auch Zeilensprung) Übergang eines Satzes von einer Zeile in die andere und auch von einer Strophe in die andere Fortführung einer syntaktischen Einheit und damit eines Sinnzusammenhanges über das Versende hinweg in den folgenden Vers hinein, durch Wegfall der ansonsten obligaten Pause am Versende Sprechtempo gesteigert
[43] auch Bogenstil) komplizierterer Satzbau: Gedanke schlängelt sich durch zwei oder mehrere Zeilen hindurch, Pausen nach den einzelnen Zeilen bedeutend reduziert syntaktisches Ende eines Satzes in die Versmitte eines Langverses


Didaktische Überlegungen

Im Unterricht der Primarstufe würde ich nicht die literarische Form des Gedichtes in den Vordergrund stellen. Vielmehr halte ich die Begegnung mit Lyrik an sich für wichtig. Die Kinder sollen die Chance bekommen, das Gedicht nach ihren eigenen Möglichkeiten zu rezipieren. Dabei halte ich eine aktive, fantasievolle und schöpferische Auseinandersetzung mit dem Gedicht für erstrebenswert.

Bei diesem Gedicht könnte ich mir aufgrund seines enigmatischen Charakters her vorstellen, es den Kindern als Rätsel zu geben. Dabei würde ich die Überschrift entfernen und das Gedicht entweder als Ganzes oder Strophenweise austeilen. Ich würde die Kinder bei dem in Strophen geteilten Gedicht wahrscheinlich eher in Gruppen arbeiten lassen, da sie sich dann gegenseitig unterstützen können. Wenn das Gedicht als Ganzes ausgeteilt würde, würde ich sie eher einzeln arbeiten lassen, da die Lösung bei dieser Variante eindeutiger ist. Nach dem das Rätsel um den im Gedicht beschriebenen Gegenstand gelöst wurde, würde ich die Kinder in beiden Fällen eine Überschrift für das Gedicht suchen lassen. Dies ist nämlich die Vorstufe zu einer interpretativen Auseinandersetzung mit einem Text. Die Kinder werden durch solche Aufgaben also langsam auf das Interpretieren von Gedichten vorbereitet.

Ich könnte mir vorstellen, mit den Kindern den Klang und den Rhythmus des Gedichtes zu erarbeiten. Dabei würde ich auf unterschiedliche Lautstärken und Tonfälle achten. Man könnte sogar eine Sprechfassung mit Partitur herstellen. Dabei würde die Partitur als visuelle Stütze für die Erarbeitung der Klangform stehen und inhaltlich die Verspottung der Raben kennzeichnen.

Des Weiteren wäre es möglich, das Gedicht mit verteilten Rollen zu lesen. Dabei würde eine Gruppe die "Du"-Verse und die andere die "Wir"-Verse lesen. Damit könnte man den Gegensatz von der stummen Vogelscheuche zu den rufenden Raben herausarbeiten. Zudem würde ein solches Lesen zu einer "farbigeren" Intonation führen und man könnte so dem Vorurteil einer bloßen Sprechübung entgegenwirken.

Zuletzt halte ich es für denkbar, dass die Kinder eine Antwort der Vogelscheuche auf die Verspottung hin schreiben. Dies könnte beispielsweise in Form eines Gedichtes, eines Textes in wörtlicher Rede oder auch eines Briefes an die Raben stattfinden. Dabei sollen sich die Kinder in die Vogelscheuche hineinversetzen, um so ihrer Gefühlslage in ihren selbstgeschriebenen Texten Ausdruck zu verleihen.


Das Gedicht "Wenn's Winter wird"

Wenn`s Winter wird [44]

Der See hat eine Haut bekommen,
so dass man fast drauf gehen kann,
und kommt ein großer Fisch geschwommen,
so stößt er mit der Nase an.
Und nimmst du einen Kieselstein
und wirfst ihn drauf, so macht es klirr
und titsch - titsch - titsch - dirrrrrr.
Heißa, du lustiger Kieselstein!
Es zwitschert wie ein Vögelein
und tut als wie ein Schwälblein fliegen -
doch endlich bleibt mein Kieselstein
ganz weit, ganz weit auf dem See draußen liegen.
Da kommen die Fische haufenweis
und schaun durch das klare Fenster von Eis
und denken, der Stein wär etwas zum Essen;
doch so sehr sie die Nase ans Eis auch pressen,
das Eis ist zu dick, das Eis ist zu alt,
sich machen sich nur die Nase kalt.
Aber bald, bald, bald
werden wir selbst auf eigenen Sohlen
hinausgehn können und den Stein wieder holen.


Das Gedicht "Wenn's Winter wird" ist vermutlich zwischen Januar und Februar 1906 entstanden. Morgenstern befand sich zu diesem Zeitpunkt im Sanatorium in Birkenwerder. Dort lebte er zurückgezogen von den anderen Gästen, ja fast wie ein Einsiedler, und hatte lediglich Kontakt zu einer russischen Jüdin und ihren beiden Töchtern [45].

Das Gedicht wurde 1921 im Band "Klein Irmchen" im Bruno Cassirer Verlag veröffentlicht.

