Christian Morgenstern. Lechner Publishing Ltd.. 1998

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Titel
Christian Morgenstern
Gedichte, Verse, Sprüche
Auflage
1998
ISBN
ISBN 3-85049-601-5
ISBN 3-933070-40-6 (Edition Lempertz)
Verlag
Lechner Publishing Ltd.
In der Edition Lempertz GmbH erschien 2004, das exakt gleiche Werk. Lediglich Cover und Papierdicke sind anders.
Maße, Seiten, Einband
14 x 19,8 x 6,2 cm, 626 S., Hardcover
Abbildungen
Einführung
Über Christian Morgenstern
Im Mittelpunkt ernsthafter literaturwissenschaftlicher Forschung steht er erst seit kurzem. Denn man ordnete ihn von Anfang an bei den Humoristen ein. Dafür entschädigt, dass viele seiner Verse allgemein geläufig sind, oft jedoch ohne dass man den Namen des Urhebers nennen kann.
Klabund, selbst literarischer Außenseiter, würdigt seinen Dichterkollegen:
"Christian Morgenstern schuf in seinen Palmströmgedichten eine grotesk-philosophische Lyrik eigenster Prägung, die besonders dem menschlichen und vermenschlichten Tier zu Leib und Seele rückt.... Da erscheint ein Steinochs, der sich von menschlicher Gehirne Heu nährt... Wir sind hoch und heiter beglückt, dass es ihn noch gibt. Palmström, der unbürgerliche Bürger, schwankt, von leichten Gedanken beschwert, wie ein Zweig im Winde; er ist immer ein wenig zart und zärtlich. Seine Muhme Palma Kunkel wackelt neben ihm her und sein Spiel- und Spießgeselle v. Korf macht lange Schritte und freut sich, weil er eine neue Art von Witzen erfunden hat.... Die Dadaisten, Apologetiker des abstrakten Humbugs, sind ... Morgensterns Nachfahren."
(Klabund: Literaturgeschichte)'
Kurt Tucholsky bemerkt, Morgenstern beherrsche die unheimliche Kunst, Kompliziertes in fabelhafte Verse zu fassen. Ihm scheint eine Art Aufhebung der Kausalität, abgesehen von den sprachlichen Witzen, von der großen technischen Fähigkeit, Sinnloses in Goetheschem Ton vorzutragen, das beste zu sein. Und an anderer Stelle:
"... man weiß zum Schluss nicht, was man mehr bewundern soll, die Clownerie oder die tiefe Weisheit; und es bleibt der tiefe Schmerz übrig, dass dieses reine Herz und dieser Kopf zu früh von uns gegangen ist."
Die Kabaretthistoriker erwähnen Christian Morgenstern mehrfach: Das beginnt mit der 1895 in Berlin entstandenen Künstlergruppe, die sich "Galgenbrüder" nennt. Ihr Vorsitzender ist der 24jährige Christian Morgenstern. Für diese Bruderschaft schrieb er seine Verse, viele setzt Julius Hirschfeld, der Komponist des Kreises, sofort in Musik. Die ersten handgeschriebenen Lieder ließ man in sonderbaren Liederbüchern binden, in verbeultes Blech, ein anderer Einband war mit einem echten Hufeisen verziert.
Bald schon gehörten Morgenstern-Verse zum Repertoire der Brettlbühnen, eine Tradition, die bis heute anhält. So rezitierte man Morgenstern 1916 im Züricher Cabaret Voltaire zur Geburt des Dadaismus. Nach 1945 begeisterten die Schauspieler Günter Lüders und Gert Fröbe neben vielen anderen mit Morgenstern-Rezitationen. Friedrich Gulda vertonte Morgenstern-Gedichte.
Peter Härtling gab einer Essay-Sammlung den vielsagenden Titel "Palmström grüßt Anna Blume" und stellt die ganze Verwandtschaft vor: den Seemann Kuttel Daddeldu von Joachim Ringelnatz, Dr. Enzian von Peter Paul Althaus, die Anna Blume des Kurt Schwitters. Auch Bert Brechts Herr Keuner gehört in diese Riege.
Christian Morgenstern ist zeitlos. An Originalität und Sprachstil ist er kaum überboten worden. Doch im Absurden der Galgenpoesie klingen schon die höheren Zusammenhänge der ernsten Morgenstern-Gedichte an.
Christian Morgenstern wirkt zwiespältig. Hier der Grotesken-Dichter, dort der halb-philosophische, dem Mystischen zugewandte Denker. Als 1919 "Stufen" aus Christians Morgensterns Nachlass erschien, Untertitel "Eine Entwicklung in Aphorismen und Tagebuchnotizen", schrieb Arthur Holitscher:
"Aphorismen sind zweifelhafte Produkte des Geistes. Ein Einfall, so glänzend er auch sein mag, hat nicht selten den Mangel an Gedanken, das Fehlen eines Systems zu verdecken. Anders verhält es sich mit den Aphorismen in diesem Buch. Hier wickelt sich das Leben eines Menschen in rapiden, kurzen Sätzen ab, von denen jeder einen Ausblick auf eine durchlaufene Strecke gewährt... Oft tut sich zauberhaft eine ungeheure Perspektive auf, ein schwindlig schöner weiter Blick in nie geahnte Fernen. Morgensterns Leben war das Leben eines Enthusiasten, eines stark und unbeirrbar ethisch gerichteten Menschen....
Zutiefst litt er unter seinem Humor, wie jeder, dessen Humor aus der Einsicht der Sinnlosigkeit, der Unenträtselbarkeit des Menschen und seiner Welt sprießt.... Am stärksten berührt mich Morgenstern dort, wo er aus dem Mystischen das Soziale ableitet. Wo er Lebensregeln transzendentaler Art für das Verhalten des Menschen zum Menschen findet.
Die Krankheit war Begleiterin von Morgensterns Gedanken, die Krankheit, die tückisch und ohne Unterlass an seinem Leibe zehrte. Wo er aus dem Bezirk des Erkennbaren hinüber ins Außerordentliche strebt, deckt sich seine Vorstellungswelt zuweilen ganz eng mit der der deutschen Mystiker des Mittelalters. Man fühlt aber eine Schwäche, ein Versagen, die Kraft- und Mutlosigkeit des kranken Mannes."
(Weltbühne 1919)
Unter solchen Aspekten bekommen wir mehr Verständnis für einige gefühlsseelige Morgenstern-Gedanken, für seine so stark "jenseits-erfüllten" Verse.
Die Titel der Sammlungen, die zu seinen Lebzeiten erschienen, bieten keine thematisch zwingend zusammengehörenden Gedichtfolgen. Die einzelnen Ausgaben waren nicht allzu umfangreich. Alles wirkt zufällig, Verse wurden in neuen Auflagen weggelassen, in späteren Sammlungen tauchen sie wieder auf.
Doch die wie zufällig wirkende Präsentation schafft einen besonderen Leseanreiz. Sie wurde auch im vorliegenden Band beibehalten. Wer möchte schon lauter Tiergedichte hintereinander lesen, dann lauter Mondverse, später ununterbrochen über die "menschlichen Schwächen" der Alltagsdinge nachdenken und schmunzeln. Besitzt doch jedes Gedicht ein Eigenleben. Man sollte sich also beim Lesen Zeit lassen, das einzelne Gedicht auf sich wirken lassen. Die Empfehlung von Bert Brecht gilt auch für die Galgenpoesie:
"Diese Hauspostille ist für den Gebrauch der Leser bestimmt. Sie soll nicht sinnlos hineingefressen werden."
Nicht ohne Grund hat Christian Morgenstern seinen Galgenliedern das Motto gegeben:
"Lass die Moleküle rasen,
was sie auch zusammenknobeln!
Lass das tüfteln, lass das Hobeln,
heilig halte die Ekstasen!"
Das Phänomen Christian Morgenstern: Ein heiterer Dichter - mit tiefen Gedanken. Kurt Tucholsky bemerkte dazu:«
"Man lacht sich krumm, bewundert hinterher, ernster geworden, eine tiefe Lyrik, die nur im letzten Augenblick ins Spaßhafte abgedreht ist - und merkt zum Schluss, dass man einen philosophischen Satz gelernt hat."
Bei der Lektüre werden Sie, liebe Leser, feststellen: Christian Morgenstern ist ein Gewinn. Er animiert zu Skepsis und zum Hinter-die-Dinge-denken. Er zeigt, dass Heiterkeit nicht Oberflächlichkeit sein muss.
Hans Reinhard Schatter
München, im Sommer 1993