Im Gedicht wird beschrieben, wie sich die Natur, speziell ein See, im Winter verändert. Es wird darauf eingegangen, was die Veränderung des Sees, nämlich das Zufrieren, für die Menschen und die Tierwelt bedeutet. Die Menschen können Steine auf den See werfen, die von der Eisschicht am Untergehen gehindert werden. Jedoch ist das Eis noch nicht dick genug, um Menschen zu tragen. Die Fische, die unter der Eisschicht leben, halten den Stein für Futter, was auf einen Nahrungsmangel hinweisen könnte.

Das Gedicht hat vier Strophen mit unterschiedlicher Anzahl von Versen. Die erste Strophe besteht aus vier Versen und weist als Endreim einen Kreuzreim auf. Zudem hat sie einen durchgängigen Enjambement, da der eigentliche Satz erst am Schluss der Strophe endet. Die zweite Strophe hat acht Verse. Dabei haben die Verse fünf bis acht einen umarmenden Reim, Vers acht und neun jedoch einen Paarreim. Hier könnte auf die besondere Verbindung von dem "toten" Kieselstein und dem "zwitschernden" Vögelein aufmerksam gemacht werden, denn beide Verse beschreiben den geworfenen Stein. Die besondere Bedeutung von Vers acht wird zudem dadurch hervorgehoben, dass es der einzige Vers ist, der im Zeilenstil geschrieben ist. Das Gedicht besteht sonst nur aus Enjambements, die sich meist über eine komplette Strophe ziehen. Vers neun bis zwölf weist wiederum einen umarmenden Reim auf. Die dritte Strophe beinhaltet sechs Verse mit einem Paarreim, wobei die dritte und die vierte Strophe durch den Paarreim von Vers achtzehn und neunzehn miteinander verbunden wird. Die vierte Strophe besteht aus drei Versen.

Im Gedicht wird der Leser direkt durch ein lyrisches Ich angesprochen (Vers 5; 6). Der Angesprochene soll einen Kieselstein auf den See werfen. Der Aufprall des Steins wird durch Assonanzen und Lautmalerei beschrieben. Anschließend wirft das lyrische Ich einen Stein, wobei hier die Flugbahn beschrieben wird. In der letzten Strophe verschmelzen das "du" und das lyrische Ich zu einer Einheit. Hier heißt es "Wir" (Vers 20). Durch das vertraute "Wir" wird der Leser zum Mitspielen angeregt.

Morgenstern arbeitet in diesem Gedicht mit Lautmalerei, wobei er auch <a onmouseover="return escape('Wortneubildungen')">Neologismen</a> schafft. Der Aufprall des Steins auf das Eis wird mit den Worten "titsch - titsch - titsch - dirrrrrr" (Vers 7) beschrieben. Dadurch kann man sich richtig vorstellen, wie der Stein auf den See aufkommt, dreimal weiterspringt und endlich liegen bleibt. Die Lautmalerei Morgensterns wird ebenfalls durch die Wörter "klirr" (Vers 6) und "zwitschert" (Vers 9) deutlich.

In diesem Gedicht ist auch der Rhythmus, vor allem von Vers acht bis zwölf, wichtig. Hier wird das Werfen des Steins und sein Flug rhythmisiert. Man kann förmlich durch den Vergleich mit der Schwalbe die Schnelligkeit ihres Fluges spüren und man hat die Flugbahn vor Augen. Vers zehn bis zwölf kontrastieren das Tempo. Hier wird der Kieselstein, und somit das Tempo, immer langsamer, bis der Stein endlich weit draußen auf dem See liegen bleibt.

Wie bei Morgenstern üblich, werden auch in diesem Gedicht die Tiere, nämlich die Fische, vermenschlicht. Sie können durch ein Fenster schaun (Vers 14), denken (Vers 15), halten den Stein für etwas zum Essen (anstatt etwas zum Fressen) (Vers 15) und haben Nasen, die sie ans Eis pressen und die dadurch kalt werden (Vers 16; 18).

[44] Cureau, Maurice (Hrsg.): Christian Morgenstern Werke und Briefe, kommentierte Ausgabe, Band III, Humoristische Lyrik, Urachhaus, Stuttgart, 1990, 491 f.
[45] Cureau, Maurice (Hrsg.): Christian Morgenstern Werke und Briefe, kommentierte Ausgabe, Band III, Humoristische Lyrik, Urachhaus, Stuttgart, 1990, 238


Didaktische Überlegungen

Ich denke, dass es vielseitige Verwendungsmöglichkeiten für dieses Gedicht im Unterricht der Primarstufe gibt. Aber auch hier würde ich den individuellen Zugang der Kinder und die Freude an Gedichten in den Vordergrund stellen, und nicht die literarische Form.

Zunächst einmal wäre es möglich, das Gedicht als Einstieg für eine Unterrichtsreihe über den Winter oder über die Jahreszeiten allgemein zu benutzen. Es beinhaltet viele charakteristische Merkmale des Winters, die heutigen "Stadtkindern" in dem Maße nicht mehr bekannt sind. Dabei könnte man herausarbeiten, wie sich die Tierwelt und die Welt der Menschen verändert und was diese Veränderungen bedeuten.

Die Kinder könnten durch die Lektüre dieses Gedichtes angeregt werden, eigene Wintererlebnisse niederzuschreiben, entweder ebenfalls in Form eines Gedichtes oder als Texte. Diese könnten dann zu einem Buch zusammengefasst werden, so dass die Kinder die Erlebnisse der anderen auch kennen lernen können.

Ebenfalls denkbar wäre es, dass man das Gedicht als ein Wintergedicht nimmt, und die Kinder dann in Lesebüchern und Gedichtbänden nach weiteren suchen lässt. Diese könnten dann in der Klasse vorgestellt und in einer Anthologie zusammengestellt werden.

Was man mit diesem Gedicht aufgrund seiner klanglichen Struktur auch machen könnte, ist das sinnerschließende und das rhythmisierende Lesen. Die Kinder könnten sich selbst Zeichen überlegen, mit denen sie Sprechtempo, Heben und Senken der Stimme markieren. Das Gedicht könnte dann auf einer Klassenfeier oder auch im Unterricht vorgetragen werden. Darüber hinaus wäre es auch möglich, das Gedicht mit Musik zu vertonen. Die Kinder müssten sich dann geeignete Instrumente suchen und sie gezielt an den entsprechenden Stellen einbringen.


Abschlussbetrachtung

Als ich mich mit der Biographie von Christian Morgenstern beschäftigte, fand ich es sehr interessant herauszufinden, wie vielseitig dieser Mensch gewesen ist. Er übte vielfältige Berufe aus, hielt anstatt zu seinem Vater zu seiner Stiefmutter, und bereiste fast ganz Europa. Morgenstern übersetzte Texte von Strindberg und Ibsen und studierte Fächer, die nichts mit Lyrik oder Sprache an sich zu tun haben.

Bemerkenswert fand ich auch, dass viele seiner Werke erst nach seinem Tod veröffentlicht wurden. Dabei bleibt die Frage ungeklärt, ob Morgenstern selbst einer Veröffentlichung zugestimmt hätte. Jedenfalls schuf seine Frau dadurch ein unvergleichliches Bild Christian Morgensterns.

Bei der Beschäftigung mit der Kinderlyrik Christian Morgensterns fand ich es überraschend, dass er mit seinen Gedichten keinen pädagogischen oder sonst irgendeinen Zweck verfolgte. Er schrieb die Gedichte, um die Kinder zu erfreuen, um ihnen Lyrik nahe zu bringen. Dies gelang ihm wahrscheinlich so gut, da er zum einen bei Kindern beliebte Motive verwendete, zum anderen, da er selbst in seinem Herzen immer ein Kind geblieben war und sich so besonders gut in die Seele der Kinder hineinversetzen konnte, eine Eigenschaft, die meiner Meinung nach auch jeder Lehrer haben sollte.

Als Gedichte für den Unterricht in Primarstufe wählte ich "Die Vogelscheuche" und "Wenn`s Winter wird", da ich glaube, dass sie Kinder ansprechen. Sie sind leicht verständlich und enthalten auf einem kurzen Textstück richtige Geschichten. Bei den didaktischen Überlegungen ist mir aufgefallen, wie wenig Material es zur Lyrik gibt. Eine Lehrerin, die ihre Schüler und Schülerinnen für Lyrik begeistern möchte, braucht eine "ordentliche Portion" Eigenverantwortung und Engagement. Beim Lyrikunterricht in der Primarstufe geht es nämlich nicht um literarische Formen, sondern darum, die Kinder für Lyrik zu begeistern. Und wenn die Lehrerin dies geschafft hat, dann hat sich der vorige Aufwand auch gelohnt.


Literaturverzeichnis

  1. Baer, Dieter, Fritzsche, Pia et al.: Duden Fremdwörterbuch, Dudenverlag, Mannheim, Leipzig, Wien, Zürich7, 2001
  2. Bauer, Michael: Christian Morgensterns Leben und Werk, Urachhaus Johannes M. Mayer, Stuttgart, 1985
  3. Cureau, Maurice (Hrsg.): Christian Morgenstern Werke und Briefe, kommentierte Ausgabe, Band III, Humoristische Lyrik, Urachhaus, Stuttgart, 1990
  4. Kretschmer, Ernst: Christian Morgenstern, Metzler, Stuttgart, 1985
  5. Liebrich, Charlotte, Zahn, Erika: Mein Lesebuch N für die 4. Jahrgangsstufe, Lehrerhandbuch mit Arbeitsblättern, Bayerischer Schulbuch-Verlag, München, 1985
  6. Schweikle, Günther: Metzler Literaturlexikon, Metzler, Stuttgart2, 1990
  7. Selnar, Petra: Kinder begegnen Gedichten, Oldenbourg Verlag, München, 1998
  8. Wilson, Anthony T.: Über die Galgenlieder Christian Morgensterns, Königshausen und Neumann, Würzburg, 2003